Der Gibbenhoff

Der Gibbenhoff

Rainer Rottmann

Im September 1989 ist der im Rahmen der Ortskernsanierung neu gestaltete "Gibbenhoff" als zentraler Platz in der Ortsmitte eingeweiht worden. Dies ist ein gegebener Anlaß, die Geschichte dieses für die dörfliche Entwicklung so markanten Punktes einmal ausführlicher darzustellen. Die Geschichte des "Gibbenhoff" ist mit der Geschichte des Dorfes Hagen auf das Engste verwoben, denn an der Stelle des jetzigen Platzes lag bis 1892 einer der ältesten im Dorf gelegenen Höfe, dessen Ursprung wohl bis in die Zeit der Christianisierung (um 780 n. Chr.) zurückreicht.

Zur Zeit der Christianisierung wohnte die Hagener Bevölkerung größtenteils in Gruppensiedlungen, die aus 4-5 Höfen bestanden und von einander relativ unabhängig waren. Ein irgendwie geartetes politisches oder gar wirtschaftliches Zentrum im Sinne eines heutigen Dorfes existierte nicht, es hätte weder den wirtschaftlichen Bedürfnissen noch der verwaltungsmäßigen Situation jener Zeit in Hagen entsprochen. Bezeichnenderweise nannten sich die einzelnen Gruppensiedlungen zunächst oft selbst noch "Dorf", so zum Beispiel "Northorpe" (= Natrup), "Meginthorp" (Mentrup), "Mekelingdorpe" (= Mecklendorf) und "Osttorpe" (= der östliche Teil von Mentrup). Erst nach der Christianisierung änderte sich das Bild, denn die Franken legten Wehrhöfe an, die die Neuorganisation des eroberten Sachsenlandes überwachen sollten. In der Nähe eines solchen Meyer- oder Schultenhofes wurde zu meist auch die Kirche der jeweiligen Gemeinde erbaut. An einem solchen, durch Wehrhof und Kirche markierten Punkt entwickelte sich im Laufe des Mittelalters dann häufig eine größere Siedlung, eben ein Dorf im heutigen Sinne, welchem dann die Funktion eines kirchlichen, politischen und wirtschaftlichen Zentrums für die umliegenden Bauernschaften zufiel.

Auch im Kirchspiel Hagen hat sich im Laufe des Mittelalters in der Bauerschaft Beckerode um die Kirche herum ein solches Dorf entwickelt. Wann die ersten Höfe und Häuser im heutigen Dorfgebiet errichtet worden sind, läßt sich natürlich nicht mit Sicherheit sagen. Die Vermutung, die Kirche habe "ursprünglich wohl ziemlich einsam" beim jetzigen Dorfbrunnen gelegen, trifft aber nicht zu, denn vor dem Bau der Kirche, zumindest aber zeitgleich mit ihm ist eine aus fünf Höfen bestehende Siedlung im heutigen Dorfkern entstanden. Namentlich handelt es sich dabei um folgende Höfe:

  • Der Pfarrhof
  • Das Grotthus (= das Große Haus!), ein Vollerbhof, der dicht am heutigen Dorfbrunnen stand. (heute: in der Nähe von Iburger Str. 1) Der Hof wurde um 1500 aufgelöst und seine Ländereien an die im Dorf wohnenden Handwerker verpachtet. Es könnte sich um den ursprünglichen Schultenhof der Obermark gehandelt haben, denn der Hof To Brinke wird erst seit 1559 als Schultenhof der Obermark bezeichnet.
  • Das Glashus, ein Halberbhof am Glasesch. (heute: Am Glasesch 1) Der Hof wurde ebenfalls um 1500 aufgelöst und die Ländereien verpachtet. Das Glashus ist nicht mit dem erst um 1580 entstandenen Markkotten Glasmeyer zu verwechseln.
  • Püning, Halberbe, dem Pastor alle 12 Jahre winnpflichtig. Der Name leitet sich vermutlich ab von dem germanischen Vornamen Puno. (heute: Dorfstr. 5)
  • Gibbenhoff, ein Halberbhof. Der Name Gibbenhoff  stammt aller Wahrscheinlichkeit nach vom männlichen Vornamen "Gibben", einer niederdeutsch-friesischen Kurzform von Gilbert ab. (heute: Dorfstr. 15)

Urkundlich erwähnt wird der Gibbenhoff erstmals im Jahre 1402. Im Lehnstregister des Osnabrücker Bischofs von 1402/1404 heißt es, "Hermannus de Beren" habe den Zehnten über "Ghibbemans to Haghen in villa" und der Ritter "Ludolphus Hake" die Höfe "Gibben, Glasmans et Grotehus in villa Haghen", das heißt im Dorf (!) Hagen zu Lehen erhalten. Bewohner des Gibbenhoffs war im Jahre 1412 der Bauer "Henricus Ghibemans". Wegen der zentralen Lage des in der Mitte des Dorfes gelegenen Hofes verwundert es nicht, daß die Hofstelle schon früh das Interesse einflußreicher Persönlichkeiten fand: Als in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) der Hof mehrfach ausgeplündert wurde und tief verschuldete, faßte der Hagener Vogt Christoffer Witte die Gelegenheit beim Schopfe und erwarb den Gibbenhoff, von dem aus er fortan seine Amtsgeschäfte als Vogt tätigte. Auch die Nachfolger im Amt des Vogtes, Johan Heinrich Witte und Johan Rembert Cruse, wohnten auf dem Gibbenhoff und unterhielten hier ihre "Praefectur". Alle Verwaltungsgeschäfte der Gemeinde liefen also auf diesem Hof zusammen, von hieraus befehligte der Vogt die Schützen, hier lagen die Steuerregister und hierhin kamen nicht selten diejenigen Einwohner Hagens, die sich mit Beschwerden oder Bittschriften an "Die Obrigkeit" wenden wollten. Schon bald wurde im Gibbenhoff auch eine Gastwirtschaft eingerichtet, so daß das Publikum bei Bier und Schnaps die neuesten Neuigkeiten austauschen konnte, sobald die amtlichen Formalitäten erledigt waren. Es herrschte demnach wohl stets ein reger Verkehr auf dem Gibbenhoff. Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Vogtei im Gibbenhoff geschlossen wurde, blieb die Gastwirtskonzession erhalten und sicherte den Bewohnern des Gibbenhoffs ein durchaus erträgliches Einkommen, denn sonntags nach dem Hochamt bevölkerten bekanntlich die Bewohner der umliegenden Bauernschaften das Dorf, tätigten ihre Einkäufe und ließen sich anschließend in den Gastwirtschaften des Dorfes, also auch im Gibbenhoff nieder.

Am 17.8.1892 ereilte das alte Fachwerkgebäude des Gibbenhoffs schließlich das gleiche Schicksal wie 1672 seinen Vorgängerbau, es brannte bis auf die Grundmauern nieder. Ein kleiner Junge hatte auf dem Heuboden der nahegelegenen Scheune mit Zigarrenstummeln und Streichhölzern gespielt und dabei die Scheune in Brand gesetzt. Das Feuer sprang zunächst auf das Wohnhaus des Gibbenhoffs, dann auf weitere Gebäude über und legte bis zum Abend den gesamten nordöstlichen Teil des Dorfes in Schutt und Asche.

Nach dieser Brandkatastrophe wurden die verkohlten Überreste des "Gibbenhoff" eingeebnet und zugefüllt. Das neue Gastwirts- und Wohnhaus des "Gibbenhoff" (Gaststätte Herkenhoff) wurde dagegen aus verkehrstechnischen Gründen direkt an der Straße gegenüber der Gastwirtschaft Kriege erbaut. Über die Stelle aber, an der jahrhundertelang der stolze und geschichtsträchtige Hof "Gibbenhoff" gestanden hatte, führte fortan ein behelfsmäßig ausgebauter, wenig ansehnlicher Weg.


Erst die im Zuge der Ortskernsanierung von 1985 bis 1997 durchgeführte Erneuerung und Umgestaltung des Platzes eröffnet die Chance, den alten Gibbenhoff wieder zu dem werden zu lassen, was er einmal war: Zu einem zentralen Platz in der Mitte unseres Ortes.





Anmerkung:
Dieser Beitrag ist neben vielen anderen in unserem Buch „Hagener Geschichten“ enthalten.