Johann Spratte

Johann Spratte

Wido Spratte

Das Leben des Dichters Johann Spratte umfasste neun Jahrzehnte des so wechselvollen vergangenen Jahrhunderts. Kaiserreich mit Erstem Weltkrieg, Weimarer Republik, Nationalsozialismus mit Zweitem Weltkrieg, Teilung Deutschlands und Zusammenbruch der kommunistischen Systeme waren auch seine Stationen. Er begleitete sie als kritischer Betroffener, als Menschenfreund als Autor von Erzählungen, Kurzgeschichten und Gedichten.

Johann Spratte wurde am 14. März 1901 als zehntes von zwölf Geschwistern in Hagen-Beckerode geboren. Sein Großvater stammte aus dem sauerländischen Bontkirchen und war nach Gründung der Beckeroder Hütte als Schmelzmeister in die Gemeinde gekommen. Der Vater, gelernter Kesselschmied, war Inhaber der Gaststätte »Brüggenwäert« am Goldbach. Die Mutter entstammte einem der ältesten Hagener Bauerngeschlechter vom Hof Krützmann. Sie war es, die vielseitige Interessen des empfindsamen Knaben erkannte, seine Begabungen förderte und Zeit fand, ihren Kindern Geschichten und Gedichte vorzutragen. Das erste eigene Buch kaufte sich ihr Sohn mit acht Jahren auf der Hagener Kirmes. Es war eine Geschichte des amerikanischen Tierschriftstellers E. Th. Seton.

Das Aufwachsen des Autors in einer bäuerlich-dörflich geprägten Umgebung vor dem Ersten Weltkrieg, in der das Plattdeutsch Umgangssprache ist und Zuständigkeiten als
klar geregelt gelten, das Eingebundensein in Familie, Gemeinde und Kirchengemeinde sollten später den Hintergrund zahlreicher Arbeiten bilden. Immer wieder ist es der Mensch mit seinen Sorgen und Nöten und dem Abrackern für das tägliche Brot, den er dabei in den Mittelpunkt stellt. Erinnerungen an die Jahre der Hagener Volksschule finden sich in den Büchern »Zeit hat keine Bleibe« und »Kindheit in Holzschuhen«.

Nach Beendigung der Schulzeit beginnt mit einer Buchbinderlehre bei Josef Vorberg in Recke, Kr. Tecklenburg, der Schritt in das berufliche Leben. Dieser Betrieb galt als einer der besten Lehrbetriebe in ganz Westfalen und der Inhaber als vielseitig gebildeter Mann. »Ich verehrte Meister Vorberg, weil ich außer seiner fachlichen Tüchtigkeit bei ihm einen hohen Bildungsgrad und großes Interesse nicht nur an schön gebundenen Büchern, sondern auch an dem, was darin stand, feststellte. Meine Augen hafteten oft auf dem Heiligtum seines großen Bücherschrankes, der im Meisterzimmer stand. In diesem Schrank befand sich ein Buch, das mir heute als Tor zu meiner literarischen Welt erscheint. Es war »Dreizehnlinden« von Fr. W. Weber. Vielleicht war es der Titel des Buches, weshalb ich es auswählte und mit Erlaubnis des Meisters lesen durfte. Ich erinnere mich noch an die beiden Juniabende, als ich am Fenster meiner Lehrlingsbude erlebte, wie in der Dämmerung Gestalten des Buches auferstanden und die Schönheit der Sprache mich verwandelte.«

Johann Spratte war auch als Zeichner und Maler bekannt. Schon früh versuchte er autodidaktisch, seine Fähigkeiten zu verbessern, um vielleicht später einmal Graphiker zu werden: »In dem kleinen Zimmer über der Werkstatt stand hinterm Bett mein geflochtener Koffer, den ich abends hervorzog, und auf den ich meine Zeichenutensilien legte, um im Schein einer Kerze kleine Zeichnungen oder Malereien anzufertigen.«

Nach der Gehilfenprüfung bleibt er zunächst als Geselle im Betrieb Vorberg. Bereits zu dieser Zeit entstehen volksliedhafte Gedichte und kleine Prosastücke. Seine erste Veröffentlichung findet sich in der Zeitschrift »Leuchtturm für Studierende«. Zu den frühen Arbeiten gehört auch die Sage vom Hagener Engelbusch, die später in Sagenbüchern Allgemeingut wird und deren Thema er gleichzeitig als Ballade verarbeitet.

Ein Stipendium ermöglicht ihm ab 1923 den Besuch der Kunstgewerbeschule in München. Diese galt als Voraussetzung für den Beruf des Graphikers. In der bayrischen Hauptstadt freundet er sich mit dem jüdischen Maler S. Wiener an. Gleichzeitig erlebt er hier die Straßenschlachten im Umfeld des versuchten Hitler-Putsches: »Draußen auf den Straßen war damals der Teufel los: SA-Aufmärsche, Schlägereien, Einsätze der Reichswehr und der machtlosen Polizei! Und immer wieder Überfälle auf Juden! In einer dieser unruhigen Nächte klopft es aufgeregt an meine Tür, und dann steht eine Gestalt mit blutverschmiertem Gesicht und zerrissener Kleidung im Zimmer: Es ist mein Freund Wiener, den man als Juden erkannt und zusammengeschlagen hatte.«

Nach Beendigung des Studiums arbeitet Johann Spratte zunächst als Volontär in einem Dortmunder Graphischen Betrieb. Beim Althändler tauscht er hier seinen Wintermantel gegen eine alte Schreibmaschine. Es folgen Tätigkeiten in Emsdetten, Lingen und in Osnabrück. Hier ist er zeitweise Kollege von Peter Remarque. Wiederholt unterhalten sich beide über die literarischen Arbeiten seines Sohnes Erich Maria Remark.

Während der großen wirtschaftlichen Rezession und Arbeitslosigkeit vor 1933 überbrückt Johann Spratte zwei Jahre als Gleisarbeiter bei der Reichsbahn. Die Gedichte »Alter Eisenbahner«, »Alter Hornist« und »Abendstunde« entstehen in dieser Zeit.

1936 wird er im Verlag Meinders & Elstermann als Graphiker eingestellt. Inzwischen gehören seine Arbeiten zum festen Bestand von Dichterlesungen sowie zu regionalen und überregionalen Veröffentlichungen. In einer Rezension Ludwig Bätes heißt es: »Johann Spratte ist eine sichere und reine Hoffnung bodenbestimmten, bodenkräftigen Schrifttums, warm und gut wie seine Erde und voll von dem Untergründigen, das aller echten Dichtung eigen ist. Er drängt in die Welt einer neuen Aussage vor, auch hier sprachlich ausgezeichnet wie bei so vielen, die mit dem Plattdeutschen groß wurden und dessen Anschaulichkeit wie Musikalität in neue Ausdrucksweisen mitbrachten. Sein Weltbild ist weit und frei und von einer tiefen und rechten Frömmigkeit.«

1941 erfolgt ein Wechsel als Zeichner zur Reichsstelle für Raumordnung in Hannover. Auf seiner Dienststelle arbeitet er mit einem deportierten Russen zusammen, dem er mit der Erzählung »Der Professor aus Charkow« ein literarisches Denkmal setzt.

Noch im April 1944 wird Johann Spratte als Soldat zur Wehrmacht eingezogen. Vorausgegangen waren offene Meinungsäußerungen vor Mandatsträgern der Osnabrücker NSDAP, deren politisches System und Ideologie er aus tiefer christlicher Gläubigkeit heraus ablehnte. Abgelehnt hatte er auch Jahre vorher das verlockende Angebot der Nationalsozialisten, Mitarbeiter in der Berliner Reichsschrifttumskammer zu werden.

An Kriegsereignisse und Gefangenschaft in großen amerikanischen Lagern erinnern mehrere Geschichten in seinem Buch »Wie war das denn damals?«.

In den letzten beiden Jahrzehnten des beruflichen Lebens arbeitet der Autor als Archivleiter der Neuen Tagespost, später Neue Osnabrücker Zeitung. Gleichzeitig übernimmt er redaktionelle Aufgaben.

Johann Sprattes literarisches Schaffen umspannt den Zeitraum von über sieben Jahrzehnten. Seine Gedichte sind gekennzeichnet durch Vielfalt der Formen und Stilmittel, nie sentimental und von tiefem lyrischen Empfinden. Die Themen Vergänglichkeit und Abschied greift er in allen Schaffensperioden auf. Psychologisch sehr fein gezeichnet sind auch die Arbeiten zum Thema Kindheit und Tod, wie z. B. das Gedicht »Als Mutter gestorben war«.

»Bilder und Gestalten tragen den Stempel liebenswürdiger Teilnahme und sind manchmal überhaucht von melancholischer Ironie. Themen findet er in der Heimat, Natur, Kindheit, Menschsein und im Zeitgeschehen«, schreibt Jutta Sauer 1981, und in einer Rezension der Celler Zeitung heißt es: »Johann Sprattes Lyrik erscheint verhalten, weder überlistend noch übertrieben, rührt in stiller Weise tröstlich und menschlich im hohen Sinne zart an, wohltuend, heilend in einer Epoche von kaltem Chrom und Neonlicht. Der Dichter aus Osnabrück sucht das Du und bittet: Sage mir, was du denkst, sage es so, als müsste morgen einer von uns sterben.«

Johann Spratte liebte die Sprache seiner Kindheit, das Plattdeutsche. Er war in dieser Sprache »zu Hause« und vermochte sie dichterisch auch in ihren leisen und zarten Tönen zum Klingen zu bringen. In seinem 1982 erschienenen »Kleinen plattdeutschen Wörterbuch« schreibt er: »So bleibt denn das Platt immer eine Heimatsprache. Wer sie als Kind gesprochen hat, für den ist sie köstlich und unverlierbar.« Wie dem Plattdeutschen bleibt er auch der Heimat seiner Kindheit innerlich immer eng verbunden. Menschen und Begebenheiten der Gemeinde Hagen a.T.W. sind Themen und Hintergrund zahlreicher Erzählungen, Balladen und Gedichte..

Arbeiten des Dichters finden sich in eigenen Buchausgaben, in regionalen und überregionalen Anthologien, in Zeitungen und Zeitschriften. Bereits 1936 und 1937 strahlten die Sender Köln und Luxemburg Arbeiten von ihm aus. Die erste Lesung der Nachkriegszeit fand am 16. Juni 1946 im unzerstörten Saal der alten Osnabrücker Jugendherberge statt. Sie war ihm und seinem Freund Albert Hiemer gewidmet.

Johann Spratte war Mitglied des Deutschen Autorenverbandes und Gründungsmitglied der Literarischen Gruppe Osnabrück. Seit 1973 findet sich sein Name in Kürschners Deutschem Literaturkalender. Der Dichter starb am 1. September 1991 in Osnabrück-Haste, wo er im Kreise seiner Familie den größten Teil seines Lebens verbracht hatte.

1994 beschloss die Gemeinde Hagen a. T.W., eine Straße nach ihm zu benennen. 2001 fand anlässlich seines 100. Geburtstages in der Ehemaligen Kirche eine Lesung statt.


Anmerkung:

Dieser Beitrag ist neben vielen anderen in unserem Buch „Hagener Geschichten“ enthalten.