Gustav Görsmann (1873 – 1942)

Gustav Görsmann (1873 – 1942)

Johannes Brand

Die Görsmannstraße im Ortsteil Gellenbeck ist eine der Verbindungen zwischen Natruper Straße und Lotter Weg. Zugleich ist sie Verbindung zwischen Kirche und Schule in Gellenbeck. Dieser Teil der Görsmannstraße war im 19. Jahrhundert, als auf dem heutigen Schulgelände noch das Gut Spellbrink stand, mit Pappeln bestanden und hieß deswegen im Volksmund bis weit ins 20. Jahrhundert hinein „Allee“.  Als man daran ging auch in Gellenbeck allen Straßen offizielle Namen zu geben, benannte man sie nach dem ersten Gellenbecker Pfarrer Gustav Görsmann. 26 Jahre lang, von 1915 bis 1941 war er an fast allen Schultagen diesen Weg gegangen, um in der Schule Religionsunterricht zu erteilen. Am 27. Juni 1941 wurde er in der Schule verhaftet. Nachdem er noch einige persönlich Dinge aus dem Pfarrhaus geholt hatte, musste er im Wagen der Gestapo über diese Straße seine Gemeinde für immer verlassen.

Gustav Görsmann wurde am 29. September 1873 in Osnabrück geboren. Er besuchte das Gymnasium Carolinum und bestand dort 1895 das Abitur. Er studierte in Freiburg und Münster Theologie und wurde 1898 in seiner Heimatstadt zum Priester geweiht. Nach Kaplansjahren in Bremen und Wellingholzhausen wurde er von Bischof Wilhelm Berning zum ersten Pastor der Kirchengemeinde Gellenbeck berufen und bei der Einweihung der Kirche am 13. Dezember 1915 in sein Amt eingeführt.

Damals fehlte an der Innenausstattung der neuen Kirche noch Vieles. Görsmann kümmerte sich intensiv um die Ausgestaltung der Kirche. Bei der ersten Ausmalung im Jahre 1922 brachte er nicht nur seine Ideen ein, sondern griff auch selbst zum Pinsel und gestaltete das Gewölbe beim Nordeingang. Auf die Gestaltung von Hochaltar, Kanzel, Kreuzweg und die Verglasung der Fenster durch die Künstler Augustin Pacher und Theo Landmann nahm er erheblichen Einfluss.

Vor allem aber war es seine Aufgabe, nach der Abtrennung seiner Gemeinde von der Martinus-Gemeinde ein eigenes Gemeindeleben in Gang zu setzen und aufzubauen. Dabei lag bis 1935, als ihm erstmals ein Kaplan zur Seite gestellt wurde, die gesamte Last der Seelsorge bei ihm. Er hatte alle Gottesdienste zu leiten und verbrachte jede Woche viele Stunden im Beichtstuhl. Neben der Predigt im sonntäglichen Hochamt hatte er an vielen Sonntagnachmittagen noch einen Vortrag in einer Vereinsversammlung zu halten. Zu den Andachten am Sonntagnachmittag trat oft auch noch die so genannte Christenlehre für Kinder und Jugendliche. Die Vorbereitung der Kinder auf Beichte, Kommunion und Firmung lag überwiegend bei ihm. Und als Präses war er auch verantwortlich in der Leitung aller kirchlichen Vereine tätig. Sein Neffe Gustav Recker erinnerte sich: „Er kannte jedes seiner Pfarrkinder und machte oft Hausbesuche.“

Begrüßung des Bischofs Dr. Wilhelm Berning durch Pfarrer Görsmann
anlässlich der Firmung am 12. Juni 1940.

In der Zeit ab 1933 hat er die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Herrschaft nicht gesucht. Aber gradlinig in seinem Wesen und konsequent seiner christlichen Überzeugung folgend, machte er aus der Ablehnung der nationalsozialistischen Ideologie kein Hehl. Schon seit 1933 wurde er bespitzelt und gelegentlich kam es zur Konfrontation mit den Behörden. Auslöser für ein rigoroseres Vorgehen gegen ihn wurde sein Umgang mit französischen Kriegsgefangenen, die seit dem Sommer 1940 in der Niedermark untergebracht wurden. Für ihn waren sie nicht in erster Linie besiegte Feinde sondern katholische Mitchristen, für die er sich als Seelsorger verantwortlich fühlte. Sein Verhalten ließ er nicht durch staatlich verordnete Klassifizierungen der Menschen und auch nicht durch die Berechnung persönlichen Risikos bestimmen. Wo immer er die Franzosen traf unterhielt er sich mit ihnen in ihrer Muttersprache. Augenzeugen haben berichtet, dass dieser Umgang dem Wachpersonal und den örtlichen Parteigrößen eine Dorn im Auge war. Als er dann im August 1940 mit den französischen Kriegsgefangenen einen Gottesdienst feierte, bevor die dafür beantragte Genehmigung der Behörden vorlag, lief der Verfolgungsapparat an. Aber erst am 7. März 1941 wurde er verhaftet und am 2. April zu vier Wochen Gefängnis verurteilt, die mit der Untersuchungshaft bereits verbüßt waren.
Um missliebige Personen endgültig auszuschalten griff die Gestapo damals oft zum Mittel der so genannten „Schutzhaft“. Ohne rechtlichen Schutz verschwand der „Schutzhäftling“ in einem Konzentrationslager und war dem Terrorsystem der SS ausgeliefert. Am 27. Juni 1942 wurde so Gustav Görsmann erneut verhaftet, zunächst in Osnabrück bei Aufräumarbeiten auf Trümmergrundstücken eingesetzt und am 29. September in das KZ Dachau gebracht. Nach fast einjähriger Leidenszeit ist er dort vor 60 Jahren am 15. September 1942 an Unterernährung und ihren Folgen gestorben. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wurde die Urne mit seiner Asche fünf Wochen später auf dem Gellenbecker Friedhof beigesetzt.

 

 

 

 

 

Die Erinnerung an ihn ist in Hagen immer lebendig geblieben. So erinnert nicht nur sein Grabstein beim Friedhofskreuz an ihn. 1957 wurde das neu erbaute Jugendheim in Gellenbeck nach ihm benannt, und bei der Schule an der Görsmannstraße weist ein 1990 von Bernhard Gewers geschaffenes Denkmal an Gustav Görsmann als „Hirte – Freund – Zeuge“.

 

 

 

 

Vor dem Westportal der Gellenbecker Kirche hat der Kölner Künstler Gunter Demnig im Jahre 2008 einen seiner inzwischen berühmten „Stolpersteine“ für die Opfer des Naziregimes verlegt.

Anmerkung:
Dieser Beitrag ist neben vielen anderen in unserem Buch „Hagener Geschichten“ enthalten.