Kriegsbedingte Schülerwanderungen an der Volksschule Sudenfeld

Johannes Brand

 

Im Folgenden sollen die durch den Zweiten Weltkrieg bedingten Schülerwanderungen am Beispiel der kleinen Schule in Sudenfeld dargestellt werden. Sudenfeld ist wohl der Hagener Ortsteil, der in der Vergangenheit (und ist es vielleicht auch heute noch) am wenigsten von Zu- und Wegzügen betroffen war und deshalb für eine kleine begrenzte Untersuchung besonders geeignet. Ausgewertet wird im Folgenden das „Hauptschülerverzeichnis“ der Volksschule Sudenfeld, das im Sommer 1941 mit dem Schuljahresbeginn 1941/42 neu angelegt wurde und mit den Einschulungen Ostern 1950 endet. Die 1884 gegründete katholische Volksschule Sudenfeld umfasste seit der Erweiterung im Jahre 1911 zwei Klassen, wobei normalerweise die Schuljahrgänge 1-4 die Unterklasse und die Jahrgänge 5-8 die Oberklasse bildeten. Lehrpersonen waren im fraglichen Zeitraum Alfons Stillig (1927-1950) und Hermann Weßels (1927-1957).

 

Das Verzeichnis enthält für jeden Schüler zwei Seiten, eine mit den persönlichen Daten (Name, Geburtstag und -ort, Namen/Beruf der Eltern, Beginn der Schulpflicht und Einschulung, Eintritt in die Sudenfelder Schule, Überweisung an eine andere Schule), die andere Seite enthält die Zeugniszensuren. Selbstverständlich sind damit nur begrenzte Aussagen möglich zu den Motiven, die zum Zuzug geführt haben, und zu den vielfach bedrückenden Schicksalen, die vorangegangen sind. Dennoch lassen sich etliche Erkenntnisse gewinnen über Umfang und Bedeutung dieser kriegsbedingten Völkerwanderung, sowohl für einzelne Familien als auch für das Dorf Sudenfeld und seine Schule.

 

Die Ströme der Flüchtlinge und Vertriebenen in den Jahren 1945 bis 1947 (www.planet-wissen.de )

Bei Durchsicht des Schülerverzeichnisses finden wir unter 170 aufgenommenen Schülerinnen und Schülern etwa 70, die es kriegsbedingt für kurze oder längere Zeit nach Sudenfeld verschlagen hat. Die Schülerwanderungen stellen sich vereinfacht für die infrage kommenden Jahre folgendermaßen dar:

Schuljahr

Schul-anfänger

davon kriegsbedingt zugewandert

Sonstige Zugänge im Laufe des Schuljahres

Wegzüge

1941/42

15

0

0

0

1942/43

12

0

1

0

1943/44

15

1

4

1

1944/45

11

1

14

9

1945/46

13

5

15

5

1946/47

4

3

8

6

1947/48

17

6

3

7

1948/49

12

4

0

3

1949/50

10

4

3

0

1950/51

8

4

1

2

 

Zuwanderung zeigt sich so als Problem der Jahre 1943-1947, wobei festzuhalten ist, dass viele dieser Kinder bereits nach kurzer Zeit (1945-1947) weiterzogen. Nur erahnen lässt sich, dass in manchen Fällen bereits vor und nach dem Aufenthalt in Sudenfeld weitere Schulwechsel zu verkraften waren.

Evakuierungen 1943/44

Als der Bombenkrieg der Alliierten gegen deutsche Großstädte, darunter auch Osnabrück, zunahm, begann man einerseits planmäßig mit Evakuierungen von Frauen und Kindern. Andererseits suchten Familien auch Unterschlupf bei Bekannten und Verwandten auf dem Lande. Vermutlich 14 Zugänge aus 11 Familien lassen sich dieser Gruppe zuordnen, einzelne Namen deuten daraufhin, dass es sich um Verwandte handelte. Als Herkunftsorte werden genannt: Gelsenkirchen, Köln, Osnabrück, Recklinghausen, Stuttgart und Wanne-Eickel. Ob auch eine Familie – Vater Bergmann –  dazugehört, deren Weg von Recklinghausen über Ibbenbüren nach Sudenfeld führte, muss offen bleiben. Diese Familie kehrte 1945 nach Recklinghausen zurück, aber ein Sohn war dann nochmals von 1946 bis 1950 Schüler in Sudenfeld. Interessant ist auch der Fall eines Jungen aus Gelsenkirchen, der 1943 nur drei Tage vor den Sommerferien die Sudenfelder Schule besuchte, zuerst wieder nach Gelsenkirchen abgemeldet wurde, dessen Schulneuaufnahme dann aber von Allenstein in Ostpreußen mitgeteilt wurde. Ganz sicher musste er bei Kriegsende noch einmal seinen Wohnort fluchtartig verlassen.

 

Eine weitere Evakuierungsmaßnahme betraf die Gebiete am Niederrhein, als dort im Winter 1944/45 die Westfront vorrückte. Zwei Familien aus Emmerich, die es zunächst in verschiedene Orte in Sachsen-Anhalt verschlagen hatte, kamen im Dezember 1945 nach Sudenfeld. Auch ein aus Berlin stammendes Mädchen dürfte der Gruppe der Evakuierten zuzuordnen sein, während ein in Stralsund geborenes wohl auf der Flucht vor der Roten Armee nach Sudenfeld gelangte. Beide wurden 1946 in Sudenfeld eingeschult, verließen aber nach wenigen Wochen die Schule wieder.

 

Flucht und Vertreibung 1945

Die nächste Zuzugswelle betrifft das Jahr 1945. Diese Familien stammen, mit zwei Ausnahmen, alle aus den ostdeutschen Gebieten. Zum Teil waren sie im Winter 1944/45 vor der Roten Armee geflohen, zum Teil hatten sie im Frühjahr und Sommer 1945 in einer ersten wilden Vertreibungswelle ihre Heimat verloren. Zwei Familien kamen bis Ostern 1945 in Sudenfeld an, bei beiden ist notiert, dass sie ohne Papiere ankamen, was auf überstürzte Flucht – in einem Fall im Rahmen der Evakuierung von Frauen und Kindern aus der zur Festung erklärten Stadt Breslau – hinweist.  Weitere acht Familien kamen bis Ende August. Bei zwei Jungen ist vermerkt: „Seit Weihnachten 44 keine Schule mehr besucht.“ Zu Bedenken ist hier, dass von Anfang April bis zum 23. August keine Schule stattfand und auch keine Kinder neu aufgenommen wurden, sodass die Liste der Schule keine Auskunft über das genaue Ankunftsdatum geben kann.

 

Ein besonders tragisches Schicksal einer Familie deuten die zusätzlichen Vermerke an: Im Juni 1947 wurde eine aus dem Raum Danzig stammende Schülerin von der Klosterschule in Bielefeld der Sudenfelder Schule zugewiesen. Im Oktober wurde dann ihr Bruder angemeldet, von dem es heißt: „2 ½ Jahre keine Schule besucht, als Flüchtling in Dänemark interniert gewesen.“ Die Familie war wohl bei der Flucht oder Vertreibung aus Westpreußen im Winter 1944/45 getrennt worden und wurde in Sudenfeld wieder zusammengeführt.

Vertreibung als Folge der Potsdamer Beschlüssen

Nachdem auf der Potsdamer Konferenz beschlossen worden war, die Gebiete östlich von Oder und Neiße unter polnische Verwaltung zu stellen, kam es dort bis 1946 zur systematischen Vertreibung der deutschen Bevölkerung. Wegen der Bombenschäden in den Großstädten wurden diese Menschen in ländliche Gebiete, vor allem in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bayern untergebracht. Neun dieser Familien meldeten ihre schulpflichtigen Kinder im Zeitraum Januar bis August 1946 in der Sudenfelder Schule an. Die Ankunft weiterer acht Familien aus den Ostgebieten, deren Kinder aber erst ab 1947 ins erste Schuljahr eingeschult wurden, können wir nicht eindeutig den Phasen 1945 oder 1946 zuordnen.

 

Die Herkunft der Flüchtlinge und Vertriebenen können wir etwas vereinfacht vier Gebieten zuordnen: Schlesien (9 Familien/17 Kinder), Ostpreußen (6/11), Danzig/Westpreußen (3/5) und Pommern (7/10). Außerdem kamen zwei Familien mit je zwei Kindern aus Posen und Lublin. Einen deutlichen Schwerpunkt bildet der schlesische Kreis Hirschberg, der mit sechs Familien vertreten ist, davon allein fünf aus der Kreisstadt Hirschberg selbst. Vier dieser Familien kamen im Juni 1946 offensichtlich mit demselben Transport im Westen an und wurden nach Sudenfeld eingewiesen.

 

Vaterlose Familien

Bei fast allen der dieser Untersuchung zugrundeliegenden Kinder sind sowohl Vater als auch Mutter angegeben. Das überrascht zunächst angesichts der Tatsache, dass 19 Millionen deutsche Männer im Zweiten Weltkrieg Soldat werden mussten und viele von ihnen bei Kriegsende gefallen, vermisst oder in Gefangenschaft waren. Wir dürfen also annehmen, dass etliche Väter bei der Schulanmeldung als noch unter den Lebenden vermutet mit ihrer alten Anschrift angemeldet wurden. Nur drei Väter werden als gestorben, einer als in Gefangenschaft befindlich angegeben. Fünfmal wird allerdings nur der Name der Mutter genannt.

Hans Hasekamps idyllische Aufnahme der Schule Sudenfeld vom Frühjahr 1946 lässt nicht ahnen, welche schweren Schicksale viele der damaligen Schüler hinter sich hatten. (Foto: Hans-Hasekamp-Archiv)

 

Unterkünfte

Da in Sudenfeld keine größeren und längerfristigen Not- oder Sammelunterkünfte eingerichtet wurden, müssen wir annehmen, dass alle zugezogenen Familien irgendwie und irgendwo bei einheimischen Familien untergekommen waren. Vor allem 1945 und 1946 gab es dabei auch zwangsweise Einquartierungen durch die kommunalen Behörden, die vor der fast unlösbaren Aufgabe standen, die hier gestrandeten Familien unterzubringen. Und natürlich war längst nicht jede einheimische Familie bereit, zusammenzurücken und die Heimatlosen aufzunehmen. Bei 22 Familien wird im Schülerverzeichnis keine eigene Anschrift sondern die Unterkunft bei einer Sudenfelder Familie angegeben, insgesamt waren davon 18 Sudenfelder, Gellenbecker und Holperdorper Haushalte betroffen. Die Schulchronik äußert sich dazu dreimal:

1945 – „Die Wohnungen sind daher, wie überall, sehr stark belegt. Mangel an Arbeitskräften für die Landwirtschaft besteht nicht mehr.“ (S. 108)

1946 – „Ein Teil der Flüchtlinge (11 Frauen und Kinder) wurde einstweilen in einer Schulklasse untergebracht. Aus dem Einstweilen wurden 3 Monate. Während dieser Zeit erhielten sie Mittagessen bei verschiedenen Bauern. Schließlich sorgte eine von auswärts gesandte Wohnungskommission für ordentliche Unterbringung, teils in Sudenfeld, teils in Hasbergen. Die Dienstwohnungen der beiden Lehrer sind schon seit längerem mit 3 Flüchtlingsfamilien belegt.“ (S. 111)

1948 – Die Wohnungsnot ist immer noch dieselbe. Einige Flüchtlingsfamilien wohnen in menschenunwürdigen Behausungen oder in zu kleinen Räumen. Ernstliche Maßnahmen zur Linderung werden nicht getroffen.“ (S. 123)

Die Oberklasse mit Lehrer Stillig im Jahre 1948 (Foto: Schularchiv Gellenbeck/Hans Schlüter)

 

Konfession

Die Sudenfelder Schule war als katholische Konfessionsschule gegründet worden. Die Umwandlung konfessioneller Volksschulen in Gemeinschaftsschulen im Jahre 1939 war für Sudenfeld an sich ohne Bedeutung, da keine evangelischen Kinder im Einzugsbereich der Schule wohnten. Anders stellte sich aber die Situation bei der Rückumwandlung zu einer Konfessionsschule 1946 dar. Alle von den Evakuierungsmaßnahmen 1943 und 1944 betroffenen Kinder waren noch katholisch gewesen, sodass uns hier vor allem die 1945 und 1946 zugezogenen Flüchtlings- und Vertriebenenfamilien interessieren. Von deren 55 Kindern, die von Anfang 1945 bis Ostern 1950 angemeldet wurden, waren nur 21 aus 12 Familien katholisch und 31 aus 20 Familien evangelisch, außerdem war eine Familie mit drei Kindern neuapostolisch. Bei den überwiegend evangelisch geprägten Gebieten im damaligen Osten Deutschlands darf das nicht verwundern. Damit war die Sudenfelder Schule auf Jahre hin faktisch eine Gemeinschaftsschule. Noch 1951 wurden neben fünf katholischen auch drei evangelische Kinder eingeschult. Wie der konfessionelle Religionsunterricht organisiert wurde ist aus dem Jahr 1947 überliefert. „Mußten in den letzten Jahren die Sudenfelder Lehrer den Religionsunterricht für die kath. Kinder der Natruper (Gemeinschafts)Schule bestreiten, so kommt jetzt der evang. Lehrer von Natrup jede Woche einmal nach hier, um den evang. Flüchtlingskindern Religionsunterricht zu erteilen.“ (Schulchronik Sudenfeld S. 113)

 

Wegzüge

In den meisten Fällen war der Aufenthalt der 1943/44 evakuierten Kinder in Sudenfeld relativ kurz. Diese Familien hofften auf baldige Rückkehr und suchten eine Gelegenheit dazu. Einige kehrten noch während des Krieges, andere kurz nach Ende des Krieges in ihre Heimat zurück. Die aus Osnabrück Evakuierten zogen nach Osnabrück, in die Stadtrandgemeinden Hellern, Holzhausen oder Sutthausen oder ins weitere Osnabrücker Umland. Diese Kinder blieben an der Sudenfelder Schule im Durchschnitt 14 Monate (von 3 Tagen bis zwei Jahren). Ein Beispiel: Ein Kind einer Osnabrücker Familie war in Sudenfeld von Dezember 1944 bis September 1945 gemeldet, bevor es zurück nach Osnabrück ging; es hat also die Schule in Sudenfeld kaum von innen gesehen: Die Weihnachtsferien wurden wegen Mangels an Heizmaterial verlängert, im Februar fiel wochenlang aus demselben Grund der Unterricht aus, tägliche Bombenalarme behinderten den Unterricht, ab März fiel er deswegen ganz aus. Es folgten die Osterferien, Kriegsende und Besatzung. Der Unterricht begann erst wieder am 23. August für die Unterklasse, am 25. Oktober für die Oberklasse.

Hofften die im Jahre 1945 gekommenen Flüchtlinge noch auf die Möglichkeit der Rückkehr, so war nach der Potsdamer Konferenz diese Hoffnung auf ein Minimum gesunken und entsprechend richteten sich die Zuwanderer auf einen längeren Aufenthalt im Westen ein. Dabei war Sudenfeld wegen seiner abseitigen Lage, mangelnden Verkehrsverbindungen und fehlenden Wohnungen und Arbeitsplätze nicht unbedingt der Ort, um eine  dauernde neue Heimat zu finden. Und es ist deshalb nicht erstaunlich, dass die meisten Zuwanderer über kurz oder lang einen anderen Wohnort suchten, der ihnen bessere Arbeitsmöglichkeiten bot. Drücken wir auch das in einigen statistischen Angaben aus: Von 43 Kindern, die der Gruppe der Flüchtlinge und Vertriebenen zuordnen sind, erlebten 18 ihre Einschulung in Sudenfeld im Zeitraum 1945-1950. 19 wurden in den Jahren 1946-1958 nach Erfüllung ihrer Schulpflicht aus dieser Schule entlassen, davon hatten immerhin 6 ihre ganze Schulzeit in Sudenfeld verbracht. Da anzunehmen ist, dass nur in einem Fall die Ummeldung innerhalb der Samtgemeinde Hagen aus konfessionellen Gründen ohne Umzug erfolgte, zogen während ihrer Schulzeit 24 Kinder mit ihren Familien aus Sudenfeld fort. Dabei blieben 12 Kinder im Raum der Samtgemeinde Hagen, sechs weitere Kinder zogen in die Nachbarorte Holzhausen, Georgsmarienhütte, Oesede, Lengerich und Hasbergen. Nur zwei Familien mit je zwei Schulkindern zogen weiter fort, nach Lübeck (1947) und Krevese in Sachsen-Anhalt (1946). Wie weit dann die Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs entwurzelte Familien weiter in die Industriezentren und Ballungsgebiete zog, lässt sich aus unserer Quelle nicht mehr erschließen.

 

Im Jahre 1956, also mitten im wirtschaftlichen Aufschwung, wusste der Leiter der evangelischen Volksschule Hagen, Konrad Hinze übrigens einen weiteren Grund für die Fortzüge: „Die ev. Heimatvertriebenen erhielten hier in Hagen kein Siedlungsgelände u. keinen ausreichenden Wohnraum u. wanderten darum nach Sutthausen, Oesede, GMHütte oder Nordrhein-Westfalen ab.“ (Schulchronik der Ev. Volksschule in Hagen Kreis Osnabrück)

 

Weiterführende Hinweise

Die vorstehende Auswertung des Hauptschülerverzeichnisses der Volksschule Sudenfeld für die Einschulungsjahre 1941-1950 kommt über statistische Angaben kaum hinaus. Über die Problematik der Eingliederung der Flüchtlinge und Vertriebenen in den Hagener Gemeinden lohnt sich nachzulesen: Rainer Rottmann, Ortschronik Hagen am Teutoburger Wald, 1997, S. 394-398. Über die Flucht- und Vertreibungsschicksale ließ Konrad Hinze in der Evangelischen Volksschule Hagen seine Schüler ihre Erinnerungen aufschreiben. 16 dieser Berichte sind abgedruckt in: Doris Schönhoff (Hrsg.), Menschen Bilder und Geschichten. Alltägliches aus Hagen, Hasbergen und Georgsmarienhütte, 2003, S. 213-235.