Der Friedhof von Gellenbeck

Tatsächlich standen damals rund um den Gellenbecker Friedhof Änderungen in zweifacher Hinsicht an: Der für die wachsende Bevölkerung der Niedermark zu klein gewordene Friedhof musste erweitert werden. Und im Rahmen der Dorferneuerung in der Niedermark sollte das Ortsbild auch rund um den Friedhof verbessert werden. Doch werfen wir zunächst den Blick zurück in seine Geschichte.

Bei den ersten Planungen für einen Kirchenbau in Gellenbeck war es für die Menschen selbstverständlich, auch einen Friedhof anzulegen. Denn der gehörte nach ihrer Auffassung nun einmal zu einer Kirchengemeinde dazu. Der Architekt Albert Feldwisch-Drentrup hatte in seinem ersten Entwurf vom 16. 08. 1909 einen Friedhof an der Südseite der Kirche geplant und der Kirchenvorstand sofort einen notwendigen Grundstückstausch eingeleitet. – Nun ist es uralte christliche Tradition, die Toten in oder bei der Kirche „in geweihter Erde“ beizusetzen, so dass eine solche Planung nahe lag. Aber überall in Deutschland wurden im 19. Jahrhundert als Folge des Wachstums der Städte und Gemeinden die Kirchhöfe als Begräbnisstätten aufgegeben, da sie zu klein wurden oder zum Schutz des Grundwassers als Trinkwasserreservoir. So geschah es auch in Hagen im Jahre 1884.

Grundwasserprobleme waren es dann auch, die den Kirchenvorstand veranlassten, einen anderen Standort zu suchen. Ein geeignetes Gelände fand man etwa 600 m östlich der Kirche auf einer Anhöhe, die etwa 15 m höher als der Kirchplatz liegt und als eiszeitliche Aufschüttung aus lockerem und wasserdurchlässigem Boden besteht und damit den damaligen behördlichen Vorschriften entsprach. Wieder war ein Grundstückstausch notwendig: Der Besitzer Meyer zu Gellenbeck erhielt für die 3540 m² große Fläche im Verhältnis 2:1 1770 m² besseren Ackerboden südlich der Kirche. Das Grundstücksgeschäft kam schließlich am 23. 06. 1916 durch einen Beschluss des Kirchenvorstands zum Abschluss. Aber da hatte bereits die erste Beerdigung auf dem neuen Friedhof stattgefunden (08. 06. 1916)!

Aber erst allmählich gewann in den folgenden Jahren der Friedhof eine würdige Gestalt: „Die Parzellen waren uneben, und sie wurden durch freiwillige Hilfe planiert“, schreibt H. Weßels in seiner Chronik der Kirchengemeinde aus dem Jahre 1965. Im Herbst 1916 wurde der Friedhof zunächst mit einem Zaun aus Weidendraht umgeben und eine Hainbuchenhecke gepflanzt. Die Anhöhe, auf der der Friedhof angelegt wurde, trug im Volksmund den Flurnamen „Giämke Lauh“ (Gellenbecker Busch). Zumindest auf einem Teil des Friedhofs stand 1916 noch ein wenig Wald, den der Vorbesitzer im Winter 1916/17 abholzte. Deswegen kam es im Januar 1917 zu einer Kontroverse mit dem Kirchenvorstand, der der Meinung war, dass das Holz miterworben worden sei, da keine besondere Vereinbarung beim Grundstückstausch getroffen worden sei. – Ab 1918 wurde dann die Sandsteinmauer errichtet. Wie H. Weßels berichtet, baute der Maurermeister Friedrich Schönhoff den Torbogen zur Natruper Straße nach einer Vorlage, die er aus belgischer Kriegsgefangenschaft mitgebracht hatte. Ein Foto, das im Kirchenboten am 27. 11. 1938 erschien, zeigt darin ein mächtiges zweiflügeliges hölzernes Tor. –  Dem Protokollbuch des Kirchenvorstandes können wir entnehmen, dass erst am 9. 11. 1928 beschlossen wurde, „die Beschaffung eines Friedhofskreuzes in die Wege zu leiten“. Der Anstoß dazu dürfte von Pastor Görsmann gekommen sein, wie auch der Finanzierungsvorschlag: Den Mitgliedern der Jungfrauensodalität, deren Präses der Pastor war, wurde gleichzeitig die „Erlaubnis“ erteilt, „... dieser halb von Zeit zu Zeit eine Sammlung von Haus zu Haus zu veranstalten. Die erste Sammlung soll noch vor Weihnachten 1928 gehalten werden.“ Das Kreuz, das dann im Oktober 1929 von der Firma Wiehemeyer in Osnabrück geliefert wurde, kostete den nicht unerheblichen Betrag von 1400 RM. (Zum Vergleich: Der Jahresetat der Kirchengemeinde belief sich 1929 auf „nur“ 4436 RM.) Seinen Standort fand es an der südlichen Mauer des Friedhofs gegenüber dem Eingangstor.

Wie sehr der neue Friedhof sofort selbstverständlicher Bestandteil der neuen Kirchengemeinde wurde, zeigt eine Bemerkung von Pastor Görsmann in seinem „Neujahrsgruß an unsere lieben Soldaten“ vom Dezember 1917: „So hatten wir im Jahre 1916 23 Tote: 8 Kinder und 15 Erwachsene, und in diesem Jahr 22 Tote: 7 Kinder und 15 Erwachsene ... Von all diesen Verstorbenen sind 10 in Hagen beerdigt worden, die übrigen haben ihr Plätzchen auf unserem neuen Friedhof gefunden...“ Ab Juni 1916 wurde kaum noch jemand in Hagen beerdigt. Viele Familien legten sich schnell z. T. große und repräsentative Erbbegräbnisstätten auf ihrem neuen Friedhof zu. Zwar sagt die Friedhofsordnung von 1917 ausdrücklich, dass der Friedhof für die Katholiken der Niedermark vorgesehen sei, aber mit Genehmigung des Pastors durften auch andere Personen beerdigt werden.

Das Wachstum der Bevölkerung in der Niedermark erforderte 1952 und 1963 erste Vergrößerungen des Friedhofs. Als man 1910 die Gründung der Kirchengemeinde plante, wohnten 1663 Menschen in der Niedermark, 1933 waren es bereits 2318 und 1950 schon 3438 Personen. So wurde der Friedhof 1952 durch den Zukauf von 2400 m² um zwei Drittel nach Süden hin vergrößert. Zehn Jahre später wurden weitere 4700m² westlich und südlich des bisherigen Friedhofs in Erbpacht erworben, wodurch er noch einmal um fast 80 % erweitert wurde. Der Friedhof war nun dreimal so groß wie 1916.

Infolge des letzten Grunderwerbs wurde nun der Friedhof grundlegend und tiefgreifend verändert und umgestaltet nach den Plänen des Gartenarchitekten Hempelmann aus Lohne (Oldenburg), der bereits 1943 eine Neuordnung und -gestaltung des Friedhofs erarbeitet hatte. Kernstück der Neugestaltung war jetzt der Bau einer Friedhofkapelle im Westen des Friedhofs. Über die Notwendigkeit dieses Baus schreibt H. Weßels; „Durch den Zugang vieler neuer Häuser mit kleinen Wohnungen war in Sterbefällen die Aufbahrung der Leiche kaum möglich. Eine Leichenhalle war aus hygienischen Gründen zur Notwendigkeit geworden. Zudem sprach noch ein anderer Grund für die baldige Durchführung. Bislang wurden die Leichen vor der Kirche eingesegnet. Der Leichenzug zum Friedhof bildete ein Hindernis für den wachsenden Autoverkehr, gleichzeitig wuchs die Gefahr für die Teilnehmer.“ Konsequenterweise wurde nun auch ein Parkplatz angelegt. Nicht zuletzt auch aus Verkehrssicherheitsbedenken wurde das Tor zur Natruper Straße mit einem schmiedeeisernen Gitter verschlossen. Das bisherige Tor baute man in den neuen Zugang zwischen Parkplatz und Kapelle ein. Hempelmann gab nun der Friedhofsanlage eine ganz neue Hauptachse, indem das Friedhofskreuz an die Ostmauer gegenüber der Kapelle versetzt wurde. Da es auf katholischen Friedhöfen üblich ist, verstorbene Priester beim Kreuz beizusetzen, wurde auch die Urne mit der Asche des 1942 im KZ Dachau verstorbenen Pastors Gustav Görsmann dorthin umgebettet

Nachdem 1987 bereits etwa 8000 m² Grundfläche westlich des Friedhofs erworben worden waren, der heutige große Parkplatz, wurden in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts weitere ca. 10 000 m² südlich des Friedhofs erworben, so dass der Friedhof nun für die nächsten Generationen über genügend Fläche verfügen dürfte. Erst ein Teil dieser Fläche ist bisher in Nutzung genommen worden. Dann wurde die alte kleine Friedhofskapelle abgerissen und an ihrer Stelle 1999 eine neue große nach den Plänen der Architekten Krämer und Susok aus Lingen gebaut. Besonders sind darin die Fenster vom Rottweiler Künstler Tobias Kammerer sehenswert. In diesem Zusammenhang wurde auch der gesamte Bereich um die Kapelle herum neu gestaltet. Dabei erhielt der Friedhof drei neu gestaltete Zugänge: Das alte Tor an der Natruper Straße wurde mit schmiedeeisernen Torflügeln wieder geöffnet, der seinerzeitige Haupteingang wurde in eine neue, der Kapelle angepasste Mauer eingelassen.

Sehenswert ist dort das Bronzerelief „Ostermorgen“ von Bernhard Gewers. Vom neuen Parkplatz führt ein weiteres Tor zum Haupteingang der Kapelle. In dieses wurden Medaillons mit symbolischen Figuren zum Thema Tod und Auferstehung, ebenfalls von Bernhard Gewers, eingelassen.

Anmerkung:

Dieser Beitrag ist neben vielen anderen in unserem Buch „Hagener Geschichten“ enthalten.