Franz Heckers Antonius-Bild in der Gellenbecker Kirche

Der Künstler, berühmt für seine Landschaften und idyllischen Szenen, hat zwar gelegentlich auch die Volksfrömmigkeit zum Thema gemacht, so z. B. in „Gottesdienst in der alten Wallenhorster Kirche“ von 1897; beim Gellenbecker Bild aber handelt es sich ein Andachtsbild, das den Betrachter zur Meditation und damit zur Frömmigkeit anregen soll. Insofern nimmt es eine Sonderstellung in Heckers Werk ein.

 

Die Idee zu diesem Bild dürfte in einem längeren Dialog zwischen Hecker und dam damaligen Hagener Pfarrer Antonius Tappehorn entstanden sein. Als Ende 1914 der Rohbau der Gellenbecker Kirche fertig war und die Innenausstattung geplant wurde (der Hochaltar war bereits im Mai 1914 in Auftrag gegeben worden), beantragte Tappehorn am 30. Dezember 1914 beim Bischöflichen Generalvikariat die Genehmigung eines Nebenaltars, der dem hl. Antonius von Padua geweiht werden sollte. Dieser war der Namenspatron des Hagener Pfarrers, der diesen Altar stiften wollte und bereits 4900 Mark dafür bereitgestellt hatte. Geplant war als Bildthema die Fischpredigt des hl. Antonius. Hecker hatte bereits eine Entwurfszeichnung angefertigt, aber Generalvikar Harling lehnte den Entwurf mit der lapidaren Begründung ab, das sich das Thema „für ein Altarbild weniger gut eignet“, und schlug vor, als Bildthema „jene Begebenheit zu wählen, wo dem mit Gebet bzw. Betrachtung beschäftigten Heiligen das Jesuskind erscheint“. Nach einer längeren Denkpause legten Hecker und Tappehorn dann im Juli 1915 einen neuen Entwurf vor. Die Ölskizze, die Hecker angefertigt hatte, zeigt laut Tappehorns  Antrag „wie St. Antonius die Notleidenden zu Jesus auf den Armen Mariens führt“. Dieser Vorschlag fand den Beifall des Generalvikars, der dann auch umgehend die Genehmigung erteilte. Somit konnte Franz Hecker im Sommer 1915 mit der Arbeit beginnen. Im Mai 1916 – der Künstler weilte bereits als Soldat in Ostpreußen – war das fertige Bild Mittelpunkt einer Ausstellung mit neuen Bildern Heckers in dessen Atelier am Schölerberg. Das Osnabrücker Tageblatt schrieb damals: „Das Kirchenbild ist bestimmt für das neue Gotteshaus in Gellenbeck bei Hagen. Die neue Kirche ist dem hl. Antonius geweiht (sic!) geweiht. Der Maler hat die vermittelnde Fürbitte des Heiligen bildnerisch dargestellt und die Figuren dafür der lebendigen Gegenwart entnommen.“ Wann genau das Bild nach Gellenbeck gebracht und der Nebenaltar fertig gestellt wurde, ist nicht überliefert. Die Einweihung erfolgte erst 1920, als Bischof Wilhelm Berning erstmals zur Firmung nach Gellenbeck kam.

In der fast unübersehbaren Fülle von Antonius-Bildern, die seit dem 13. Jahrhundert entstanden sind, ist das Thema des Gellenbecker Bildes unbekannt. Es handelt sich also im Gegensatz zu den beiden ersten Vorschlägen um eine ganz originelle neue Idee.

Vor einem tiefblauen, mit lichten Wolken belebten Himmel sitzt auf einem steinernen Thron Maria mit dem Kind auf ihrem Schoß. Um sie über die übrigen Personen emporzuheben, hat Hecker den Thron auf eine Art Denkmalsockel gestellt, der von prachtvoll blühenden Rosen umrankt wird. Während das Kind lebhaft und aufmerksam den Betrachter anschaut, wirkt Maria eher in sich gekehrt und als ob sie sich da oben auf dem Thron nicht so recht wohl fühlt. Eher scheint sie zu den Menschen da unten zu gehören, die sich unter ihrem Denkmalsthron versammelt haben: ein Bauer, der sich auf seinen Spaten stützt, eine Mutter mit ihren beiden kleinen Töchtern, ein verwundeter Soldat aus dem Ersten Weltkrieg, eine alte Frau in der Tracht des Osnabrücker Landes, ein älterer Mann, eine junge Frau mit Trachtenhaube und ein barfüßiger Junge. Sie alle schauen fromm und vertrauensvoll hinauf zum Jesuskind und seiner Mutter, mit Ausnahme der alten Frau, die im Gebet versunken ist, und dem kleinen Mädchen, das halb betend, halb abgelenkt erscheint. Zum Denkmalssockel führen vier Stufen hinauf, und auf der obersten steht deutlich über den anderen Personen der hl. Antonius in der Franziskanerkutte, den Blick auf das Jesuskind und die Hände in einer hinweisenden und gleichzeitig bittenden Geste auf die Menschen da unten gerichtet.

Franz Hecker suchte sich die Modelle für die Personen auf seinen Bildern in seiner Umgebung. Heinrich Riepe hat 1951 versucht, die einzelnen Personen des Bildes zu identifizieren, was ihm auch in den meisten Fällen gelang. Hecker hatte die Modelle in der Zeit kennengelernt und gezeichnet, als er auf Gut Sandfort lebte (!902 – 1912). In der Maria hat er Frau Werfte, die Tochter des Besitzers von Gut Sandfort, seines Freundes und Förderers Siegfried Jaffé abgebildet, im Jesuskind Dieter Schoeller, den im Zweiten Weltkrieg gefallenen Sohn des Papierfabrikanten Gerhard Schoeller, der ebenfalls mit Hecker befreundet war. Dem Bauern mit Spaten stand der Verwalter und Kutscher von Gut Sandfort, Siekmann, Modell. Auch die Mutter und ihre beiden Töchter waren in Voxtrup zu hause: Anna Frankenberg mit ihren beiden Töchtern Anna und Elisabeth. Die kleine Elisabeth hat Hecker übrigens als „Bauernmädchen“ mehrfach dargestellt. Die rechte Personengruppe konnte Riepe nicht mehr identifizieren. Nach einer mündlichen Überlieferung in der Familie Franksmann in Gellenbeck stand dem Künstler die Bäuerin Maria Elisabeth Franksmann (1832 – 1914) Modell. Sie soll als eine der letzten Frauen im Osnabrücker Raum noch regelmäßig Tracht getragen haben. Da sie bereits 1897 auf dem bereits genannten Bild „Gottesdienst in der alten Wallenhorster Kirche“ erscheint und bereits 1914 verstarb, hat Hecker sie also nach seinen Skizzenbüchern gemalt, so wie er auch die anderen Personen für seine Bilder zusammenstellte. Durch die Darstellung der Frauen in Tracht verlegte er oft das Bildgeschehen in eine idyllische Vergangenheit. Auf unserem Bild verweist einzig der verwundete Soldat auf die Realität des Ersten Weltkriegs, während dessen das Bild entstand. Die einzige Person, die Hecker eigens für dieses Bild  porträtiert hat, dürfte der Stifter Antonius Tappehorn gewesen sein, dessen Gesichtszüge er dem hl. Antonius gegeben haben soll, wie Riepe berichtet.
Foto H. Tecklenburg
Deutung
Viele Menschen sehen das Bild als ein Marienbild. Vielleicht schließen sie dabei unbewusst von der Kirchenpatronin auf das Bildthema. Aber der Briefwechsel zwischen Pfarrer Tappehorn und Generalvikar Harling spricht ausschließlich von einem Antonius-Altar. Und sowohl im Brief Tappehorns vom 11.7.1915 als auch in Harlings Genehmigung vom 23. 7. 1915 heißt es, das Bild zeige, „wie der hl. Antonius die Notleidenden zum Jesuskind auf dem Arm Mariens führt“, d. h. dass Maria eine eindeutig untergeordnete Funktion hat. Tatsächlich ist sie in Heckers Darstellung bei flüchtiger Betrachtung die das Bild beherrschende Person. Und noch eine zweite Schwierigkeit ergibt sich für die Deutung des Bildes: Es fällt uns schwer, in den Menschen unten Notleidende zu sehen. Not, Elend, Krieg, Revolution sind Themen, die zwar Heckers Zeit bestimmten, die aber in seinem ganzen Werk keine Rolle spielen. Nicht Not und Elend strahlen die Menschen des Gellenbecker Bildes aus, sondern Sicherheit und Zuversicht im Glauben, auch der verwundete Soldat.

Heinrich Riepe hat darauf hingewiesen, dass man das Bild im Zusammenhang mit Tappehorns Weggang aus Hagen verstehen kann. Durch den Kirchbau in Gellenbeck war die Gemeinde in zwei Lager gespalten, zwischen denen offensichtlich Tappehorn zerrieben wurde, so dass er im August 1915, kurz vor Fertigstellung der Gellenbecker Kirche, den Bischof um Versetzung bat. Als das Bild im Juli 1915 in Auftrag gegeben wurde, dürfte sein Verzicht auf die Hagener Pfarrstelle schon festgestanden haben. In seiner weihnachtlichen Betrachtung „Franz Hecker malte das Christkind“ (Neue Tagespost vom 22. 12. 1951) schreibt Riepe, indem er das „Christkindchen“ direkt anspricht: „Es war das letzte, was der selige Dechant und Pfarrer seinen Hagener Kirchspielkindern (ja allen!) mit dir und dem frommen Fürbitter auf den Altar stellen ließ, bevor er für immer von ihnen ging. Dich hat er ihnen zum sinnigen, immerwährenden Dochgedenken zurückgelassen! Das sollen sie alle jetzt zu deinem Geburtsfest gut bedenken!“ So kann man das Bild auch als ein Abschiedsbild sehen: Der scheidende Pfarrer Antonius Tappehorn vertraut in der Person des Antonius von Padua seine noch zerstrittene Gemeinde, die doch letztlich guten Willens ist, dem Jesuskind an.

Anmerkungen: Dieser Darstellung liegt ein ausführlicherer Aufsatz des Verfassers zu Grunde, der im Heimatjahrbuch 1998 Osnabrücker Land (S. 284 – 297; mit ausführlichen Anmerkungen) erschienen ist. Einzelne Passagen wurden hier wörtlich übernommen.

Dieser Beitrag ist neben vielen anderen in unserem Buch „Hagener Geschichten“ enthalten.