Schätze der bäuerlichen Überlieferung

Hofarchive und Hofbibliotheken:

Schätze der bäuerlichen Überlieferung

Autor: Julia Schulte to Bühne, Niklas Hertwig

Lesende und schreibende Bauern und Bauernfamilien sind nicht die ersten Bilder, die uns in den Sinn kommen, wenn wir an Agrargeschichte und Landwirtschaft denken. Doch gehören diese Tätigkeiten genau so in den Alltag auf dem Land, wie das Bestellen der Felder oder die Zucht der Tiere.

Dieses zu belegen ist möglich, durch besondere Schätze, wie sie immer wieder auf Höfen in Weser-Ems zu finden sind. Bei diesen Schätzen handelt es sich um Hofarchive. Die Annahme, dabei handele es sich um Archive eines adeligen Herrschers und dessen „Hof“,  ist unzutreffend. Es sind vielmehr Sammlungen privater Schriftstücke, häufig mit Rechtscharakter, die auf den Bauernhöfen der Region über Jahrhunderte hinweg aufbewahrt wurden. Sie ermöglichen einen direkten Einblick in die Alltagswelt der unteren Stände über die Jahrhunderte hinweg.

In Hofarchiven finden sich in der Regel Anschreibebücher, Briefe, Gerichtssachen, Erbschaftsfälle, Heiratsurkunden, Inventare und Tagebücher. Aufzeichnungen, die viel über die Alltags-, Kultur-, Mentalitäts-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte der jeweiligen Bauernhöfe und der Region aussagen können. Neben Bauzeichnungen und Streitigkeiten über Grundstückangelegenheiten sind es fast immer Belege über Heiraten, Geburten oder Sterbefällen bis hin zu handschriftlichen Aufzeichnungen von Tanzschritten.

Regional häufig anzutreffen sind zudem Hofbibliotheken. Besitzer wohlhabender Bauernhöfe begannen teils schon im 16. Jahrhundert unterschiedlichste Buchtitel anzuschaffen. Werke der Astronomie, Theologie, Veterinärmedizin, Mathematik oder auch der Unterhaltungsliteratur fanden Eingang in die bäuerlichen Stuben. Der Besitz von Büchern ist sowohl ein Statussymbol als auch ein Indikator für die Lesefähigkeit der Bevölkerung. In Regionen, wie z. B. dem Artland, waren schon im 18. Jahrhundert und früher Hofbibliotheken bekannt, die das lange verbreitete Bild vom illiteraten Bauern widerlegen. Die dortige Bevölkerung organisierte sich sogar in Lesegesellschaften zum gemeinsamen Bezug von Zeitschriften und Büchern, verbunden mit dem geselligen Austausch von Wissen im aufkommenden Zeitalter des Bürgertums.

Diese Archive, ergänzt durch Tagebücher, Zeitungen und Familienfotografien stellen einen bedeutenden Beitrag zur Geschichte des Hofes selbst wie auch zur Sozialgeschichte der Region dar.

Das Bertusche Bilderlexikon des 18.Jahrhunderts vermittelt einen farbenreichen Eindruck über die Welt (Quelle: Hofbibliothek Wesermarsch)

Blick in ein Hofarchiv (Quelle: Archiv Landkreis Oldenburg)

Frau Dr. Julia Schulte to Bühne ist auf einem Bauernhof in Natrup-Hagen aufgewachsen. Studium der Volkskunde, Pädagogik, Soziologie und Kunstgeschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster, Promotion im Fach Volkskunde. Sie ist als Projektleiterin für Denkmalpflege im Bereich des Museumsdorfes Cloppenburg tätig und hat diesen Artikel auf Wunsch des Heimatvereins Hagen a.T.W. verfasst.