Das Kreuz am Hof Meyer to Bergte in Gellenbeck

Das Kreuz am Hof Meyer to Bergte in Gellenbeck

Johannes Brand

Ein in vielfacher Hinsicht bemerkenswertes und im Rahmen der Hagener Weg- und Hofkreuze ungewöhnliches Kreuz steht seit dem Sommer 2006  am Hof Meyer to Bergte in Gellenbeck. Mag es anfangs den einen oder anderen Vorbeikommenden auch als „moderne Kunst“ befremdet haben, so lohnt es sich doch, sich diesem Kreuz zu nähern und seine eigentlich gar nicht so neue Formensprache zu verstehen.Der 2002 verstorbene Felix Schulte to Bühne  hatte geplant, einmal ein Kreuz am Hof Meyer to Bergte zu errichten. Es gehörte zu seiner Vorstellung von einem Hofensemble. Nach seinem Tod griff seine Mutter Maria Meyer to Bergte-Schulte to Bühne den Gedanken auf und ließ  ein Kreuz aufstellen, um das zu vollenden, was ihr Sohn nicht mehr verwirklichen konnte. Sie entschied sich schließlich für einen Entwurf des Hagener Künstlers Bernhard Gewers, den dieser ursprünglich einmal für den Kirchhof bei der Ehemaligen Kirche gemacht hatte. Ganz bewusst sollte dieses Kreuz keine familiäre Privatangelegenheit sein, sondern, wie fast alle Hof- und Straßenkreuze in Hagen, sich an die Öffentlichkeit wenden als Zeichen des christlichen Glaubens. Es soll an einer viel begangenen Wegkreuzung beim Hof den Passanten zugänglich sein. Dafür wurde aufwändig ein Teil der Hofmauer abgerissen und neu errichtet, und statt einer Umzäunung ein offener Zugang mit Treppenstufen gestaltet.

Die aus Ibbenbürener Sandstein mit feiner Maserung von dem Billerbecker Steinmetzbetrieb Dirks nach einem Plan von Bernhard Gewers angefertigte Kreuzbalkenkonstruktion entspricht so gar nicht der uns gewohnten Form des lateinischen Kreuzes. Vorlage für den Künstler war das in der Gotik beliebte Baumkreuz, an dem der Korpus mit den Händen an zwei nach oben gerichteten Ästen eines Baumes angenagelt ist.  Der Baum gilt als Symbol für das Leben. Unser Kreuz aber lässt meines Erachtens wegen seiner gedrungenen, breiten Form auch eine andere Deutung zu. Es besteht zunächst aus zwei Teilen: Ein breiter Sockel verjüngt sich nach oben. Darauf wurde eine dreiarmige Konstruktion gesetzt, in deren mittlerem, senkrecht nach oben ragendem Balken ein großer Kreis einbeschrieben wurde, der die Seitenarme noch überschneidet. Dieser Kreis gibt der Konstruktion eine zusätzliche räumliche Tiefe dadurch, dass er die Balken vorne und hinten überragt. Diese gesamte Sandsteinfigur kann man lesen als das Piktogramm eines Menschen, der jubelnd die Arme nach oben reißt. Im Zusammenhang mit einer Kreuzdarstellung ist das ein zwar ungewohnter, aber unbedingt lebensbejahender, fröhlicher und damit auf die Auferstehung verweisender Ausdruck.
Auf den Sandsteinkreis hat Gewers einen im Vergleich zum Korpus ungewöhnlich großen Kreuznimbus (Heiligenschein mit einbeschriebenem Kreuz) aus Bronze aufgelegt. Im Werk des Künstlers sind diese großen Nimbusse schon bei frühen Darstellungen von Kalvarienbergen, aber auch bei Madonnen oder Engeln zu finden. Der Nimbus ist bereits in vorgeschichtlicher Zeit als Sonnensymbol bekannt. Im Zusammenhang mit Herrscherdarstellungen verweist er auf deren göttliche Stellung. Als sich seit der Konstantinischen Wende im 4. Jh. das Kreuz als christliches Zeichen durchsetzte, wurde auch der Lichtkranz aus dem römischen Kaiserkult auf den Christuskult übertragen. Mit dem einbeschriebenen Kreuz verweist es auf Christus oder Gott als die Sonne im Zentrum des Kosmos. Die aufgehende Sonne ist ein Symbol für die Auferstehung Jesu. Und so  sei es gestattet, diesen Kreuznimbus als einen Hinweis auf  den Ostermorgen zu sehen.

Der Korpus ist ungewöhnlich klein für ein Hofkreuz, aber auch im Verhältnis zu der Sandsteinkonstruktion, so als sei von vorn herein nicht beabsichtigt gewesen, ein Kruzifix, eine Darstellung des gekreuzigten Jesus, zu errichten. Der Körper ist bekleidet mit einem überknielangen Lendentuch. Die Haare fallen eng anliegend bis auf die Schultern. Die Wundmale der Nägel und des Lanzenstichs sind zu sehen. Aber der Körper ist nicht angenagelt, er ist auch nicht tot in sich zusammengefallen. Mit kraftvoll waagerecht zur Seite gestreckten Armen schwebt er vor der Sandsteinkonstruktion und bildet so selbst das Zeichen des Kreuzes. Bernhard Gewers sieht ihn als den nicht mehr im Tod befindlichen, sondern im Übergang zur Auferstehung begriffenen Christus. Der Gellenbecker Pastor Wolfgang Langemann sagte bei der Segnung des Kreuzes: „ ... er schwebt vor dem Kreuz, er hat sich von Kreuz und Leid gelöst. Er befindet sich schon in der Auferstehung.“ Und so ist er „ein Zeichen der Hoffnung“.
In der Geschichte der christlichen Kunst finden wir vergleichbare Kruzifixe in der Romanik, also vor allem im 11. und 12. Jh.. Ob mit Nägeln oder ohne, mit oder ohne Wunden, mit geschlossenen oder offenen Augen, dargestellt ist immer ein lebender Christus, der geradezu am oder vor dem Kreuz schwebt. Die Romanik stellte nämlich noch nicht den leidenden Christus dar, sondern den auferstandenen, den Sieger über den Tod.
Schwer zu deuten ist das Gesicht des Christus. Die geschlossenen Augen und der leicht geöffnete Mund könnten auf den Tod hindeuten, aber der leicht noch oben gewendete Kopf spricht dagegen. Ist er im Schlaf zwischen Tod und Auferstehung? Ist er versunken in Meditation, in der Begegnung mit Gott? Oder wollte Bernhard Gewers den Christus darstellen, der sich vom Leid in der Welt hat betreffen lassen? Vielleicht ist es das alles. Gewers selbst sagte einmal: „Ich will keine Bilderrätsel schaffen, sondern Arbeiten, die vom Betrachter nachvollzogen werden können und keiner Erklärung und Gebrauchsanweisung bedürfen.“ Aber auch: „Somit wird der Betrachter ... eine gewisse Vielschichtigkeit in meinem Werk bemerken – die aber – so hoffe ich, - nicht beliebig ist und auch nicht beliebig ausdeutbar.“
Anmerkung:
Dieser Beitrag ist neben vielen anderen in unserem Buch „Hagener Geschichten“ enthalten.