Die Geschichte des Bahnhofs Natrup-Hagen

Mag für viele Hagener der Bahnhof Natrup-Hagen, auch unter diesem Namen, eine Selbstverständlichkeit sein, so ist gar nicht selbstverständlich, dass er nicht Bahnhof Leeden heißt. In den Verhandlungen zur Errichtung der Haltestelle war nämlich von Anfang an die Gemeinde Leeden als Interessierte mit dabei. Wie es zur Haltestelle Natrup-Hagen kam, hat uns Lehrer Blase  von der evangelischen Schule Natrup-Hagen (1888-1902) in seiner Schulchronik in den Jahren 1888-1901 aufgeschrieben. Die Chronik sei hier in vollem Umfang zitiert. Zum Verständnis sei erläutert, dass es sich bei Bude 76 und 77 um zwei bewachte Bahnübergänge handelte; bei  Bude 76 steht heute der Bahnhof, Bude 77 befand sich bei der Leedener Mühle.

 


„Im Jahre 1871 wurde die Venlo-Hamburger Eisenbahn gebaut, welche die hiesige Ortschaft durchschneidet. Schon bald nach Anlage genannter Bahn regte sich in unserer Gemeinde der Wunsch, eine Haltestelle hierselbst zu haben, zumal die nächsten Stationen, Hasbergen und Lengerich, 6 Kilometer von hier entfernt und hinter Bergen liegen. Es ist nun in den seitdem verflossenen Jahren von den dafür interessierten Gemeinden, Hagen und Leeden,  mehrmals gemeinschaftlich bei der Eisenbahn=Direktion vormals Cöln-Minden und nachher Cöln (rechtsrheinisch) ein entsprechender Antrag gestellt, bei Bude 77  eine Haltestelle zu errichten; denn für Bude 76 vermutete man weniger Erfolg, da hier die Bahn eine Steigung von 1:240 hat, obwohl dieselbe beiden Gemeinden, besonders Hagen gelegen ist.

Am 11. Juni 1888 war die erste Verhandlung an Ort und Stelle zur Errichtung einer Haltestelle bei Bude  77 zwischen dem Eisenbahn-Betriebs-Amte Münster einerseits und den Vertretern der Gemeinden  andererseits. Ersteres erklärte sich bereit dazu und forderte von den Gemeinden einen Betrag von 1500 Mark. Es veruneinigten sich dieselben, weil einem Antrage Leedens gemäß die Aufbringung gewünschter Gelder nach  Seelenzahl repartiert [aufgeteilt] werden sollten. Leeden = 1200 Einw. Hagen = 4000. Hagen wünscht bei 76 zu bauen und will die ganze geforderte Summe allein zahlen. Leeden will ein Gleiches  für Bude 77. Das Betriebsamt unterhandelt schriftlich mit Leeden; welches aber sein Versprochenes nicht schriftlich sich zur Pflicht machen will. Dann unterhandelt das Betriebsamt mit beiden Gemeinden  für Bude 76. Bedingungen: Hagen erwirbt den Bauplatz und Grund und Boden für einen Weg für Leeden von der Provinzialgrenze bei Altmanns bis zur Haltestelle und  zahlt außerdem 1000 Mark. Leeden hat [...] den Weg herzustellen und zahlt auch 1000 Mark. (September 1888)


Hagen ging auf die Bedingungen ein, Leeden nicht. Alsdann hat Hagen durch den Königlichen Landrat, Herrn Regierungsrat Tilemann zu Iburg in einer Gemeindeversammlung vom 29. Sept. 88 – in unserer Schule – an den Betrieb den Antrag gestellt: Hagen wolle alle geforderten Bedingungen übernehmen für Bude 76. Durch Rescript [Erlass] unterm 8. März 1889 II a 3516 sind die Bedingungen durch den Herrn Minister der öffentlichen Arbeiten genau formuliert. Hagen hat sie erfüllt und die  Haltestelle ist am  25. Juli 1889 unter dem Namen „Natrup-Hagen“ dem Verkehr übergeben.
Man hatte sich auf die Gemeindeversammlung vom 29. Sept. 88 insofern vorbereitet, als  man bei den besonders Interessierten für die Haltestelle bei 76 Geldzeichnungen erworben hatte für den Fall, daß Hagen die geforderten Bedingungen allein zu  hoch waren.


Nachdem mit Hagen allein verhandelt, ist in den Bedingungen der Ankauf eines Weges für  Leeden ausgeschlossen laut Schreiben  vom Minister und auch Betriebsamt unterm 1. u. 16. Mai und 12. Juni u. 15. Juli d. J. 1889. Blase, Lehrer


Im Herbst 1891 wurde die Chaussee Natrup-Hagen=Haltestelle [heutige Bahnhofstraße] gebaut. Die Kosten trägt zu je 1/3 die Samtgemeinde Hagen, der Kreis und die Provinz. Anfänglich wollte die Gemeinde Hagen allein bauen, doch mußte sie nach Kenntnis des Kostenanschlages, welcher sich auf 8000 M beziffert, von dem für sie kostspieligen Unternehmen Abstand nehmen.“
Wann schließlich der Weg Bahnhof-Provinzgrenze-Leeden zu einer Straße ausgebaut wurde, ist in der Schulchronik nicht überliefert.

2. Güterumschlag in Natrup-Hagen  

                                                                                                           
Unterschiedlich war in den verschiedenen Ortsteilen das Bedürfnis nach einer Güterumschlagstelle. Für die Gewerbetreibenden der Obermark lag die Haltestelle Patkenhof an der Georgsmarienhütten-Eisenbahn deutlich näher. Dennoch beantragten im Jahre 1898 sowohl die Samtgemeinde Hagen als auch die Handelskammer zu Osnabrück bei der Königlichen Eisenbahndirektion in  Münster ohne Erfolg die Einrichtung einer „Güterhaltestelle“ in Natrup-Hagen. Erst ein Vorstoß der Samtgemeinde beim „Minister für öffentliche Arbeiten“ brachte Bewegung in der Sache. Im Jahre 1902 waren die Planungen abgeschlossen: Neben einem Dienstgebäude mit Stellwerk und Güterschuppen sollte auch ein Beamtenwohnhaus errichtet werden. Zum Güterschuppen sollte eine Ladestraße führen, zum Gleis hin sollte eine Rampe errichtet werden. Zusätzlich sollte ein Überholgleis gelegt werden. Schwierig waren die Verhandlungen über einen Grundstückskauf mit dem Bauern Gustav Osterhaus. Schon 1869 hielt er zusammen mit den Bauern Nollmann und Stramann „mit Zähigkeit an dem ererbten Grundbesitze fest“, und erst nach einem Enteignungsverfahren konnte damals die Bahnstrecke durch Natrup-Hagen gebaut werden. Als auch 1902 wieder ein Enteignungsverfahren eingeleitet wurde, lenkte Osterhaus dann am 22. 11. 1902 bei einem Ortstermin auf seinem Hof ein.

Im Laufe des Jahres 1903 wurden die Bauarbeiten durchgeführt und am 1. Februar 1904 der Bahnhofsbetrieb aufgenommen. In der Presse wurde nur  in einer kurzen Notiz darauf hingewiesen. In einer behördlichen Bekanntmachung der Königlichen Eisenbahndirektion vom 19. Januar 1904 lautet das dann so:
„Am 1. Februar 1904 wird der an der Bahnstrecke Münster i./W.-Osnabrück gelegene Personenhaltepunkt Natrup-Hagen für den unbeschränkten Gepäck-, Leichen-, Tier- und Güterverkehr eröffnet. Privatdepeschenverkehr ist ebenso wie die Annahme und Auslieferung von Fahrzeugen und Sprengstoffen ausgeschlossen.“
Über die Einweihungsfeierlichkeiten berichtete Lehrer Larmann in der Gellenbecker Schulchronik:
Zur Feier der Eröffnung des Güterverkehrs wurde am 1. Februar tagsüber tüchtig „geböllert“; abends wurde in der Nähe des Bahnhofs ein großartiges Feuerwerk abgebrannt. Auf Wunsch der Vorsteher in der Niedermark hielt Lehrer Larmann die Festrede, worauf noch manche Rede im fröhlichen Beisammensein „geschwungen“ wurde.

3. Ein Streifzug durch die Bahnhofsgeschichte bis zum Zweiten Weltkrieg


Eine Ansichtskarte, die um 1910 entstanden ist, möchte die Vorstellung wecken, dass in Natrup-Hagen ein neues lokales Zentrum entstanden sei: Die vier kleinen Fotos zeigen das Bahnhofsgebäude, das Wohnhaus des Bahnbeamten, Wilhelm Lüttkemöllers „Gasthof zum Bahnhof“ und die Hofanlage Osterhaus. Alle vier Gebäude stehen noch heute – mehr oder weniger verändert, aber noch immer gut identifizierbar – am westlichen Rand unserer Gemeinde und immer noch ziemlich abseits.

Postkarte um 1910


Warum auch der Hof Osterhaus zum gedachten Entwicklungskern gehörte, ist schnell erzählt: Im Zusammenhang mit der Bahnhofsgründung wurde in Natrup-Hagen zum 10. April 1905 auch eine Postagentur eingerichtet, die sich von 1906 bis 1960 auf dem Hof befand und bis 1950 auch vom Bauern Osterhaus betrieben wurde. Von hier aus wurden Leeden und die Niedermark postalisch versorgt. 1950 übernahm der unvergessenen Hermann Melzer als hauptamtlicher Posthalter die Agentur, die dann 1960 in sein neu erbautes Haus in Gellenbeck an der Kirchstraße verlegt wurde. Damit wurde gleichzeitig auch die Auslieferung der Post mit der Bahn zum Bahnhof Natrup-Hagen eingestellt.

Ähnlich wie beim Bau des Bahnhofs gab es auch wegen der Einrichtung der Postagentur heftige Kollisionen mit den Interessen der Gewerbetreibenden im Dorf Hagen, die zwei Postagenturen in der Samtgemeinde Hagen als „Postkuriosum“ bezeichneten. Sie sahen die schnelle Verbindung über Patkenhof nach Osnabrück gefährdet. Denn zur Post gehörte auch der öffentliche Nahverkehr. Zweimal täglich verkehrte jetzt im Liniendienst ein Pferdefuhrwerk zwischen dem Dorf und dem Bahnhof. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde es durch einen Autobus ersetzt, der aber wenig genutzt wurde, weshalb die Linie 1923 eingestellt wurde. Mit der neuen Linie „Osnabrück – Oesede – Hagen – Natrup – Hasbergen – Osnabrück“ wurde dann 1924 eine neue Omnibuslinie geschaffen, die als Linien 463 und 493 noch heute besteht und immer noch bei Bedarf den Bahnhof Natrup-Hagen anfährt.

Mit dem Bahnhof hatte Natrup-Hagen 1904 einen direkten Anschluss an das modernste Verkehrssystem der Zeit bekommen und die Erwartungen richteten sich entsprechend auf eine blühende wirtschaftliche Entwicklung. Eine erste Enttäuschung war sicher, dass die Betriebe des Dorfes Hagen den Bahnhof kaum nutzten. Aber bereits 1905 wurde an der heutigen Kurzen Straße das Dampfziegelwerk Natrup-Hagen gegründet, das über den Bahnanschluss Ziegelsteine und Dachziegel bis nach Hamburg und ins Ruhrgebiet verkaufte. Der Erste Weltkrieg und die folgende Wirtschaftskrise setzten dem Werk ein Ende. Mit der Ziegelei Hebrock & Berentelg ließ sich dann ab 1930 ein Nachfolgebetrieb in der Bahnhofsregion nieder.

Während des Zweiten Weltkriegs spielten der Bahnhof und die Gleisanlagen dann eine weniger angenehme Rolle als Zielobjekte der alliierten Bombenangriffe. Die verschiedenen Luftangriffe auf Hagener Gebiet waren entweder Randerscheinungen der großen Angriffe auf Osnabrück oder eben gezielt auf die Bahnanlagen im Westen gerichtet. So berichtet M. Köhne in seinem Buch „Hagen a.T.W. während der NS-Zeit“ allein über vier gezielte Tieffliegerangriffe auf Züge und Bahnanlagen in Natrup-Hagen zwischen März 1944 und Januar 1945 mit mehreren Toten und Verletzten.


4. Wirtschaftswunder und Strukturwandel


Foto: G. Hahn


Die Aufnahme vom 22. März 1984 zeigt die Einfahrt des Übergabezuges aus Osnabrück in Natrup-Hagen. Damals war der Bahnhof noch Verladebahnhof und wurde mehrmals wöchentlich bedient. Die Schüttgutwagen links  an der Ladestraße verweisen auch darauf, dass jahrzehntelang Hagener Brennstoffhändler über den Bahnhof mit dem wichtigen Heizmaterial Kohle beliefert wurden. Die Straßenbrücke der Industriestraße über den Bahnkörper ist bereits fertig gestellt; die Treppen zwischen der Brücke und den Bahnsteigen fehlen noch.                 

Erst in der stürmischen Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg siedelten sich neue Betriebe in der Gemeinde Natrup-Hagen an, die diesen Prozess in den 1960er Jahren durch Ausweisung von Flächennutzungsplänen mit Industrie- und Gewerbeflächen zwischen Lengericher Straße, Bahnhofstraße und Bahnlinie förderte. Der Bebauungsplan von 1968 wurde auch mit der günstigen Verkehrslage am Bahnhof Natrup-Hagen und dem nahen Autobahnanschluss in Lengerich begründet. Mit der Ziegelei Hebrock & Berentelg, der Matratzenfabrik Karl Krumme KG und der Maschinenfabrik Ewald Obermeyer waren die Grundsteine für das heutige Industrie- und Gewerbegebiet Natrup-Hagen gelegt. Aber für den Bahnhof als Umschlagplatz für den Güterverkehr kam die Entwicklung zu spät. Der zunehmende Transport auf der Straße führte in den 1980-er Jahren zur Einstellung des Güterverkehrs.

Der Bahnhof im Jahre 2011


Dennoch erlebte der Bahnhof seit dem Zweiten Weltkrieg einige interessante Neuerungen und Modernisierungen: Bereits 1956 wurde der Südflügel des Bahnhofsgebäudes abgerissen und durch einen schlichten quaderförmigen Klinkeranbau ersetzt, in dem ein neues Stellwerk mit modernster Technik untergebracht wurde, ein Ausdruck dafür, dass der Bahnhof an einer der wichtigsten deutschen Nord-Süd-Bahnstrecken liegt. Mit dem Bau der Industriestraße, welche die Bahnstrecke mit einem Brückenbauwerk überquert, entfiel der Bahnübergang der Bahnhofstraße, die damit auf beiden Seiten zu einer Sackgasse wurde, über die jetzt die Zufahrt zu den beiden Bahnsteigen möglich ist. Über Treppen an der neuen Brücke können seitdem Fußgänger die Bahnsteige erreichen. Der Fahrkartenverkauf im Bahnhofsgebäude wurde nun eingestellt und erfolgt seitdem durch Automaten. Um die Attraktivität des Bahnhofs zu steigern wurden dann bis 1998 die Bahnsteige für bequemes Ein- und Aussteigen erhöht, neue Parkmöglichkeiten auf beiden Seiten geschaffen, neue Fahrradständer und Wartehäuschen errichtet.

Anmerkung:
Dieser Beitrag ist neben vielen anderen in unserem Buch „Hagener Geschichten“ enthalten.