Wie das Dorf Hagen im Jahre 1866 nur knapp einer Katastrophe entging

Wie das Dorf Hagen im Jahre 1866 nur knapp einer Katastrophe entging

Von Rainer Rottmann

Es ist den meisten Lesern wohl bekannt, dass das Dorf Hagen im Jahr 1723 und ein weiteres Mal 1892 von Feuersbrünsten heimgesucht worden ist.

Bei dem ersten großen Brand von 1723 verbrannten 24 Gebäude, bei dem zweiten großen Brand von 1892 immerhin 18 Gebäude. Ein wesentlicher Grund, warum das Feuer bei beiden Brandkatastrophen so rasant um sich greifen konnte, lag eindeutig in der im Ortskern vorhandenen dichten Bebauung, bei der die Häuser zum Teil Wand an Wand standen. Wenn dort ein Haus brannte, war sofort das ganze Dorf akut gefährdet, zumal die meisten Gebäude noch bis zum großen Brand von 1892 Fachwerkbauten waren.

Den Bewohnern des Dorfes war diese latente Gefahr durchaus bewusst. Aus gutem Grund war die um 1780 auf Gemeindekosten angeschaffte fahrbare „Feuerspritze“ in einem Gebäude auf dem Kirchhof, also in unmittelbarer Nähe zum Ortskern, untergebracht. Gleichwohl hatten sich einige Privatleute auch eigene Handdruckwasserspritzen angeschafft. Die im Falle eines Brandes schneller zur Hand waren als die fahrbare Gemeindespritze. Wie wichtig dies sein könnte, zeigt ein Brand aus dem Jahr 1866, der leicht zu einer weiteren verheerenden Feuersbrunst in Hagen hätte werden können.

Hierzu im Einzelnen:

Am Pfingstsonntag, dem 20. Mai 1866, hatten die Einwohner von Hagen einen herrlichen Sonnentag mit fast schon hochsommerlichen Temperaturen erlebt und waren abends mit der Hoffnung auf einen ebenso schönen Pfingstmontag zu Bett gegangen; doch mitten in der Nacht riss der gefürchtete Ruf „FEUER“ die Dorfbewohner aus dem Schlaf. Aus dem Brauhaus unter der Stallung des Gastwirtes Gerhard Wilhelm Beckmann an der Dorfstraße (Dorfstr. Nr. 11) loderte Feuer. Schnell wurden die Kirchenglocken geläutet, um auch die umliegenden Dorfbewohner zu alarmieren und zu Hilfe zu rufen, doch schon bald schlugen helle Flammen auch aus dem großen Gebäude der Gastwirtschaft Beckmann, welches erst 1724 nach dem großen Brand von 1723 errichtet worden war.

Der nächtliche Himmel über Hagen war vom Feuer erleuchtet; umherfliegende Funken setzten schließlich auch noch eine alte Scheune der auf der anderen Straßenseite gelegenen Gastwirtschaft Plantholt (heute Dorfstr. 8) in Brand. Das Feuer drohte um sich zu greifen und manch einer der Dorfbewohner mag die Befürchtung gehabt haben, das Dorf werde von einer Feuersbrunst wie 1723 verzehrt.

In dieser Situation behielt der Schönfärber Clausing einen kühlen Kopf und schaffte seine Handdruckpumpe auf das Dach seines Hauses (Dorfstraße 4), um das Dach seines eigenen und die Dächer der umliegenden Häuser mit Wasser zu bespritzen und so ein Umsichgreifen des Feuers zu verhindern. Der Plan glückte und so konnte durch aktive Mithilfe der Dorfbewohner eine Feuersbrunst verhindert werden; das Dorf Hagen hatte nochmals Glück gehabt und so berichtete die „Osnabrücker Zeitung“ in ihrer Ausgabe vom 28. Mai 1866 lapidar: „Bei Iburg ist in der Nacht vom 20./21. d. 11. das Wohnhaus und die Stallung des Gastwirthes Beckmann zu Hagen abgebrannt. Das nicht versicherte Mobiliar ist meistens mitverbrannt.“

Laut „Osnabrücker Anzeiger“ vom 16.9.1867 zahlte die Feuerversicherung an den Wirt Beckmann eine Entschädigung in Höhe von 950 Talern, an Plantholt 20 Taler und 5 Taler an Clausing für seine bei den Löscharbeiten beschädigte Pumpe.

Den Schutt seiner verbrannten Häuser fuhr der Gastwirt Beckmann auf eine ihm gehörige Wiese im damals noch sumpfigen Maschbrook (Gummiwiese). Mit dem von der Feuerversicherung erhaltenen Geld baute sich Beckmann noch im Verlauf des Jahres 1866 ein großes, repräsentatives Haus aus Bruchstein, welches noch heute die Dorfstraße prägt. Der Inschriftenstein über der Eingangstür lautet:

G. W. Beckmann

M. G. Beckmann geb. Plantholt

1866

Noch in einem Prozess zu Beginn der 1890-er Jahre erinnerte sich ein Zeuge, dass die Gastwirtschaft Beckmann „bei dem großen Brande, er mag im Jahr 1866 gewesen sein“, mit abgebrannt war.

Nur wenige Wochen nach dieser Zeugenaussage brach dann am 17.8.1892 ein wirklicher Großbrand aus, bei dem 18 Gebäude im Ortskern von Hagen ein Raub der Flammen wurden. Die Gastwirtschaft Beckmann aber blieb diesmal verschont. Angesichts der verheerenden Feuersbrunst von 1892 geriet „der große Brand“ bei Beckmann aus dem Jahr 1866 schnell in Vergessenheit, obwohl angesichts der zentralen Lage der Gastwirtschaft Beckmann aus dem Brand von 1866 schnell eine Feuersbrunst hätte entstehen können, die das ganze Dorf hätte vernichten können.