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Das Töpferhandwerk in der Gemeinde Hagen a.T.W. weist eine schon über fünf Jahrhunderte alte Tradition auf. Im 16./17. Jahrhundert, aber auch im 19. Jahrhundert, war Hagen sogar eines der regional bedeutendsten Töpferzentren im nordwestdeutschen Raum.

Die letzte und einzig noch bestehende der Hagener Töpfereien, die Töpferei Niehenke, feierte 2015 ihr 120jähriges Betriebsjubiläum – ein Anlass, die Geschichte der Töpferei hier kurz darzustellen.

Die Töpferei Niehenke ist aus der Töpferei Berkemeyer hervorgegangen. Der in der Großenheide in Hagen gelege­ne Markkötter Berkemeyer hatte, wie einige andere in  Hagen auch, die von den Fran­zosen während der Napoleonischen Besat­zungszeit (1806 - 1813) verfügte Gewer­befreiheit dazu genutzt, auf seinem Hof eine Töpferei einzurichten. 1818 gibt Caspar Heinrich Berke­meyer an, er brenne pro Jahr 4 Öfen a 250 Wurf, also jährlich 1000 Wurf, was durchschnittlich ca. 5000 Stück Irdenware entspricht. 1832 beschäftigte Berkemeyer „3 Knechte und 1 Kostgänger", die wohl als lohnab­hängige Töpfergehilfen oder Gesellen angesehen werden dürfen.

Die Töpferwerkstatt entwickelte sich also gut und war in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts eine der größten Töpfereien in Hagen.                                                                          T

Die Töpferei Niehenke ist aus der Töpferei Berkemeyer hervorgegangen. Der in der Großenheide in Hagen gelege­ne Markkötter Berkemeyer hatte, wie einige andere in Hagen auch, die von den Fran­zosen während der Napoleonischen Besat­zungszeit (1806 - 1813) verfügte Gewer­befreiheit dazu genutzt, auf seinem Hof eine Töpferei einzurichten. 1818 gibt Caspar Heinrich Berke­meyer an, er brenne pro Jahr 4 Öfen a 250 Wurf, also jährlich 1000 Wurf, was durchschnittlich ca. 5000 Stück Irdenware entspricht. 1832 beschäftigte Berkemeyer „3 Knechte und 1 Kostgänger", die wohl als lohnab­hängige Töpfergehilfen oder Gesellen angesehen werden dürfen. Die Töpferwerkstatt entwickelte sich also gut und war in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts eine der größten Töpfereien in Hagen.

1875 war indes ein Schicksalsjahr für die Töpferei Berkemeyer. Innerhalb kurzer Zeit starben der „Seniorchef" Caspar Heinrich Berkemeyer (*1799, +1875) und sein Sohn und Erbe Johann Hermann Rudolf Ber­kemeyer (* 1836, +1875) an Typhus. Ob und wie lange der Töpfereibetrieb auf dem Hof danach noch fortgeführt worden ist, war bislang unbekannt.

Sicher war nur, dass die noch stehende Werkstatt 1895 durch den aus Hagen gebürtigen Töpfer Bernhard Niehen­ke (*1874, +1917) übernommen worden ist. Bernhard Niehenke galt daher bislang als “Firmengründer” der Töpferei Niehenke. Hier geben nun genealogische Daten weitere Erkenntnisse, denn der 1874 in Gellenbeck geborene Bernhard Niehenke entstammt nachweisbar einer alten Töpferfamilie, die in der Jahrhunderte alten Hagener Töpfer- und Zieglertradition wurzelt. Hierzu im Einzelnen:

Hermann Niehenke (1754 in Mentrup, +1827 in Sudenfeld), der Urgroßvater des Bernhard Niehenke, heiratete 1787 Maria Grimmelsmann, eine Nichte des Ziegeleibetreibers Grimmelsmann in Sudenfeld. Hermann Niehenke arbeitete in dessen Ziegelei. Der Sohn Eberhard Heinrich Niehenke (*1799 in Sudenfeld, + in Ankum) heiratete 1829 Catharina Maria Konersmann aus Beckerode. Diese beiden wohnten zunächst in einem Kotten des Bauern Otte in Natrup-Hagen, wo Eberhard als Töpfergeselle arbeitete. Um 1840 zog Eberhard Niehenke, also der Großvater des “Firmengründers” Bernhard Niehenke, von Hagen nach Ankum, um dort als selbständiger Töpfer zu arbeiten.

Am 21.5.1842 wurde dem Ehepaaer Eberhard und Catharine Maria Niehenke in Ankum ein Sohn namens Hermann Heinrich Niehenke geboren, (*1842 in Ankum, + in Gellenbeck). Dieser heiratete, als “Töpfermeister” bezeichnet, am 30.8.1871 in Hagen (!) Anna Maria Hehemann (*1848 in Natrup, +1889 in Gellenbeck). Der berufliche und persönliche Kontakt der Familie Niehenke von Ankum nach Hagen war also nie abgebrochen. Dem Ehepaar wurde am 28.5.1874 in Gellenbeck der Sohn Bernhard Niehenke (*1874, +1917 in Rußland) geboren – der später als “Firmengründer” angesehen wurde.

Aufgrund der obigen Personaldaten ist indes davon auszugehen, dass bereits dessen Vater, der “Töpfermeister” Hermann Heinrich Niehenke, spätestens mit seiner Heirat 1871 nach Hagen zurückgekehrt ist und als Töpfer in der Töpferei Berkemeyer gearbeitet hat. Dies würde auch erklären, warum sein Sohn Bernhard Niehenke (*1874) 1895 im Alter von nur 21 Jahren den ehemaligen Töpfereibetrieb der Familie Berkemeyer übernommen hat. Dieser Töpfereibetrieb war also seit dem Tod der Familie Berkemeyer im Jahre 1875 bis zur Betriebsübernahme durch Bernhard Niehenke im Jahre 1895 nicht 20 Jahre lang verwaist gewesen, sondern war in diesen zwei Jahrzehnten schon durch Hermann Heinrich Niehenke weiter betrieben worden.

Wegen besserer Verkehrsanbindung und günstigerer Lage zu den Tonvorkommen verlegte Bernhard Niehenke den Betrieb im Jahre 1900 von der Großenheide an die Grenze zu Hasbergen in den Ortsteil Natrup-Hagen, wo er neu baute. Während das jetzige Wohnhaus der Familie auf Hasberger Gebiet liegt, befindet sich die Töpferwerkstatt zum Teil noch auf Hagener Gebiet.

Mit der Verlegung des Betriebes erfolgte – bedingt durch die oben erwähnten Absatzschwierigkeiten von Irdenwaren – auch eine Weichenstellung in Richtung Spezialisierung, nämlich hin zur mechanischen Massenprolduktion von tönernen Blumenöpfen. Für die Technisierung des Betriebes nutzte man zunächst einen am Grundstück vorbeifließenden Bach, der über ein Was­serrad die Mechanik trieb.

Der Firmengründer Bernhard Niehenke fiel im 1. Weltkrieg und hat den Aufschwung des Betriebes nicht miterlebt. Unter Leitung seines Sohnes Hermann Niehenke senior (* 1897, +1966) und dessen Sohnes Her­mann Niehenke junior (* 1926, +2001) entwickelte sich der Betrieb zur wohl größten Blumentopffabrik des Osnabrücker Landes. Alther­gebrachtes irdenes Töpfergeschirr wurde nur noch kurzzeitig während und kurz nach dem 2. Weltkrieg und danach nur noch aus besonderen Anlässen oder auf Bestel­lung gefertigt. Es war abzusehen, dass sich die Töpferscheibe irgendwann einmal gar nicht mehr drehen würde.

Eine unter dem Titel „Irdenware des Osna­brücker Landes" im Kulturgeschichtlichen Museum in Osnabrück gezeigte volkskund­liche Ausstellung rief in weiten Teilen der Bevölkerung nicht nur das Bewusstsein an die alte Töpfertradition zurück, sondern führte - wenn auch aus überwiegend nostalgischen Gründen - wieder zu einer verstärkten Nachfrage nach traditionellem Töpfergeschirr. Hermann Niehenke junior entschloss sich daher, die Produktion von Irdenware wieder aufzunehmen, und zwar unter Verwendung alter Formen und Far­ben. Diese traditionsbewusste Variante des „Hagener Geschirrs" fand so guten Absatz, dass die Produktion von Blumentöpfen mehr und mehr eingeschränkt werden konnte und heute nur noch Irdenware hergestellt wird - u. a. Teller, Schüsseln, „Näpkes", Tabaks­töpfe und auch wieder die „Hagener Nach­tigall", ein Tonvogel, wie er bereits in der Töpferei Metzger vor über 200 Jahren her­gestellt worden ist. Um die Vermarktung der Töpfererzeugnisse hat sich Inge Niehenke, Ehefrau von Hermann Niehenke jun., große Verdienste erworben.

Wenn man die aufwendige und anspre­chende Art der Herstellung berücksichtigt, kann man mit Recht sagen, dass hier auf hohem Niveau noch ein Kunst-Handwerk aus­geübt wird, dessen Renaissance in den 1950er und 1960er Jahren kaum für denkbar gehalten worden wäre. Der Betrieb wird von dem Töpfermeister Bernd Niehenke (* 1958) fortgeführt, und zwar in bewusster Anlehnung an die über fünf Jahrhunderte alte Tradition Hagener Töpfer. Von Eberhard Niehenke (*1799) bis zu Bernd Niehenke (*1958) sind es in der Familie mittlerweile sechs Generationen in Folge, die als Töpfer ihren Unterhalt verdient haben.

Im Töpfereimuseum im Obergeschoss des Alten Pfarrhauses sind Töpfereiprodukte von verschiedenen Töpfereien aus fünf Jahrhunderten zu besichtigen.

                                                                                                         Rainer Rottmann

Die 1836 in der Hagener Bauerschaft Beckerode gegründete und 1839 in Betrieb genommene „Beckeroder Eisenhütte“ war der erste echte Industriebetrieb im Osnabrücker Land. Während der Betriebszeit des Hochofens von 1839 bis 1863 wurde das hier in Hagen erzeugte Roheisen wegen seiner hervorragenden Qualität nicht nur gewinnbringend direkt an westfälische Eisengießereien und Stahlwerke verkauft, sondern auch hier in Beckerode in der betriebseigenen Eisengießerei unter anderem zu Werkzeugen, Maschinenteilen, Rohren und Öfen verarbeitet. Das reichhaltige Warensortiment der Beckeroder Eisenhütte ergibt sich aus den zwei Musterbüchern, in denen die Eisenhütte ihre Waren detailliert anbot.

Doch was ist davon geblieben? Noch um 1920 hatte ein Hagener Handwerker während seiner Gesellenzeit in Hannover in den Herrenhäuser Gärten an alten Rohren der dortigen Wasserkunst den Namen der Beckeroder Eisenhütte gesehen. Die Beckeroder Eisenhütte hatte in den Jahren 1847 bis 1856 die gesamten Rohrleitungen für die vorgenannte „Wasserkunst“ in Hannover geliefert.

In der Gemeinde Hagen a.T.W. gibt es – soweit bislang bekannt – wohl keinerlei Exponate aus der Produktion der Beckeroder Eisenhütte mehr. Diejenigen, die es gab, sind vermutlich alle den Weg zum Schrotthändler gegangen.

Dem Deutschen Eisenofenmuseum in Pfuhl (Neu-Ulm) ist es nun aber gelungen, zumindest drei Exemplare von verschiedenen, auf der Beckeroder Eisenhütte produzierten Eisenöfen ausfindig zu machen und seinem Bestand zuzuführen. Diese gusseisernen Öfen aus Beckerode belegen den für die damalige Zeit hohen handwerklichen und technischen Standard der hiesigen Eisenhütte und das „Know-how“ ihrer Mitarbeiter. Gerade deshalb sind die drei Öfen aus Beckerode auch vom Deutschen Eisenofenmuseum als Beispiele der Ofengießerei aus der Mitte des 19. Jahrhunderts ausgestellt worden.

Rainer Rottmann

Hagen a.T.W.

            

Fotos: Deutsches Eisenbahnmuseum

Bei den Bauarbeiten zur Anlegung des Rathausvorplatzes wurde nördlich, parallel zur heutigen Kirchhofsmauer noch der Rest einer weiteren, scheinbar weitaus älteren Kirchhofsmauer aus Bruchstein entdeckt. Dieses ältere Mauerwerk wurde zu Beginn der Baumaßnahmen entfernt, um u. a. Platz für die Restaurierung der heute noch stehenden Kirchhofsmauer zu schaffen.

Ca. 15 Meter westlich dieser alten Mauerreste, also in Richtung Rathaus gesehen, stieß man bei Baggerarbeiten zur Anlegung einer Regenwasserzisterne auf ein in Ost-West-Richtung verlaufendes, ca. 1,20 Meter tiefes und 0,90 Meter breites Fundament der älteren Mauer. Nachdem dieses alte Fundament beseitigt war, wurden in ca. 1,80 Meter Tiefe Reste eines weiteren, massiven Mauerwerkes vorgefunden. Dieses scheinbar horizontal verlaufende, ca. 0,40 Meter starke Mauerwerk lag direkt südlich des alten Mauerfundamentes, hatte aber keinerlei Kontakt zu diesem (vgl. Fotos).

Der Bereich unmittelbar über dem horizontal liegenden Mauerwerk war mit Mutterboden, Dachziegelbruch, Knochen und Sargresten verfüllt. Darüber lag eine ca. 5 cm dicke helle Laufschicht und darüber ca. 50 cm aufgefüllter Mutterboden (vgl. Fotos).

Doch welche Funktion könnte ein derartig tief im Boden gelegenes Mauerwerk dereinst gehabt haben?

Aufgrund der DuPlat‘schen Karte von 1787 und der historischen Aktenlage geht der Autor davon aus, dass es sich bei den tief gelegenen Mauerresten um Relikte des seit dem Mittelalter bis zum Jahre 1791 auf dem Kirchhof zu Hagen stehenden „Beinhauses“ gehandelt hat (vgl. Auszug aus der DuPlat‘schen Karte 1787).

Das Dorf Hagen Anno 1787 (DuPlat’sche Karte).

Ein „Beinhaus“ (lateinisch „Ossuarium“, von „os“ = Knochen) war ein überdachter Raum, der zur Aufbewahrung von menschlichen Gebeinen bestimmt war. Ein Zuwachs in der europäischen Bevölkerung machte die Anlegung von Beinhäusern im 11. und 12. Jahrhundert erforderlich. Als Friedhöfe dienten zu jener Zeit die um die jeweilige Kirche gelegenen und mit einer Mauer umzogenen Kirchhöfe.

Durch zunehmende Bevölkerung ergab sich das Problem, dass man bei Neubestattungen immer öfter auf unverweste Leichenteile, also Knochen aus früheren Bestattungen stieß. Da nach altem Volksglauben nur derjenige das ewige Leben erlangen konnte, der bis zum Jüngsten Tag in oder auf geweihter Erde ruhte, wurden die exhumierten Knochen der Vorverstorbenen entweder in einer Krypta unter dem Altar einer Kirche oder aber gesondert in einem auf dem Kirch-/Friedhof errichteten „Beinhaus“ deponiert. Solche mittelalterlichen Beinhäuser waren zumeist zweigeschossig, bestehend aus einem oberirdischen (Kapellen-) Raum und einem gruftartig, mehrere Meter in den Boden eingetieften und in der Regel gewölbten Untergeschoss. In dem oberirdischen Raum war oftmals eine Pietà aufgestellt. Vielleicht stand auch die heute in der St. Martinus-Kirche befindliche Pietà ursprünglich im Hagener Beinhaus.

Ein (Ge-) „Beinhaus“ wird im Kirchspiel Hagen erstmals 1625 erwähnt: „ Das Beinhaus neuwes aufgezimmert, gekostet 2 Thaler, 2 Schilling, Pfannen auf das Beinhaus…“.

Gleichwohl heißt es bei der Hagener Kirchenvisitation vom 05.09.1651, also kurz nach dem 30-jährigen Krieg: „Die Mauern des Friedhofes sind gänzlich zerstört und lassen dem Vieh den Weg [zu den Gräbern] offen. Das baufällige Beinhaus ist nicht gut gedeckt … das Beinhaus ist gut zu decken …“.

1653 ließ die Kirchspielsgemeinde „das Beinhaus reparieren und hatte dazu 40 Nägel schlagen lassen“. Bei einer Kirchenvisitation des Jahres 1762 wird erwähnt, der Kirchhof sei rundherum mit einer Mauer versehen und das „Ossuarium“ (Beinhaus) sei an diese Mauer angelehnt, außerdem werde das Beinhaus als Begräbnisstelle für jene Kinder genutzt, die kurz nach der Geburt ohne Taufe verstarben. Das Beinhaus diente aber auch anderen öffentlichen Belangen. Im Jahre 1787, dem Jahr der Anfertigung der DuPlat‘schen Karte heißt es nämlich, die im Dorf Hagen vorhandene „Feuersprütze“ werde in einem besonderen Gebäude an der Kirchhofsmauer, dem Beinhaus, aufbewahrt.

Laut Kirchenrechnungen kam es 1791 zur „Niederreißung des Beinhauses“. Bei dieser Gelegenheit dürfte es auch zur Verfüllung des kellerartigen Raumes mit Erde, Ziegelbruch, Knochen und Sargresten gekommen sein. Das unter dieser Verfüllung befindliche, waagerecht verlaufende Mauerwerk könnte die eingestürzte Gewölbedecke der unterirdischen Gruft des Beinhauses gewesen sein.

Vor dem noch erhaltenen Beinhaus in der Gemeinde Naters/ Schweiz steht der Spruch „Was ihr seid, das waren wir, was wir sind, das werdet ihr“.

Rainer Rottmann

Gut Altenhagen
links im Hintergrund das Herrenhaus von 1717,
rechts im Vordergrund das Pfortenhaus von 1712 mit rundbogiger Durchfahrt und Schießscharten.

Im Jahre 2017 wird das sogenannte „Herrenhaus“ auf dem ehemaligen „Gut Altenhagen“ 300 Jahre alt. Es ist damit das viertälteste aus Stein errichtete Gebäude in der Gemeinde Hagen a.T.W.

Hier ein kurzer geschichtlicher Rückblick:

Als der in Altenhagen gelegene Vollerbenhof Eversmann am Ende des 30-jährigen Krieges (1618-1648) in Konkurs geriet und der bisherige Bauer Cord Eversmann seine „meyerstattische Gerechtigkeit“ verlor, musste er seinen Hof binnen 6 Wochen räumen oder“ mit dem Willen des adligen Grundherrn leben“. Cord Eversmann zog notgedrungen in ein Nebengebäude des Hofes, wo er am 4. Februar 1660 eines plötzlichen Todes starb. Seine Witwe nahm sich daraufhin am 13. März 1660 mit einem Gifttrank das Leben.

Im Haupthaus des Hofes wohnte seit 1652 der neue Grundherr und Eigentümer, der adelige Hauptmann Hieronimus von Winsheim mit seiner Familie. Seine Versuche den ehemaligen Bauernhof Eversmann zu einem steuerfreien Adelssitz zu machen, scheiterten, weil die Gemeinde Hagen und die Landesregierung in Osnabrück die Umwandlung eines abgabepflichtigen Hofes in ein abgabefreies „Gut“ nicht akzeptieren wollten.

Der Sohn und Erbe, Franz Wilhelm von Winsheim, ließ daher „auf der Hardt“ (heute Anwesen Hestermeyer, Osnabrücker Straße 46) mehrere Waldgrundstücke roden und errichtete dort eine neue Hofstelle, die nunmehr die öffentlichen Lasten des früheren Hofes Eversamnn tragen sollte. Den neu aufgelegten Hof nannte man zunächst „Eversmann auf der Hardt“ und  später „Hartmeyer“. Durch diesen Trick gelang es Franz-Wilhelm von Winsheim schließlich im Jahre 1698 für die ehemalige Hofstelle Eversmann doch noch eine Steuer- und Abgabenfreiheit sowie das Recht zur „Fortifikation“, also zur Befestigung, zu erhalten. Gemäß dem erteilten Recht zur Befestigung wurde der gesamte Hofbereich zunächst mit einer Steinmauer umgeben und 1712 ein steinernes Pfortenhaus errichtet. Anschließend wurde der Bau eines repräsentativen Wohnhauses aus Stein begonnen. Noch vor Fertigstellung dieses „Herrenhauses“ verstarb Franz Wilhelm von Winsheim kinderlos am 29. Januar 1714. Seine Witwe Katharina Sophia von Böselager (* um 1660, † 12.10.1726 in Altenhagen) ließ den Bau des Herrenhauses 1717 vollenden und versah ihn – trotz des zuvor erfolgten Todes ihres Ehemannes – mit einer wappenverzierten Portalinschrift, die beide Eheleute als Bauherren ausweist.


Eingangsportal des Gutes Altenhagen (Foto 1985)

Die Grundmauern des Herrenhauses sind ca. 1,50 Meter dick und ca. 4 Meter tief. Dies war erforderlich, weil das Herrenhaus zunächst mit einem für Adelssitze typischen Wassergraben nebst Zugbrücke umgeben war. Der Wassergraben wurde erst in den 1820er Jahren nach und nach zugeschüttet, zumal auch die Zugbrücke inzwischen marode war und eine kostspielige Reparatur erforderlich gewesen wäre. Auf dem Dachboden des Herrenhauses lag noch vor einigen Jahren das hölzerne Spillenrad für die einstmals vorhandene Zugbrücke.

Ausschnitt aus der Vermessungskarte von J.W. Du Plat 1986 (rot umrandet der Bezirk des Gutes Altenhagen)

Blick durch das Pfortenhaus auf die Eingangstür des Herrenhauses

Nördlich gegenüber dem „Gut Altenhagen“ lag ein Platz, der früher „auf dem Tigge“ bzw. „der Thiekamp“ genannt wurde (Thie = Versammlungsplatz).
Ein altes Register des Gutes Altenhagen berichtet: Bis etwa zum Jahre 1800 kam „dreimal im Sommer eine Prozession von Hagen daher und hielt auf diesem Platze unter den beiden vor dem Thore (=Pfortenhaus) stehenden Linden eine Station“. Die Hagener Bauern behaupteten, dieser Platz sei kein Privatgrundstück, sondern Gemeindegrund. Vielleicht war hier früher der Standort der ersten Hagener Kirche, bevor sie im Hochmittelalter von
(Alten-)Hagen nach Beckerode verlegt wurde?

Weil die Prozessionsteilnehmer in alter Zeit von den adligen Bewohnern des „Gutes Altenhagen“ an der Station mit Speise und Trank verpflegt wurden, nannte man das Herrenhaus im Volksmund bald auch „uppe Küörken“ (=auf der Küche). Alex Franksmann, der letzte Pächter des Gutes Altenhagen, hat heute noch den Beinamen „Küörkenwerth“. Nach einer Renovierung des Herrenhauses und des Pfortenhauses in den Jahren 1992-1995 wird das Herrenhaus von Verwandtschaft der Familie Ostman von der Leye bewohnt. Zu weiteren Einzelheiten zur Entstehung und Geschichte des Gutes Altenhagen siehe Ortschronik Hagen a.T.W., Seiten 424-434.

Rainer Rottmann
Heimatverein Hagen a.T.W.

Die in unserer Gemeinde überlieferten und zum Teil noch gebräuchlichen Flurnamen sind ein Kulturgut besonderen Ranges, denn sie reichen teilweise altersmäßig bis in die Zeit der bäuerlichen Landnahme zurück oder erinnern an historische Begebenheiten, an frühere Nutzungsarten und die Gestalt unserer Landschaft.

So erinnern die Namen „Mordkuhle“ und „Mannslacht“ an frühere Verbrechen. Der „Storkespohl“ in Gellenbeck belegt, dass es früher Störche in Hagen gab; bei der am Borgberg gelegenen Örtlichkeit „In `n Wulve“ wurde vor etwa 250 Jahren der letzte Wolf in Hagen geschossen.

Seit der katastermäßigen Erfassung der gesamten Landschaft verlieren Flurnamen immer mehr an Bedeutung. Durch die Veränderung der bäuerlichen Wirtschaftsweise und den Rückgang bäuerlicher Betriebe geraten viele Flurnamen in Vergessenheit.

Um dem vorzubeugen, wurde von unserem Heimatforscher Rainer Rottmann ein Hagener Flurnamenregister erstellt, in dem möglichst alle noch aktuellen Flurnamen und alle historisch nachweisbaren älteren Flurnamen erfasst sowie ihre Lage und Namensbedeutung dokumentiert werden.

Das Register ist nicht vollständig. Der HVH bittet daher alle Einwohner Hagens, Herrn Rainer Rottmann, Tel. 05401 90681,  Nachricht zu geben, falls ihnen noch weitere (aktuelle oder frühere) Hagener Flurnamen bekannt sind.

Nur so wird es gelingen, ein möglichst vollständiges Flurnamenregister zu erhalten und für nachfolgende Generationen zu bewahren.

Flurnamenregister

Kriegsbedingte Schülerwanderungen an der Volksschule Sudenfeld

Johannes Brand

Im Folgenden sollen die durch den Zweiten Weltkrieg bedingten Schülerwanderungen am Beispiel der kleinen Schule in Sudenfeld dargestellt werden. Sudenfeld ist wohl der Hagener Ortsteil, der in der Vergangenheit (und ist es vielleicht auch heute noch) am wenigsten von Zu- und Wegzügen betroffen war und deshalb für eine kleine begrenzte Untersuchung besonders geeignet. Ausgewertet wird im Folgenden das „Hauptschülerverzeichnis“ der Volksschule Sudenfeld, das im Sommer 1941 mit dem Schuljahresbeginn 1941/42 neu angelegt wurde und mit den Einschulungen Ostern 1950 endet. Die 1884 gegründete katholische Volksschule Sudenfeld umfasste seit der Erweiterung im Jahre 1911 zwei Klassen, wobei normalerweise die Schuljahrgänge 1-4 die Unterklasse und die Jahrgänge 5-8 die Oberklasse bildeten. Lehrpersonen waren im fraglichen Zeitraum Alfons Stillig (1927-1950) und Hermann Weßels (1927-1957).

 

Das Verzeichnis enthält für jeden Schüler zwei Seiten, eine mit den persönlichen Daten (Name, Geburtstag und -ort, Namen/Beruf der Eltern, Beginn der Schulpflicht und Einschulung, Eintritt in die Sudenfelder Schule, Überweisung an eine andere Schule), die andere Seite enthält die Zeugniszensuren. Selbstverständlich sind damit nur begrenzte Aussagen möglich zu den Motiven, die zum Zuzug geführt haben, und zu den vielfach bedrückenden Schicksalen, die vorangegangen sind. Dennoch lassen sich etliche Erkenntnisse gewinnen über Umfang und Bedeutung dieser kriegsbedingten Völkerwanderung, sowohl für einzelne Familien als auch für das Dorf Sudenfeld und seine Schule.

 

Die Ströme der Flüchtlinge und Vertriebenen in den Jahren 1945 bis 1947 (www.planet-wissen.de )

Bei Durchsicht des Schülerverzeichnisses finden wir unter 170 aufgenommenen Schülerinnen und Schülern etwa 70, die es kriegsbedingt für kurze oder längere Zeit nach Sudenfeld verschlagen hat. Die Schülerwanderungen stellen sich vereinfacht für die infrage kommenden Jahre folgendermaßen dar:

Schuljahr

Schul-anfänger

davon kriegsbedingt zugewandert

Sonstige Zugänge im Laufe des Schuljahres

Wegzüge

1941/42

15

0

0

0

1942/43

12

0

1

0

1943/44

15

1

4

1

1944/45

11

1

14

9

1945/46

13

5

15

5

1946/47

4

3

8

6

1947/48

17

6

3

7

1948/49

12

4

0

3

1949/50

10

4

3

0

1950/51

8

4

1

2

 

Zuwanderung zeigt sich so als Problem der Jahre 1943-1947, wobei festzuhalten ist, dass viele dieser Kinder bereits nach kurzer Zeit (1945-1947) weiterzogen. Nur erahnen lässt sich, dass in manchen Fällen bereits vor und nach dem Aufenthalt in Sudenfeld weitere Schulwechsel zu verkraften waren.

Evakuierungen 1943/44

Als der Bombenkrieg der Alliierten gegen deutsche Großstädte, darunter auch Osnabrück, zunahm, begann man einerseits planmäßig mit Evakuierungen von Frauen und Kindern. Andererseits suchten Familien auch Unterschlupf bei Bekannten und Verwandten auf dem Lande. Vermutlich 14 Zugänge aus 11 Familien lassen sich dieser Gruppe zuordnen, einzelne Namen deuten daraufhin, dass es sich um Verwandte handelte. Als Herkunftsorte werden genannt: Gelsenkirchen, Köln, Osnabrück, Recklinghausen, Stuttgart und Wanne-Eickel. Ob auch eine Familie – Vater Bergmann –  dazugehört, deren Weg von Recklinghausen über Ibbenbüren nach Sudenfeld führte, muss offen bleiben. Diese Familie kehrte 1945 nach Recklinghausen zurück, aber ein Sohn war dann nochmals von 1946 bis 1950 Schüler in Sudenfeld. Interessant ist auch der Fall eines Jungen aus Gelsenkirchen, der 1943 nur drei Tage vor den Sommerferien die Sudenfelder Schule besuchte, zuerst wieder nach Gelsenkirchen abgemeldet wurde, dessen Schulneuaufnahme dann aber von Allenstein in Ostpreußen mitgeteilt wurde. Ganz sicher musste er bei Kriegsende noch einmal seinen Wohnort fluchtartig verlassen.

 

Eine weitere Evakuierungsmaßnahme betraf die Gebiete am Niederrhein, als dort im Winter 1944/45 die Westfront vorrückte. Zwei Familien aus Emmerich, die es zunächst in verschiedene Orte in Sachsen-Anhalt verschlagen hatte, kamen im Dezember 1945 nach Sudenfeld. Auch ein aus Berlin stammendes Mädchen dürfte der Gruppe der Evakuierten zuzuordnen sein, während ein in Stralsund geborenes wohl auf der Flucht vor der Roten Armee nach Sudenfeld gelangte. Beide wurden 1946 in Sudenfeld eingeschult, verließen aber nach wenigen Wochen die Schule wieder.

 

Flucht und Vertreibung 1945

Die nächste Zuzugswelle betrifft das Jahr 1945. Diese Familien stammen, mit zwei Ausnahmen, alle aus den ostdeutschen Gebieten. Zum Teil waren sie im Winter 1944/45 vor der Roten Armee geflohen, zum Teil hatten sie im Frühjahr und Sommer 1945 in einer ersten wilden Vertreibungswelle ihre Heimat verloren. Zwei Familien kamen bis Ostern 1945 in Sudenfeld an, bei beiden ist notiert, dass sie ohne Papiere ankamen, was auf überstürzte Flucht – in einem Fall im Rahmen der Evakuierung von Frauen und Kindern aus der zur Festung erklärten Stadt Breslau – hinweist.  Weitere acht Familien kamen bis Ende August. Bei zwei Jungen ist vermerkt: „Seit Weihnachten 44 keine Schule mehr besucht.“ Zu Bedenken ist hier, dass von Anfang April bis zum 23. August keine Schule stattfand und auch keine Kinder neu aufgenommen wurden, sodass die Liste der Schule keine Auskunft über das genaue Ankunftsdatum geben kann.

 

Ein besonders tragisches Schicksal einer Familie deuten die zusätzlichen Vermerke an: Im Juni 1947 wurde eine aus dem Raum Danzig stammende Schülerin von der Klosterschule in Bielefeld der Sudenfelder Schule zugewiesen. Im Oktober wurde dann ihr Bruder angemeldet, von dem es heißt: „2 ½ Jahre keine Schule besucht, als Flüchtling in Dänemark interniert gewesen.“ Die Familie war wohl bei der Flucht oder Vertreibung aus Westpreußen im Winter 1944/45 getrennt worden und wurde in Sudenfeld wieder zusammengeführt.

Vertreibung als Folge der Potsdamer Beschlüssen

Nachdem auf der Potsdamer Konferenz beschlossen worden war, die Gebiete östlich von Oder und Neiße unter polnische Verwaltung zu stellen, kam es dort bis 1946 zur systematischen Vertreibung der deutschen Bevölkerung. Wegen der Bombenschäden in den Großstädten wurden diese Menschen in ländliche Gebiete, vor allem in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bayern untergebracht. Neun dieser Familien meldeten ihre schulpflichtigen Kinder im Zeitraum Januar bis August 1946 in der Sudenfelder Schule an. Die Ankunft weiterer acht Familien aus den Ostgebieten, deren Kinder aber erst ab 1947 ins erste Schuljahr eingeschult wurden, können wir nicht eindeutig den Phasen 1945 oder 1946 zuordnen.

 

Die Herkunft der Flüchtlinge und Vertriebenen können wir etwas vereinfacht vier Gebieten zuordnen: Schlesien (9 Familien/17 Kinder), Ostpreußen (6/11), Danzig/Westpreußen (3/5) und Pommern (7/10). Außerdem kamen zwei Familien mit je zwei Kindern aus Posen und Lublin. Einen deutlichen Schwerpunkt bildet der schlesische Kreis Hirschberg, der mit sechs Familien vertreten ist, davon allein fünf aus der Kreisstadt Hirschberg selbst. Vier dieser Familien kamen im Juni 1946 offensichtlich mit demselben Transport im Westen an und wurden nach Sudenfeld eingewiesen.

 

Vaterlose Familien

Bei fast allen der dieser Untersuchung zugrundeliegenden Kinder sind sowohl Vater als auch Mutter angegeben. Das überrascht zunächst angesichts der Tatsache, dass 19 Millionen deutsche Männer im Zweiten Weltkrieg Soldat werden mussten und viele von ihnen bei Kriegsende gefallen, vermisst oder in Gefangenschaft waren. Wir dürfen also annehmen, dass etliche Väter bei der Schulanmeldung als noch unter den Lebenden vermutet mit ihrer alten Anschrift angemeldet wurden. Nur drei Väter werden als gestorben, einer als in Gefangenschaft befindlich angegeben. Fünfmal wird allerdings nur der Name der Mutter genannt.

Hans Hasekamps idyllische Aufnahme der Schule Sudenfeld vom Frühjahr 1946 lässt nicht ahnen, welche schweren Schicksale viele der damaligen Schüler hinter sich hatten. (Foto: Hans-Hasekamp-Archiv)

 

Unterkünfte

Da in Sudenfeld keine größeren und längerfristigen Not- oder Sammelunterkünfte eingerichtet wurden, müssen wir annehmen, dass alle zugezogenen Familien irgendwie und irgendwo bei einheimischen Familien untergekommen waren. Vor allem 1945 und 1946 gab es dabei auch zwangsweise Einquartierungen durch die kommunalen Behörden, die vor der fast unlösbaren Aufgabe standen, die hier gestrandeten Familien unterzubringen. Und natürlich war längst nicht jede einheimische Familie bereit, zusammenzurücken und die Heimatlosen aufzunehmen. Bei 22 Familien wird im Schülerverzeichnis keine eigene Anschrift sondern die Unterkunft bei einer Sudenfelder Familie angegeben, insgesamt waren davon 18 Sudenfelder, Gellenbecker und Holperdorper Haushalte betroffen. Die Schulchronik äußert sich dazu dreimal:

1945 – „Die Wohnungen sind daher, wie überall, sehr stark belegt. Mangel an Arbeitskräften für die Landwirtschaft besteht nicht mehr.“ (S. 108)

1946 – „Ein Teil der Flüchtlinge (11 Frauen und Kinder) wurde einstweilen in einer Schulklasse untergebracht. Aus dem Einstweilen wurden 3 Monate. Während dieser Zeit erhielten sie Mittagessen bei verschiedenen Bauern. Schließlich sorgte eine von auswärts gesandte Wohnungskommission für ordentliche Unterbringung, teils in Sudenfeld, teils in Hasbergen. Die Dienstwohnungen der beiden Lehrer sind schon seit längerem mit 3 Flüchtlingsfamilien belegt.“ (S. 111)

1948 – Die Wohnungsnot ist immer noch dieselbe. Einige Flüchtlingsfamilien wohnen in menschenunwürdigen Behausungen oder in zu kleinen Räumen. Ernstliche Maßnahmen zur Linderung werden nicht getroffen.“ (S. 123)

Die Oberklasse mit Lehrer Stillig im Jahre 1948 (Foto: Schularchiv Gellenbeck/Hans Schlüter)

 

Konfession

Die Sudenfelder Schule war als katholische Konfessionsschule gegründet worden. Die Umwandlung konfessioneller Volksschulen in Gemeinschaftsschulen im Jahre 1939 war für Sudenfeld an sich ohne Bedeutung, da keine evangelischen Kinder im Einzugsbereich der Schule wohnten. Anders stellte sich aber die Situation bei der Rückumwandlung zu einer Konfessionsschule 1946 dar. Alle von den Evakuierungsmaßnahmen 1943 und 1944 betroffenen Kinder waren noch katholisch gewesen, sodass uns hier vor allem die 1945 und 1946 zugezogenen Flüchtlings- und Vertriebenenfamilien interessieren. Von deren 55 Kindern, die von Anfang 1945 bis Ostern 1950 angemeldet wurden, waren nur 21 aus 12 Familien katholisch und 31 aus 20 Familien evangelisch, außerdem war eine Familie mit drei Kindern neuapostolisch. Bei den überwiegend evangelisch geprägten Gebieten im damaligen Osten Deutschlands darf das nicht verwundern. Damit war die Sudenfelder Schule auf Jahre hin faktisch eine Gemeinschaftsschule. Noch 1951 wurden neben fünf katholischen auch drei evangelische Kinder eingeschult. Wie der konfessionelle Religionsunterricht organisiert wurde ist aus dem Jahr 1947 überliefert. „Mußten in den letzten Jahren die Sudenfelder Lehrer den Religionsunterricht für die kath. Kinder der Natruper (Gemeinschafts)Schule bestreiten, so kommt jetzt der evang. Lehrer von Natrup jede Woche einmal nach hier, um den evang. Flüchtlingskindern Religionsunterricht zu erteilen.“ (Schulchronik Sudenfeld S. 113)

 

Wegzüge

In den meisten Fällen war der Aufenthalt der 1943/44 evakuierten Kinder in Sudenfeld relativ kurz. Diese Familien hofften auf baldige Rückkehr und suchten eine Gelegenheit dazu. Einige kehrten noch während des Krieges, andere kurz nach Ende des Krieges in ihre Heimat zurück. Die aus Osnabrück Evakuierten zogen nach Osnabrück, in die Stadtrandgemeinden Hellern, Holzhausen oder Sutthausen oder ins weitere Osnabrücker Umland. Diese Kinder blieben an der Sudenfelder Schule im Durchschnitt 14 Monate (von 3 Tagen bis zwei Jahren). Ein Beispiel: Ein Kind einer Osnabrücker Familie war in Sudenfeld von Dezember 1944 bis September 1945 gemeldet, bevor es zurück nach Osnabrück ging; es hat also die Schule in Sudenfeld kaum von innen gesehen: Die Weihnachtsferien wurden wegen Mangels an Heizmaterial verlängert, im Februar fiel wochenlang aus demselben Grund der Unterricht aus, tägliche Bombenalarme behinderten den Unterricht, ab März fiel er deswegen ganz aus. Es folgten die Osterferien, Kriegsende und Besatzung. Der Unterricht begann erst wieder am 23. August für die Unterklasse, am 25. Oktober für die Oberklasse.

Hofften die im Jahre 1945 gekommenen Flüchtlinge noch auf die Möglichkeit der Rückkehr, so war nach der Potsdamer Konferenz diese Hoffnung auf ein Minimum gesunken und entsprechend richteten sich die Zuwanderer auf einen längeren Aufenthalt im Westen ein. Dabei war Sudenfeld wegen seiner abseitigen Lage, mangelnden Verkehrsverbindungen und fehlenden Wohnungen und Arbeitsplätze nicht unbedingt der Ort, um eine  dauernde neue Heimat zu finden. Und es ist deshalb nicht erstaunlich, dass die meisten Zuwanderer über kurz oder lang einen anderen Wohnort suchten, der ihnen bessere Arbeitsmöglichkeiten bot. Drücken wir auch das in einigen statistischen Angaben aus: Von 43 Kindern, die der Gruppe der Flüchtlinge und Vertriebenen zuordnen sind, erlebten 18 ihre Einschulung in Sudenfeld im Zeitraum 1945-1950. 19 wurden in den Jahren 1946-1958 nach Erfüllung ihrer Schulpflicht aus dieser Schule entlassen, davon hatten immerhin 6 ihre ganze Schulzeit in Sudenfeld verbracht. Da anzunehmen ist, dass nur in einem Fall die Ummeldung innerhalb der Samtgemeinde Hagen aus konfessionellen Gründen ohne Umzug erfolgte, zogen während ihrer Schulzeit 24 Kinder mit ihren Familien aus Sudenfeld fort. Dabei blieben 12 Kinder im Raum der Samtgemeinde Hagen, sechs weitere Kinder zogen in die Nachbarorte Holzhausen, Georgsmarienhütte, Oesede, Lengerich und Hasbergen. Nur zwei Familien mit je zwei Schulkindern zogen weiter fort, nach Lübeck (1947) und Krevese in Sachsen-Anhalt (1946). Wie weit dann die Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs entwurzelte Familien weiter in die Industriezentren und Ballungsgebiete zog, lässt sich aus unserer Quelle nicht mehr erschließen.

 

Im Jahre 1956, also mitten im wirtschaftlichen Aufschwung, wusste der Leiter der evangelischen Volksschule Hagen, Konrad Hinze übrigens einen weiteren Grund für die Fortzüge: „Die ev. Heimatvertriebenen erhielten hier in Hagen kein Siedlungsgelände u. keinen ausreichenden Wohnraum u. wanderten darum nach Sutthausen, Oesede, GMHütte oder Nordrhein-Westfalen ab.“ (Schulchronik der Ev. Volksschule in Hagen Kreis Osnabrück)

 

Weiterführende Hinweise

Die vorstehende Auswertung des Hauptschülerverzeichnisses der Volksschule Sudenfeld für die Einschulungsjahre 1941-1950 kommt über statistische Angaben kaum hinaus. Über die Problematik der Eingliederung der Flüchtlinge und Vertriebenen in den Hagener Gemeinden lohnt sich nachzulesen: Rainer Rottmann, Ortschronik Hagen am Teutoburger Wald, 1997, S. 394-398. Über die Flucht- und Vertreibungsschicksale ließ Konrad Hinze in der Evangelischen Volksschule Hagen seine Schüler ihre Erinnerungen aufschreiben. 16 dieser Berichte sind abgedruckt in: Doris Schönhoff (Hrsg.), Menschen Bilder und Geschichten. Alltägliches aus Hagen, Hasbergen und Georgsmarienhütte, 2003, S. 213-235.

Kaspar Müller

Im biblischen Alter von 91 Jahren verstarb am 2. August 1990 unser Ehrenmitglied Herr Rektor i. R. Hermann Herkenhoff

— Träger des Verdienstkreuzes am Bande des Niedersächsischen Verdienstordens
— Ehrenbürger der Gemeinde Hagen a.T.W.
— Ehrenmitglied des Heimatvereins Hagen a.T.W.

Der große Sohn Hagens wurde am 14. 5. 1899 im Gellenbecker “Sandkrug" geboren und blieb mit wenigen Unterbrechungen sei¬ner Heimat treu. Nach Abitur und Lehrerexa¬men in Osnabrück und obligatorischer Ar¬beitslosigkeit war er als Pädagoge in Osna¬brück, Lingen, Gr. Hesepe, Brögbern und ab 1928 in Rieste und Averfehrden tätig und kehr¬te 1956 als Volksschulrektor nach Hagen zu¬rück. Auch die Teilnahme an beiden Weltkrie¬gen einschl. einer zweijährigen Gefangen¬schaft stärkten Heimatverbundenheit und En¬gagement für gemeindliche Aufgaben zum Ausbau des Schulwesens und zu einem Zu¬sammenwachsen der einzelnen Ortsteile im Zuge der Gebiets- und Verwaltungsreform.

Die gute Zusammenarbeit mit dem Ge¬meindedirektor Heinrich Kampe führte zur Hebung des Freizeit- und Fremdenverkehrs¬wertes, zur Anerkennung als Luftkurort und zur Gründung des aktiven Heimatvereins. Er war immer bestrebt, bei den Veranstal¬tungen des Heimatbundes Osnabrücker Land die Präsenz vieler Hagener Heimat¬freunde und eine selbstbewußte Darstellung des Hagener Raumes mit einzubeziehen.

Die Herrichtung der alten Kirche als heimatliches Kommunikationszentrum für echte Volks¬kunst und Volkskultur mit verschiedensten Ausstellungen und den einzelnen Entwick¬lungsstufen der bodenständigen Leinenher¬stellung ist sein Werk. Mundartliche Ret¬tungsversuche in plattdeutschen Veranstal¬tungen waren weitere Herzensanliegen. Ne¬ben der wiederholten Mithilfe bei den allmo¬natlichen Plattdeutschen Frühschoppen des Städt. Kulturamtes in Osnabrück hat er sich auch in der alten Kirche bei den  “Plattdeutschen Adventsfeiern des HBOL besonders eingesetzt.

Der Heimatbund Osnabrücker Land, dessen Ehrenmitgliedschaft ihm auf dem Kreisheimattag in Ankum 1977 angetragen wurde, verlor in Hermann Herkenhoff einen langjährigen Freund und Ratgeber. Seine er¬fahrungsreiche Hilfe wird unvergessen bleiben und über das Grab hinaus verpflichten.



Anmerkung:
Dieser Beitrag ist neben vielen anderen in unserem Buch „Hagener Geschichten“ enthalten.

Redaktionelle Ergänzungen
Kaspar Müller, langjähriger Vorsitzender des Heimatbundes Osnabrücker Land schrieb seinen vorstehenden Nachruf auf Hermann Herkenhoff für das Heimat-Jahrbuch Osnabrücker Land 1991. Dabei hatte er vor allem Herkenhoffs Wirken für den Heimatbund, dessen Ehrenmitglied dieser seit 1977 war, im Blick. Zu ergänzen wäre also der Nachruf um eine Würdigung Herkenhoffs aus Hagener Sicht.

Der Schulleiter
Hermann Herkenhoff konnte erst nach seiner Teilnahme am Ersten Weltkrieg die Ausbildung zum Lehrer am Osnabrücker Lehrerseminar absolvieren und 1920 abschließen. Wie viele seiner Altersstufe musste er wegen Stellenmangels zunächst sechs Jahre lang seinen Lebensunterhalt in Fremdberufen erwerben, bis er dann 1926 in schnell wechselnden Vertretungsstellen und 1930 schließlich in Rieste fest angestellt wurde. Nach der Teilnahme am Zweiten Weltkrieg wurde er dann 1947 als Hauptlehrer nach Averfehrden berufen und 1957 wurde ihm die Stelle des Rektors an der Volksschule in Hagen übertragen. Obwohl er damals bereits 58 Jahre alt war, stürzte er sich mit geradezu jugendlichem Elan in seine neue Aufgabe. Elternbesuche im Unterricht, Betreuung von jungen Lehrkräften in der zweiten Ausbildungsphase, die Planung und Begleitung der Erweiterung der Schule seit 1961, Klassenlehrertätigkeit in der Abschlussklasse mit mehrtägigen Klassenfahrten nach Bonn bestimmten seinen Schulalltag. Daneben war er Schriftführer im Vorstand des Schulzweckverbandes der Obermark und die Protokolle zeugen von seinem großen Engagement für seine Schule. Unvergessen für seine damaligen Schüler ist sein Kopfstand auf dem Schulhof, mit dem er am Tage seiner Pensionierung im Jahre 1964 seine körperliche Fitness unter Beweis stellte. Auch darüber hinaus blieb er seiner Schule in der Zeit des Lehrermangels treu und unterrichtete noch bis 1968 weiter.

Der Heimatmensch
Nach seiner Pensionierung wandte sich Hermann Herkenhoff verstärkt der Heimatforschung zu.
•    So war er 1965 Mitinitiator und Mitbegründer des Heimatvereins, dem er noch viele Jahre als Geschäftsführer im Vorstand diente.
•    Als Sammler alter Geräte aus Haus- und Handwerk tat er sich vor allem im Bereich des früher in Hagen weitverbreiteten Flachsanbaus und der Verarbeitung zu Leinen hervor. Als die ehemalige Pfarrkirche zu einem Kulturzentrum umgestaltet wurde, baute er dort eine komplette Ausstellung zu diesem Thema auf, die sich heute in der Heimatstube im Bürgerhaus in Natrup-Hagen befindet. Dazu schrieb er 1979 auch ein Begleitheft mit dem Titel „Vom Flachsstengel bis zur Leinenrolle“.
•    Seine Sammlung des plattdeutschen Vokabulars zur Leinenherstellung deutet einen weiteren wichtigen Bereich seiner Tätigkeit an: die Pflege der plattdeutschen Sprache, die er in der Hagener Mundart perfekt beherrschte. Viele Erinnerungen an seine Kinderzeit hat er in plattdeutschen Gedichten und Texten festgehalten. In seinem kleinen Büchlein „Sinnige Gedanken in Hagener plattdeutschen Wortspielen“ aus dem Jahre 1983 hat er viele davon gesammelt.
•    Seine vielen kleineren und größeren Aufsätze, die seine Forschungsergebnisse zur Hagener Heimatgeschichte festhalten, veröffentlichte er zum Teil in den Hagener Nachrichten. Viele davon und vor allem auch umfangreichere Beiträge fanden dann ihren Platz in dem Buch „Hagen a. T. W. Chronik und Heimatbuch“ aus dem Jahre 1976. Bescheiden nennt er sich selbst als dessen Bearbeiter, obwohl er der Initiator und Verfasser von etwa 40 Beträgen und damit etwa der Hälfte des Buches ist. Spätestens mit diesem Buch hat sich einen bleibenden Platz in der Hagener Heimatpflege erworben.

Johannes Brand


Konrad HinzeKonrad Hinze wurde am 30 Juni 1901 in Flämischdorf bei Neumarkt in Schlesien geboren. Nach dem Besuch von Volksschule und Mittelschule erhielt er seine Ausbildung zum Lehrer an der Präparandenanstalt in Striegen und dem Lehrerseminar in Schweidnitz.

Nach seiner ersten Lehrerprüfung 1921 teilte er das Schicksal vieler damaliger Junglehrer, die keine Anstellung fanden, von der sie leben konnten, und sich in berufsfremden Tätigkeiten ihren Lebensunterhalt verdienen mussten. So war Konrad Hinze als Kassengehilfe bei der Forstkasse und als Reporter einer Zeitung in Neumarkt beschäftigt. Auch seine ersten Stellen im Schuldienst ab 1926 waren nur Vertretungsbeauftragungen. 1929 heiratete er Johanna Schlossweck; aus dieser Ehe gingen zwei Töchter hervor. Erst 1930 bekam er eine feste Anstellung, zunächst an einer einklassigen Volksschule, später dann an verschiedenen vollausgebauten achtklassigen Volksschulen. Daneben betätigte er sich auch musikalisch als Leiter eines Gesangvereins und als örtlicher Musikbeauftragter.

Wegen körperlicher Behinderung zunächst vom Wehrdienst zurückgestellt, musste er 1944 dann doch noch zum Kriegsdienst bei der Marine. Nach der Entlassung aus britischer Kriegsgefangenschaft verschlug es ihn zunächst nach Nordhorn, wo er auch seine Wiedereinstellung in den Schuldienst erlebte. Am 1. November 1948 wurde er dann nach Hagen an die seit Ostern 1948 bestehende evangelische Schule versetzt.

Konrad Hinze fand sich in Hagen und mit seiner Schule in einer doppelten Minderheitensituation wieder: als evangelischer Christ und als Vertriebener. Und es kennzeichnet seine Persönlichkeit, dass er sich engagiert für die Respektierung und Gleichstellung der evangelischen Schule, die ja gleichzeitig eine Schule von Vertriebenen war, und die aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten nach Hagen verschlagenen Menschen einsetzte.

Öffentliche Anerkennung verschaffte er seiner Schule gleich im Jahre 1948 mit einer gelungenen Weihnachtsfeier der Schule im Saale Kriege, von der auch in der lokalen Presse berichtet wurde. Sowohl die Geistlichkeit beider Konfessionen als auch der Bürgermeister und der Vertreter der katholischen Schule sprachen Grußworte und äußerten sich anerkennend. Dennoch musste Hinze um die Anerkennung als eigenständige evangelische Schule noch kämpfen. Das sei an drei Vorkommnissen erläutert, von denen die Schulchronik berichtet:

Als Fräulein Krochmann – die evangelische Schule war als zweiklassige Schule gegründet worden – längerfristig erkrankte und Konrad Hinze die mehr als 110 Kinder allein versorgen sollte, wurden die Kinder des 1. und 2. Schuljahres in der katholischen Schule untergebracht und zeitweise Fräulein Nagel von dort mit 15 Stunden an die evangelische Schule abgeordnet. Das führte1949 zu erregten Protesten in der Elternschaft, die „die konsequente Einhaltung der evangel. Bekenntnisschule“ verlangte. „Der Lehrer versuchte, einen Kulturkampf in Hagen zu verhindern.“

Die evangelische Schule lebte in einer  Symbiose mit der katholische Schule, sie war in deren Räumen untergebracht, nutze deren Turnhalle und auch die dortigen Lehr- und Unterrichtsmittel. Aber Hinze ging es um das Selbstverständnis seiner Schule und so protestierte er 1952 sehr heftig gegen diese Zustände beim Schulvorstand: „Nennen Sie mir eine kath. Schule im ganzen Regierungsbezirk, die 4 Jahre besteht und kein eigenes Inventar besitzt! Darum auch hier: Gleiches Recht für alle! Stellen Sie ihre Schulfreudigkeit auch bei der Ev. Schule einmal unter Beweis.“

Als es 1963 auf seine Pensionierung zuging, sorgte er sich um das Wohlergehen und den Fortbestand der eigenständigen evangelischen Konfessionsschule. Er war bereit, ein halbes Jahr vorher seine Dienstwohnung zu räumen, damit sie gründlich modernisiert werden konnte, um für einen Nachfolger ein attraktives Wohnungsangebot zu haben. Als die Planungen sich hinzogen, äußerte er vor dem Schulzweckverband: „ Sie verfechten das Elternrecht, müssen es der Minderheit aber gleichfalls zuerkennen ... Die Auflösung dieser Schule würde die Umwandlung der kath. Volksschule St. Martin in eine Gemeinschaftsschule zur Folge haben.“

Nur drei Monate nach der oben erwähnten Weihnachtsfeier gab es am 20 März 1949 einen großen Elternabend, in dem die verlorene Heimat der Flüchtlinge und Vertriebenen und die Suche nach einer neuen Heimat im Mittelpunkt standen. Besonderes Interesse fand auch eine Mappe mit den Flucht- und Vertreibungsgeschichten seiner Schüler, die er im Winter 48/49 hatte schreiben lassen. Ihm ging es darum, die schrecklichen Erinnerungen der Kinder festzuhalten, aber auch das Erlebte von ihnen verarbeiten zu lassen.

Die Situation der Ostdeutschen in Hagen war also sein zweites großes Thema neben der Schule. Dass er seine Überzeugungen zu vertreten und durchzusetzen wusste, sahen wir bereits. Und so wurde er geradezu selbstverständlich zum Sprecher der in Hagen gestrandeten Flüchtlinge und Vertrieben und ihrer Organisation, dem „Bund vertriebener Deutscher“. So sehen wir ihn im 1955 gedrehten Hagener Heimatfilm unter den örtlichen Honoratioren; als solcher hielt er zum Beispiel auch eine Ansprache bei der Einweihung des Ehrenmales für die Gefallenen der Weltkriege auf dem Friedhof an der heutigen Schopmeyerstraße im Jahre 1957.

Nach seiner Pensionierung zog Konrad Hinze nach Belm, wo er weiterhin aktiv blieb in der Arbeit für die Heimatvertriebenen und als Heimatforscher. Schon in Hagen hatte er sich als Ortsfremder sehr bald intensiv mit der Hagener Geschichte beschäftigt und zahlreiche Aufsätze verfasst. Hermann Herkenhoffs „Chronik und Heimatbuch“ von 1976 enthält allein 16 Beiträge von Konrad Hinze, der damit etwa ein Viertel des Buches geschrieben hat. Am 30. 12. 1980 starb Konrad Hinze nach langer schwerer Krankheit in Belm.

Literaturempfehlungen:
-    16 Beiträge von Konrad Hinze in: Hagen a.T.W. – Chronik und Heimatbuch.    
-    Aus  der Vergangenheit in die Gegenwart. Bearbeitet von Hermann Herkenhoff. Hagen 1976.
-    Die Beiträge „Lehrer Hinze – Gedanken“, „Flüchtlingsgeschichten“ und „Vor zwanzig Jahren“ in: Doris Schönhoff (Hrsg.), Menschen Bilder und Geschichten. Alltägliches aus Hagen, Hasbergen und Georgsmarienhütte. Lengerich 2003. S. 213 – 238
-    Die Geschichte der evangelischen Volksschule in Hagen ist dargestellt in: 
-    Johannes Brand, Rainer Rottmann, Helga Witte: Geschichte der Schulen in der Hagener Obermark, Hagen a.T.W. 2011, S. 216 - 22


Anmerkung:
Dieser Beitrag ist neben vielen anderen in unserem Buch „Hagener Geschichten“ enthalten.

Johannes Brand

Im Juni 1975 beschloss der Rat unserer Gemeinde die Sandstraße von der Kreuzung mit der Straße zum Jägerberg bis zur Einmündung in die Natruper Straße umzubenennen in Schopmeyerstraße nach dem aus Hagen stammenden und nach Kriegsende ermordeten ehemaligen Arbeitersekretär der katholischen Arbeitervereine im Bistum Osnabrück, Bernhard Schopmeyer. Einmalig ist für Hagen, dass die offizielle Straßenbenennung am 23. Juni 1975, dem 30. Todestag Schopmeyers, in einer Feierstunde mit 300 Teilnehmern in dem an dieser Straße gelegenen Schulzentrum vorgenommen wurde. Das ist Grund genug, einmal den Spuren dieses Mannes nachzugehen.

Bernhard SchopmeyerBernhard Schopmeyer wurde am 2. September 1900 im sogenannten Herrenhaus der ehemaligen Beckeroder Eisenhütte geboren. Sein Vater Conrad Schopmeyer arbeitete als Kesselschmied in der damals noch bestehenden Beckeroder Kesselschmiede. Seine Mutter Bernhardine, geb. Schmitz war eine Tochter des Betriebsleiters der Schmiede. Die rasch wachsende Familie zog bald wegen der beengten Wohnverhältnisse um „in die Lieth“, an die heutige Liedstraße. Dort wuchs Bernhard Schopmeyer auf.

Nach dem Besuch der Volksschule erlernte er das Zimmererhandwerk, in dem er bis 1926 arbeitete. Daneben aber bildete der geistig hellwache junge Mann sich ständig weiter, um gerüstet zu sein für die Zeit der großen Umbrüche, die er in seiner Jugend erlebte: „Heute müssen die Arbeiter und unselbständigen Handwerker restlos außerhalb ihres schönen Dorfes ein Industriewerk besuchen, um ihren Lebensunterhalt zu haben. Daher ist Hagen ganz von dem Wohlergehen der umliegenden Industrie abhängig.“ So beschrieb er in einem Zeitungsartikel die Situation der Hagener 1934. Der Erste Weltkrieg endete für Deutschland mit der Novemberrevolution und dem Beginn der Weimarer Republik, eine Herausforderung für politisch wache Menschen, sich zu engagieren. Für Bernhard Schopmeyer wurde neben der Familie der 1910 gegründete katholische Arbeiterverein zur Keimzelle seines religiösen, sozialen und politischen Engagements. So finden wir im Statut des Vereins unter den Zielen u.a. „Wahrung und Förderung der Religiosität und Sittlichkeit“, „Belehrung der Mitglieder über ihr staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten“ und „Schutz und Förderung der wirtschaftlichen Interessen der Arbeiter, besonders durch Erziehung zur praktischen Mitarbeit“. Bernhard Schopmeyer gehörte spätestens ab 1923 als Schriftführer zum Vorstand, als übrigens sein Vater 1. Vorsitzender war.

Dies und die vielfältigen Kontakte zum damaligen Arbeitersekretär im Bistum Osnabrück, Josef Hagemann, der offensichtlich seine besonderen Fähigkeiten richtig einzuschätzen wusste, führten dann wohl dazu, dass der erst 25 Jahre junge Bernhard Schopmeyer am 1. Januar 1926 zu dessen Nachfolger als Arbeitersekretär berufen wurde. Von dem gelernten Zimmermann wurden nun ganz andere Kompetenzen verlangt: Er hatte die Kontakte zwischen den einzelnen Arbeitervereinen zu halten, Vorträge zu politischen und sozialen Themen zu halten, Fortbildungsveranstaltungen zu organisieren und durchzuführen und vor allem auch im sogenannten Volksbüro ratsuchenden Menschen Auskünfte und Hilfen in sozialen Belangen zu geben. Daneben engagierte er sich in der Zentrumspartei, und es zeugt von seiner hohen politischen Kompetenz, dass der junge Neuosnabrücker bereits 1928 von seiner Partei als Kandidat für den Osnabrücker Magistrat aufgestellt und von der Bevölkerung auch gewählt wurde. Bald darauf war er auch Abgeordneter im Provinziallandtag in Hannover. Zu den beiden Haupttätigkeiten als Arbeitersekretär und Politiker gesellten sich bald weitere „Nebenposten“, wie z. B. als Beisitzer am Arbeitsgericht oder als Mitglied im Schlichtungsausschuss. 1932 war sogar beabsichtigt, ihn als Zentrumskandidaten für den Preußischen Landtag als Nachfolger wiederum Josef Hagemanns aufzustellen, wozu es wegen der Machtergreifung Hitlers nicht mehr kam.

Am 29. Juli 1927 heiratete Bernhard Schopmeyer die ebenfalls aus Hagen stammende Maria Bensmann. Um die rasch wachsende Familie – sechs Kinder gingen aus der Ehe hervor – zu ernähren, reichte das Gehalt des Arbeitersekretärs nicht aus. So war er darauf angewiesen, sich als Vertreter von Vertragsversicherungen der Arbeitervereine und durch Pressearbeit einen Nebenverdienst zu erwerben. So berichtete in einer Rubrik in einer Osnabrücker Tageszeitung über die Arbeit im Magistrat. Seinen Kindern war er ein liebevoller, aber auch konsequenter Vater. Und es ist typisch für den selbst so bildungsbeflissenen Menschen, dass ihm die Ausbildung seiner Kinder ganz besonders am Herzen lag.

Die Machtergreifung Hitlers bedeutete für ihn einen herben Einschnitt in sein Leben. Er verlor seine politischen Ämter, und das Volksbüro wurde aufgelöst. Über seine Arbeit als Arbeitersekretär schrieb rückblickend seine Frau im Jahre 1955: „In seinen Arbeiten wurde er durch das Verbot der Doppelmitgliedschaft Arbeitsfront und der katholischen Vereine sehr gehindert. Sein Büro wurde lange von zwei SA-Leuten besetzt.“ Seine Aufgaben verlagerten sich nunmehr immer stärker auf die Mitarbeit in der Männerseelsorge des Bistums Osnabrück, die im Jahre 1938 zur Ernennung zum Diözesansekretär für die Männerseelsorge führte. Hierzu gehörte auch die Katholische Aktion, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, die Laien für die weltanschaulichen Auseinandersetzungen heranzubilden. In Osnabrück wurde sie von Dr. Michael Keller, dem späteren Bischof von Münster, geleitet, der häufiger Gast in der Familie Schopmeyer war. Unter seiner Leitung verbreitete die Katholische Aktion z. B. auch die berühmten regimekritischen Predigten des Münsteraner Bischofs von Galen aus dem Jahre 1941. Zugleich betätigte sich Bernhard Schopmeyer illegal politisch im Untergrund. So berichtete Gerhard Wallenhorst, einer seiner Osnabrücker Freunde, über die Zusammenarbeit im Windthorst-Bund, der Jugendorganisation der Zentrumspartei, auch während der Zeit der NS-Herrschaft. Im Rückblick seiner Frau heißt es zur Untergrundtätigkeit: „Wenn mein Mann mir Schriftstücke aus der Widerstandsbewegung zum Lesen mitbrachte, dann musste ich immer hören, sei vorsichtig, ich stehe mit einem Bein im KZ. Manche Zusammenkünfte hinter verschlossenen Türen habe ich persönlich  miterlebt.“ Und einen Brief an seine Frau, wohl aus der Soldatenzeit, beendet er mit: „Nun muß ich schließen, vernichte den Brief, das ist notwendig, schreib bald wieder.“

Wenige Tage vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs wurde er zur Wehrmacht eingezogen. Das war insofern ungewöhnlich, als er mit 39 Jahren bereits relativ alt war. Vielleicht wollten ihn die Osnabrücker Nazis auf diesem Weg aus dem Verkehr ziehen. Er machte den Frankreichfeldzug mit, war dann in Polen eingesetzt und anschließend auch zeitweilig in Osnabrück stationiert. Hier wäre er beinahe nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 von der Gestapo verhaftet worden. Nur sein beharren auf der Zuständigkeit der Kriegsgerichtsbarkeit und die Meldung des Vorfalls an seinen vorgesetzten Offizier retteten ihn.

Bei Kriegsende befand er sich in Flensburg, wurde am 3. Mai 1945 entlassen und fuhr er dem Fahrrad nach Hause, wo er am 12. Mai eintraf. Sofort nahm er seine Tätigkeit in der Männerseelsorge wieder auf. Trotz des zunächst bestehenden Verbots politischer Betätigung durch die Besatzungsbehörde nahm er sofort die Gespräche mit seinen alten politischen Freunden auf, um die Zukunft zu planen. Konsequent vertrat er nun die Idee einer neuen überkonfessionellen Partei anstelle des alten katholischen Zentrums. So zählt ihn die Osnabrücker CDU zu ihren Gründungsvätern, auch wenn er die eigentliche Parteigründung im Herbst 1945 nicht mehr erlebte.

Die Umstände seines gewaltsamen Todes sind nie aufgeklärt worden. Noch am Abend vorher hatte er gegenüber seiner Frau davon gesprochen, dass ihn einige Männer verfolgen würden. Diese berichtete dann in ihren Erinnerungen: „Am folgenden Tag, dem 23. Juni 1945, wurde mein Mann mittags zwischen 13.00 und 14.00 Uhr im Bürgerpark auf dem Hauptweg aus dem Hinterhalt erschossen. Die Kugel drang in den Rücken und durchschlug Lunge und Herz. Außer seinem Leben wollte man nichts; denn es fehlte nichts an Wertsachen, wie Fahrrad, Geldbörse mit einer Gehaltsnachzahlung von zwei Monaten über 1000 Reichsmark, seine Armbanduhr, sein Ring und seine Aktentasche.“ Da es sich wohl nicht um einen Raubüberfall gehandelt hatte sondern um gezielten Mord, Bernhard Schopmeyer aber keine persönlichen Feinde hatte, suchte man das Motiv in der politischen Vergangenheit: „Man hat mir gleich gesagt, daß er zuviel gewusst, daß er deshalb verschwinden mußte, damit nicht noch gewisse Leute benachteiligt würden.“

Wenn wir heute fragen, was als Vermächtnis Bernhard Schopmeyers für unsere Zeit bleibt, dann soll hier ein Brief ziert werden, den er als Soldat an einen Freund geschrieben hat. Mitten im Siegestaumel, der weite Teile der deutschen Bevölkerung nach dem ersten Kriegsjahr erfasst hatte, schrieb er am 1. Dezember 1940 geradezu visionär gegen alles Großmachtdenken und allen Nationalismus:
„Die zur Gestaltung drängenden Kräfte sind von größerem Ausmaß als viele erträumt haben. Es geht in diesem Ringen um zwei große Dinge: Politisch um die Neugestaltung Europas (eine Art vereinigte Staaten von Europa oder wie man es nennen will), religiös geht es um die Wiedervereinigung im Glauben! Beides müssen wir bejahen und das Letztere ist unsere spezielle Aufgabe.“


Der Verfasser dankt für wertvolle Informationen besonders Frau Barbara Möller, einer Tochter Bernhard Schopmeyers.


Anmerkung:
Dieser Beitrag ist neben vielen anderen in unserem Buch „Hagener Geschichten“ enthalten.

Helmut Tecklenburg

In „Nachrichten aktuell  Hagen a.T.W." wurde mitgeteilt, dass die Gemeinde Hagen a.T.W. beabsichtigt, eine Fotosammlung von den Bildern der Kunstmaler Röhrig anzulegen, weil diese Bilder nicht nur einen künstlerischen, sondern auch einen zeitgeschichtlichen Wert haben. Viele Hagener Familien, die im Besitz von Röhrig-Bildern sind, haben sich bereit erklärt, diese Bilder fotografieren zu lassen. Das ist ein Zeichen dafür, dass die „Hagener Nachrichten" als interessant emp¬funden und gelesen werden.

Inzwischen sind über 40 Ölgemälde für die Dokumentation erfasst. Bei diesen Ölgemälden handelt es sich um Landschaftsbilder aus der Niedermark, aus dem Teufelsmoor und der Nordheide, aus Bayern und dem Schwarzwald, es handelt sich um Architekturbilder, um Por¬träts und Blumenbilder, die in der Zeit von 1910 bis 1970 entstanden sind. Die Künstler versuchten mit naturgetreuen Darstellungsformen die gegebenen Vorbilder so getreu wie möglich abzubilden.

Der Kunstmaler Carl Röhrig (geb. 1864, gest. 1956) stammte aus Koblenz am Rhein. Nach seinem Studium ging er um 1900 als Kunst- und Kirchenmaler nach Osnabrück. Wiederholt war er im Dom und in anderen Kirchen des Osnabrücker Raumes tätig. Im Ersten Weltkrieg kam er als Kunstmaler an das Osnabrücker Stadttheater und war dort bis zur Zerstörung des Theaters im Jahre 1944 beschäftigt.

Vier Söhne waren ebenfalls Kunstmaler. Die Söhne Franz und Peter arbeite¬ten am Stadttheater. Peter Röhrig wurde im Zweiten Weltkrieg Soldat und gilt seit 1943 in Stalingrad als vermisst. Carl Röhrig (jun.) war als Theatermaler in Lübeck. Der jüngste Sohn Hermann blieb nach seinem Studium an der Kunstakademie in München als Kunstmaler und Bildhauer. Er hat viele Al¬penbilder, Brunnen und Skulpturen geschaffen.

Zur Niedermark hatte Carl Röhrig besondere Beziehungen. Sein Sohn Franz hatte in Gellenbeck eine Familie gegründet und ein Haus mit Atelier an der Natruper Straße gebaut. Er hat als Kunstmaler das Werk seines Vater bis zu seinem Tod im Jahre 1970 erfolgreich fortgesetzt.

Der Kunstmaler Carl Röhrig (junior) war als Kunstmaler am Stadttheater in Lübeck tätig. Von seinem Vater und seinen Brüdern Franz und Peter bekam er oft Besuch. Gemeinsam fuhren sie dann an der Lübecker Bucht und in den malerischen Fischerort Gotmund an der Trave mit seinen reetgedeckten Häusern und seinen Fischkuttern.

In der beschaulichen Ruhe dieses Ortes fanden sie Motive, die sie in ihren Ölgemälden festhielten.
Von Hermann Röhrig, dem jüngsten Spross der Künstlerfamilie, der nach dem Studium an der Kunstakademie in München als freischaf¬fender Kunstmaler und Bildhauer in Bayern lebte, wurden die Osna¬brücker Carl, Franz und Peter öfter nach Bayern eingeladen. Auf ihren Fahrten und Wanderungen in das oberbayerische Alpengebiet und auch in den Schwarzwald lernten sie viele Naturschönheiten und prächtige Naturdenkmäler kennen. Viele Motive von stillen Bergseen, hohen Berggipfeln, Dorfansichten, Kirchen und alten Bürgerhäusern hielten sie in ihren Skizzenbüchern fest. Im häuslichen Atelier ent¬standen dann nach diesen Skizzen auf der Leinwand prächtige Ölgemälde, die man heute noch in einigen Wohnstuben bewundern kann.

Hof Meyer zu Gellenbeck



Natruper Mühle
 


Abschließend sei hier noch erwähnt, dass Franz Röhrig in Gellenbeck nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu seinem Tode im Jahre 1970 für das Karus¬sellunternehmen Telsemeyer die großen Bilder an der oberen Außen¬verkleidung des Karussells gemalt hat. Auch die „temperamentvol¬len" Karussellpferde, an die sich ältere Leser noch gern erinnern, er¬hielten ihre ausdrucksstarke Bemalung von Franz Röhrig.

Anmerkung:
Dieser Beitrag ist neben vielen anderen in unserem Buch „Hagener Geschichten“ enthalten.

Manfred Reh

Im Jahre 1958 wurden die farbigen, bleiverglasten Fenster in der Ehemaligen Kirche im Auftrag des damaligen Pastors Fipp von dem Hagener Künstler Karl Jakubietz entworfen, gefertigt und eingebaut. In überwiegend dezenten Farbvariationen stellen sie die sieben Sakramente dar.

Das Lieblingsbild des Meisters in der Turmaußenwand, das St. Martin und den Bettler zeigt, besticht durch teils kräftige Farben der Gestalten auf gut abgestimmten, mehrfarbigem Hintergrund.

Das Jubiläum der Kirchenfenster ist Anlass, den verdienten Hagener Künstler zu ehren und ihn und seinen Lebensweg zu beschreiben. Karl Jakubietz wurde am 12. Januar 1924 in Ratibor ( Oberschlesien) als Sohn des Expeditionsleiters eines großen Werkes geboren. Von seinen Geschwistern lebt sein 10 Jahre älterer Bruder in einem Nachbarort. Im Alter von 8 Jahren wurde man auf sein Mal- und Zeichentalent aufmerksam:

Ordensschwestern schenkten ihm ein dickes Buch, in das er seine Bilder malte. Später beim Einmarsch der sowjetischen Truppen ist es leider von russischen Soldaten mitgenommen worden. Nach der Schulentlassung 1939 erlernte er zunächst den Beruf des Vermessungstechnikers. Durch den Geistlichen Prälaten Olitzka, der die damalige Zentrumspartei in Oberschlesien anführte, wurde dem 16-jährigen ein Stipendium an der Päpstlichen Kunstakademie in Rom ermöglicht. Der Zweite Weltkrieg verhinderte das Studium. Statt dessen wurde er nach Ableistung des Arbeitsdienstes eingezogen, war als junger Soldat in Frankreich und Italien, wurde von Italienern gefangen genommen, nach Mexiko in dreijährige amerikanische Gefangenschaft übergeben und 1947 von England aus entlassen. Durch seinen mittlerweile ortsansässigen älteren Bruder kam Karl Jakubietz nach Hagen, im Rucksack die in Amerika durch Tausch und Kauf erworbenen für ihn sehr wertvollen Aquarellfarben, die es in der Nachkriegszeit hier noch nicht zu kaufen gab. In Hagen fand er seine neue Heimat, sein neues Zuhause, dem er sich zutiefst verbunden fühlte. Hier lernte er seine Frau Maria kennen, mit der er vier Kinder hatte. Hier baute er sein Haus in der Wilop, hochgeschätzt von Freunden und Nachbarn.

Pastor Fipp wurde auf den jungen Künstler aufmerksam und wurde bald sein treuer Kunde. Für seine Arbeiten, beispielsweise für die Darstellung der Sixtinischem Madonna, entlohnte ihn der Geistliche in der zu der Zeit meist möglichen Form in Naturalien, z.B. durch einen neuen Anzug. Mit 20 Jahren begann Karl Jakubietz ein Studium an der Osnabrücker Kunstakademie, erlernte bei der Osnabrücker Kunstglaserei Honsel den Beruf des Glasers und arbeitete nebenbei im Betrieb des Restaurators und Kirchenmalers Wiegand, wo er auch die Grundbegriffe und Fertigkeiten der Glasmalerei erlernte. Der junge Glasermeister, der seiner Lehrfirma bis zu seiner Pensionierung treu geblieben ist, wurde zu einem gefragten Restaurator von Kirchenfenstern weit über das Osnabrücker Land hinaus, ja bis ins Ausland. In seiner Tätigkeit konnte er viele eigene Entwürfe einbringen.

So gestaltete er unter anderem mit besonderer heimatverbundener Hingabe die Fenster in der Ehemaligen Kirche und in der Friedhofskapelle.


Darstellung des Sakramentes der Taufe Darstellung des Sakramentes der Firmun

Fotos Chr. Nädker

Auch nach seinem Arbeitsleben erfreute er mit seinen künstlerischen Fähigkeiten Verwandte, Freunde und Nachbarn, indem er Fenster entwarf und fertigte oder Gratulationskarten und -gegenstände in sehr ansprechender Weise verzierte. In Karl Jakubietz vereinigen sich ein ausgeprägtes künstlerisches Talent mit hoher Handwerkskunst. Dabei ist er immer ein freundlicher, liebenswürdiger und sehr entgegenkommender Hagener geblieben, der sich durch Bescheidenheit auszeichnete. Trotz eines schweren gesundheitlichen Schicksalsschlages, der seinem künstlerischen Schaffen ein jähes Ende setzte, ist Karl Jakubietz eine Frohnatur geblieben. Er liebte Blumen und ist ein Familienmensch mit einem ausgeprägten Sinn für Geselligkeit, der viele Freunde und Bekannte hatte. Bereits 1947 sang er im Kirchenchor mit, war 55 Jahre aktives Mitglied im Männergesangverein und arbeitete viele Jahre in der Kolpingsfamilie und im Kirchenvorstand mit. Unvergesslich sind vielen älteren Gemeindemitgliedern seine Karnevalsauftritte mit selbst getexteten Liedern und selbst verfassten Melodien, mit Quartettauftritten zu bekannten und beliebten Operettenmelodien - eigentlich ein Allroundtalent!
Karl Jakubietz, der über Jahre an den Rollstuhl gefesselt war, verstarb im Alter von 86 Jahren am 27. Oktober 2010. Seine Werke von hoher künstlerischer Qualität, die er seiner Familie, seinen Freunden und Verwandten und uns Hagener Bürgern geschenkt hat, werden nachhaltig in dankbarer Erinnerung bleiben.

Anmerkung:
Dieser Beitrag ist neben vielen anderen in unserem Buch „Hagener Geschichten“ enthalten.

Johannes Brand
Am 18. Februar des Jahres 2012 verstarb kurz vor Vollendung seines 85. Lebensjahres der Bildhauer Bernhard Gewers. Seit 50 Jahren war er Bürger unserer Gemeinde und wie kein anderer Künstler hat er das öffentliche Bild unserer Gemeinde mitgeprägt. Das mag vielen Mitbürgern gar nicht bewusst sein und deswegen sollen in dieser Würdigung von Person und Werk vor allem seine Hagener Werke im Mittelpunkt stehen.
Bernhard Gewers wurde 1927 im münsterländischen Vreden geboren. Nach dem Abitur durchlief er zunächst eine Holz- und Steinbildhauerlehre, an die sich ein Studium an der Werkkunstschule Münster und an der Kunstakademie Stuttgart anschloss. Anschließend studierte er in Darmstadt Architektur. Während des Studiums legte er auch noch seine Meisterprüfung ab. So war er als Holz- und Steinbildhauermeister und Diplomingenieur bestens gerüstet für seine künstlerische Tätigkeit, die folgerichtig auch zum großen Teil mit der Gestaltung von Gebäudekomplexen und öffentlichen Plätzen zu tun hatte. Einen umfassenden Rückblick auf das Werk von Bernhard Gewers hat Werner Ueffing 1996 im Heimatjahrbuch Osnabrücker Land veröffentlicht. Dieser Aufsatz wurde auch jüngst in das Buch „Hagener Geschichten“ übernommen.

   
Bernhard Gewers (rechts) bei der Einsegnung des Muttergottes-Bildstocks zwischen Gellenbecker Friedhof und Stern am 26. März 2000 neben Pastor Wolfgang Langemann und Jürgen Leonhard (KuL)

 

Das Werk von Bernhard Gewers ist sehr vielfältig. So schuf er filigrane Brunnen, für deren Formen er sich von pflanzlichen Formen inspirieren ließ, aber auch großformatige Plastiken auf öffentlichen Plätzen mit einer stärker geometrischen Formensprache. Neben abstrakten Werken stehen fein naturalistisch herausgearbeitete Bewegungsstudien. Auch allegorisch oder symbolisch zu deutende Figuren gehörten zu seinem Repertoire. Die Ambivalenz von gegenständlichen und abstrakten Werken erklärte er im Vorwort seines Katalogs von 1992 so: „ Für die abstrakte Kunst engagierte ich mich sehr, aber es regten sich Zweifel an der Möglichkeit der gegenstandslosen Arbeitsweise, über viele wesentliche Äußerungen menschlichen Seins noch Aussagen machen zu können.“

Auffällig ist der große Anteil, den religiöse Werke an seinem Gesamtwerk haben. Er hat zahlreiche Werke zur Ausstattung von Kirchen geschaffen wie Portale, Altäre, Ambos, Tabernakel, Taufbrunnen. So gab er auch dem Innenraum der Hagener Martinuskirche ein Gesicht. Nicht in erster Linie kirchlichen Auftraggebern ist aber die Fülle von Werken mit religiöser Sprache zu verdanken, sondern vor allem seiner tiefreligiösen Grundhaltung. So finden sich schon früh in seinem Oeuvre Darstellungen von Engeln, Kalvarienbergen, Osterszenen oder der Muttergottes.
Der stets bescheidene Bernhard Gewers war immer sehr zurückhaltend, wenn es um die Interpretation seiner Werke ging. Aber in einem Gespräch mit Werner Ueffing sagte er einmal „Die heute gängige Beliebigkeit und Indifferenz der Aussage liegt mir nicht. Ich will keine Bilderrätsel schaffen, sondern Arbeiten, die vom Betrachter begriffen und nachvollzogen werden können und keiner Erklärung oder Gebrauchsanweisung bedürfen“. (Hagener Geschichten S. 245). Dennoch war er sich der Tiefe seiner künstlerischen Aussagen bewusst, wenn er im bereits erwähnten Vorwort schreibt: „Somit wird der Betrachter ... eine gewisse Vielschichtigkeit in meinem Werk bemerken – die aber – so hoffe ich, - nicht beliebig ist und auch nicht beliebig ausdeutbar.“
Nach der Heirat mit  Ilse Strauss im Jahre 1959  und der Geburt der Söhne, zog die junge Familie 1963 nach Hagen a.T.W. Am Borgberg richtete sich Bernhard Gewers nun ein Atelier ein, in dem er bis in sein hohes Alter hinein noch tätig war. Im Februar des Jahres 2012 ist er gestorben und wurde auf dem Gellenbecker Friedhof neben seiner 2010 verstorbenen Frau  beigesetzt.

 

Eine Weinranke mit zwei Tauben auf dem Grabstein von Ilse und Bernhard Gewers auf dem Gellen-becker Friedhof

Es ist natürlich naheliegend, dass sich gerade in Hagen, wo Bernhard Gewers fast 50 Jahre lang gelebt hat, besonders viele seiner Werke zu finden sind. Zwar zeigen sie nicht die ganze Breite seines künstlerischen Gesamtwerks, wohl aber eine große Vielfalt an Themen und Formen, vor allem auch mit religiöser und symbolischer Bedeutung. In zwei Rundgängen jeweils in der Niedermark und der Obermark sollen ausgehend von diesen Schwerpunkten die im öffentlichen Raum Hagens befindlichen Werke von Bernhard Gewers vorgestellt werden.

Auf den Spuren von Bernhard Gewers – ein Rundgang in der Niedermark
Beginnen wollen wir unseren Rundgang durch die Niedermark auf dem Gellenbecker Friedhof, auf dem und in dessen Umfeld wir eine ganze Reihe von Werken des Künstlers finden.


•    Friedhof: Grab Gewers
Wenn wir den Friedhof durch das alte Tor an der Natruper Straße betreten, dann finden wir gleich als erstes Grab auf der rechten Seite die Ruhestätte von Ilse und Bernhard Gewers. Auf einem nur leicht gemaserten weißen Marmorblock ist ein Weinstock aus Bronze aufgelegt. Die rechtwinkligen Ranken zeigen die immer wiederkehrende Neigung von Bernhard Gewers zu geometrischen Formen. In den Ranken tummeln sich zwei Tauben. Sie sind zu lesen als die Geschöpfe, die sich an der Schöpfung Gottes, für die der Weinstock steht, freuen. Auf einer anderen Deutungsebene verweist der Weinstock, wie auch in anderen Darstellungen die Ähren, für Bernhard Gewers auf die religiöse Dimension der Eucharistie.


•    Friedhof: Gedenkstein auf dem Grab Wolf
Nur wenige Schritte weiter findet sich das Grab von Wilhelm Wolf, das im Jahre 2000 zu einem Ehrengrab umgestaltet wurde. Die Inschrifttafel auf einer Sandsteinplatte wurde von Bernhard Gewers gestaltet. Neben eine Lyra und dem Turm der Gellenbecker Kirche  steht auf ihr der Text: WILHELM WOLF 1871 – 1933 REKTOR DER GELLENBECKER SCHULE MITBEGRÜNDER DES MGV CÄCILIA GELLENBECK MITINITIATOR DER GRÜNDUNG DER PFARRGEMEINDE MARIÄ HIMMELFAHRT GELLENBECK.


•    Friedhof: „Ostermorgen“
Betritt man den Friedhof durch den neuen Hauptzugang bei der Friedhofskapelle, so fällt der Blick auf ein in die Mauer neben dem Tor eingelassenes Relief mit dem Thema Ostermorgen. Rechts „verharren die Frauen voller Furcht und in gebührendem Abstand vor der überirdischen Erscheinung, die ihnen die trostvolle Botschaft von der Auferstehung verkündet“ (Ueffing, Hagener Geschichten S. 246). Der majestätisch thronende Engel wird von vier Flügeln gerahmt; in der Bibel sind vier Flügel den Cherubim zugeordnet (vgl. Ez 10.20f.)


•    Friedhof hinterer Zugang
Verlassen wir den Friedhof durch das hintere, zweiteilige Tor beim Haupteingang der Friedhofskapelle, so lohnt es sich, noch einmal umzuschauen. In die Pforte und das breite Tor sind fünf kreisrunde Medaillons eingelassen, die in symbolischer Bildsprache die christliche Auferstehungshoffnung thematisieren. Von links nach rechts sind zu sehen:
1.    Zwischen den Worten „Vater unser“ berühren sich die von oben kommende Hand Gottes und eine menschliche Hand.
2.    Die Hand Gottes verweist auf Weintraube und Obst als Symbole für Leben, aber auch Reife und Ernte.
3.    Die Taube mit dem Ölzweig geht zurück auf die Geschichte von der Arche Noah (Gen 8, 11) und wird seitdem verstanden als Symbol des Friedens, insbesondere der Versöhnung zwischen Gott und Menschen.
4.    Ähnlich wie auf dem Grabstein ist diese  Darstellung  als Aufforderung zu verstehen:  Freut euch an der Überfülle des gereiften Lebens.
5. Hängende, volle, reife Ähren sind vor allem auch auf Grabsteinen ein altes Symbol    für ein erfülltes Leben. Für Gewers verweist die Ähre aber auch auf den Bibelvers  „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht“ (Joh 12,24).



•    „Maria Mutter der Glaubenden“

An dem Weg vom Friedhof zum Wäldchen „Im Stern“ steht ein Bildstock, in den eine halbplastische Bronzefigur der Muttergottes eingefügt ist. Die in sich gekehrte Mutter hält das Jesuskind auf ihrem Schoß, das, eine Weltkugel in der linken Hand, aufgerichtet und  wach sich der Welt zuwendet. Der ausgestreckte rechte Arm bildet eine Gegenbewegung zum rechten Arm der Mutter. Der Bildstock wurde im Jahre 2000 vom Verein „Kultur und Leben“ (KuL) gestiftet.

 



•    Hofkreuz Meyer to Bergte

Am Sportplatz Im Stern vorbei führt uns der weitere Weg zum Hof Meyer to Bergte, wo an der Straße Zum Butterberg seit 2006 ein Hofkreuz von Bernhard Gewers steht. Der im Vergleich zu anderen Weg- und Hofkreuzen kleine Korpus schwebt vor dem Sandsteingabelkreuz. Die straffe Körperhaltung und der nach oben gerichtet Kopf zeigen laut Gewers „den nicht mehr im Tod befindlichen, sondern im Übergang zu Auferstehung begriffenen Jesus“ (Hagener Geschichten S. 192).

•    „Erntedank“

Auf dem sogenannten Dorfplatz schräg gegenüber der Gellenbecker Kirche an der Natruper Straße steht seit 1996 als Spende der Volksbank eine allegorische Frauenfigur, die Gewers „Schürzenbinderin“ oder „Erntedank“ nennt. Das Motiv der Schürzenbinderin hat der Künstler später noch häufiger aufgegriffen. Offensichtlich hat ihn die Bewegungsstudie gereizt, bei der der nach vorne sich neigende Oberkörper und die nach hinten schwingenden Arme eine spannungsreiche Gegenbewegung bilden. In der geöffneten Schürze werden die Früchte des Herbstes präsentiert. Sie erinnert an antike Darstellungen  des Füllhorns, ein mythologisches Symbol für Fruchtbarkeit, Reichtum und Überfluss.

 



•    „Hirte – Freund – Zeuge“
An der Görsmannstraße vor der Schule errichtete die Gemeinde Hagen 1990  zu Ehren des 1942 im KZ Dachau verstorbenen Pfarrers Gustav Görsmann ein Denkmal. Bernhard Gewers wählte als Material einen Granitfindling. Dieses Material lässt eine feine Modellierung nicht zu. „Der Bildhauer hat deshalb eine große elementare Komposition geschaffen, die durch Ihre Silhouette wirkt: Sie symbolisiert Vertrauen, Zuneigung und Nächstenliebe.“ (NOZ vom 17.09.1990) Die Inschrift fasst programmatisch das Leben Görsmanns zusammen: PASTOR GUSTAV GÖRSMANN HIRTE FREUND ZEUGE *29. SEPT. 1873 OSNABRÜCK †15. SEPT.1942 KZ DACHAU

•    „Drei Hände – Familie“ (1991)


Im Windfang des Bürgerhauses in Natrup-Hagen befindet sich ein Relief mit dem Titel „Familie“. Dazu schreibt Werner Ueffing: „Es sind lediglich drei Hände dargestellt. Eine kleine nach oben gestreckte, offene Kinderhand wird von zwei elterlichen Händen gehalten und beschützt. Durch die Reduzierung des Bildthemas einzig und allein auf die Sprache der drei Hände bekommt das Relief vermehrt Symbolcharakter und dadurch nachhaltige Aussagekraft.“ (Hagener Geschichten S. 250)

•     „Vier Hände – Frieden und Toleranz“

Hände sind auch das Symbol auf unserer letzten Station des Rundgangs in der Niedermark: Auf dem Gelände der Niedermark-Apotheke steht seit dem Jahr 2002 eine ebenfalls vom Verein KuL gestiftete Skulptur zum Thema „Frieden und Toleranz“. In einem quadratischen Sandsteinrahmen gehen aus vier Richtungen Hände aufeinander zu und werben so für Verständnis und Ausgleich zwischen den verschiedenen Menschen, Gruppen und Völkern.


Auf den Spuren von Bernhard Gewers – ein Rundgang in der Obermark
So wie in der Niedermark der Friedhof ist in der Obermark der Bereich um alte und neue Martinuskirche ein Schwerpunkt mit Werken von Bernhard Gewers. Beginnen wir unseren Rundgang also in der neuen Martinuskirche.


•    Liturgische Orte in der Martinuskirche (Altäre, Ambo, Tabernakel, Taufstein)
Die ersten Hagener Arbeiten von Gewers sind Altäre, Ambo, Taufstein und Tabernakelstele in der 1973 eingeweihten neuen Martinuskirche. Als Material benutzte er einen sehr hellen Euville-Kalkstein, der aus dem Pariser Becken stammt. Nach eigenen Worten hat Gewers hier die geometrische Grundform des Kirchenraumes, „ein gedrungenes zweifach schräg geschnittenes sechskantiges Prisma“ aufgegriffen und kommt so zu Formen, „die an die Welt der Kristalle erinnern“ (St. Martinus Hagen a.T.W., 1973, S. 22). Vor allem beim Ambo und am Altar kann man daraus aber auch stilisierte Falten eines Tischtuches lesen. All das aber war nicht Gewers‘ eigentliche Absicht, ihm ging es ausschließlich darum „den Ort, an dem wir mit dem Übernatürlichen in Berührung kommen, würdig zu gestalten“. So erwähnte er auch gegenüber Pastor Josef Ahrens, „wie ihm in der Gestaltung unseres Kirchenraumes die Bewegungen zwischen Himmel und Erde wichtig gewesen seien. Kirche sei für ihn ein Raum der Begegnung von Erde und Himmel. Wir werden mit der Kunst von Bernhard Gewers über uns hinaus verwiesen.“ (Pfarrbrief/Pfarrspiegel vom 19.02.2012). Darauf verweisen auch die Hinweise im „Werkbericht 1960-2010“: Die „größer und kleiner werden Lisenen sollen das Aufsteigen versinnbildlichen“; die Gestaltung der Aluminium-Tabernakeltür wird als „Kraftstrahlen zwischen Himmel und Erde“ gedeutet.


•    Das Altarkreuz in der Martinuskirche

Es ist reizvoll das Kreuz an der Chorwand der Martinuskirche mit dem Hofkreuz Meyer to Bergte zu vergleichen. Der Körper dieser Aluminiumplastik ist stärker abstrahiert, weniger naturalistisch als der in Gellenbeck. Der entscheidende Unterschied liegt aber in Haltung und Ausdruck des Kopfes: Er ist stärker zur Seite geneigt und nach rechts gedreht, zudem von den langen Haaren wie von einem Kopftuch umhüllt. So erhält das Gesicht den Ausdruck eines Schlafenden, noch im Tod befindlichen. Allein die waagerecht ausgestreckten Arme zeigen ihn als Lebendigen, sie scheinen die ganze Welt umarmen zu wollen.

Foto R. Wöhrmann

•    Zwei Madonnen: Im Treffpunkt und im Sankt-Anna-Stift

Im Treffpunkt unter der Martinuskirche begrüßt die Besucher ein Aluminium-Relief mit der Darstellung einer Madonna. Auf dem Regenbogen thronend hält sie mit beiden Händen ihr Kind und präsentiert dies dem Betrachter. Dieses, eher einem verkleinerten Erwachsenen als einem Kleinkind ähnelnd, blickt wie das Kind der Gellenbecker Madonna aufrecht und wach in die Welt, wobei es sich aber mit seiner rechten Hand an den Haaren seiner Mutter festhält. Auch hier sind die Arme der beiden Personen in auffälliger Weise streng geometrisch geformt und zugeordnet. – Die andere Muttergottes im Sankt-Anna-Stift entspricht ganz der Gellenbecker Madonna.

•    Bronzewappen am Rathaus
Gehen wir nun hinüber zum Kirchhof der ehemaligen Martinuskirche. Nach Umbau und Erweiterung des Rathauses 1995 wurde über dem neuen Südeingang ein Hagener Wappen aus Bronze angebracht. Für Bernhard Gewers war das allerdings eher eine handwerkliche Arbeit.


•    Gedenkstein auf dem ehemaligen Friedhof bei der alten Kirche
Jahrhundertelang wurden auf dem Kirchhof bei der Ehemaligen Kirche die Hagener Verstorbenen beerdigt. „Um dem ehemaligen Friedhof ein Stück seiner Würde zu erhalten, wurde auf Anregung des Heimatvereins und auch mit dessen Kostenbeteiligung von der Gemeinde Hagen der Erinnerungsstein errichtet.“ (Hagener Marktbote vom 11.09.2001) Bernhard Gewers gestaltete die kunstvolle Inschrift: „ZUR ERINNERUNG AN DIE VERSTORBENEN DIE AUF DIESEM ALTEN KIRCHHOF BIS ENDE DES 19. JHDTS. BEERDIGT WURDEN“. Den unteren Abschluss der Inschrift bildet eine Taube mit Ölzweig, ein Symbol, das wir bereits vom Gellenbecker Friedhof kennen.

•    Martinusskulptur an der Ostseite der Ehemaligen Kirche

Gehen wir weiter zur Dorfstraße, so finden wir dort an der Ostwand der Ehemaligen Kirche in einer Nische eine 2,90 Meter hohe Plastik aus weißem Marmor, die Bernhard Gewers 1989 geschaffen hat.                                                                                      
Sie stellt die bekannte Mantelteilungsszene aus der Legende von Martinus, dem Patron der Kirchengemeinde Hagen, dar. Herabgestiegen vom hohen Ross beugt sich Martin in einer liebevollen Geste hinunter zum Bettler. Einzig auf diese Zuwendung kam es dem Künstler an. Die Gleichwertigkeit der beiden Personen drückt sich auch im Verzicht auf eine Rüstung bei dem römischen Offizier und in der Ähnlichkeit der fein modellierten Gesichter aus. Und Pastor Ahrens deutet dieses Bild auch auf den verstorbenen Bernhard Gewers hin: „Ihm begegnet Christus nicht auf einem ‚hohen Ross‘, sondern liebevoll in Augenhöhe. Diesen Glauben hat mir Bernhard Gewers mit seiner einmaligen Martinusdarstellung an der Außenwand der Ehemaligen Kirche geschenkt.“ (Pfarrbrief/Pfarrspiegel vom 19.02.2012)

•    Die „Kirschenesserin“
1991 errichtete die Volksbank bei ihrem neuen Gebäude an der Schulstraße eine Bronzefigur von Bernhard Gewers mit einem Urhagener Thema. Besonders beachtenswert ist, wie kunstvoll der Künstler die verschiedenen Körperbewegungen des Mädchens festgehalten hat. Werner Ueffing beschreibt das so: „ Es ist der Augenblick dargestellt, wo das Mädchen sich streckt, um von einem gerade noch erreichbaren Ast einen Kirschzweig zu zupfen. In einer vertikalen Drehbewegung schwingt der jugendliche Körper leicht nach links. Gleichzeitig kommt es durch die standbeinbedingte Beckenverlagerung und den hochgereckten linken Oberarm zu einer Abknickung des Rumpfes nach rechts. Die Wendung des Kopfes nach oben sorgt noch für eine dritte Bewegungskomponente, die Überstreckung des Oberkörpers nach hinten. Aus diesen Richtungskontrasten heraus ist eine spannungsreiche, reizvolle Figur entstanden.“ (Hagener Geschichten S. 250)

•    Kreuzgruppe auf dem Waldfriedhof 1984


Wir gehen nun die Straße Zum Jägerberg hinauf zum neuen Waldfriedhof auf dem alten Schultenhof. Hier errichtete Bernhard Gewers 1984 das zentrale Großkreuz, das zu jedem Friedhof in christlichem Umfeld zu finden ist. „Monumentalität geht von der Kreuzesgruppe … aus. Sie wurde in Bentheimer Sandstein ausgeführt. Ein schlichtes, 4,50 m hohes Kreuz ragt in den Himmel. In seinem Schutze, eng umstellt, drei wesentlich kleinere und unterschiedlich hohe Kreuze, Symbole der Gemeinde Christi. Die gelungenen Proportionen der einzelnen Kreuze, ihre geschickte Zuordnung und die grobe Bossierung der Gesteinsflächen verleihen dem Ensemble einen zeitlosen archaischen Charakter.“ (Werner Ueffing, Hagener Geschichten S. 246 f.)

Für wertvolle Hinweise dankt der Autor den Herren Pfarrer Bernhard Gewers, Johannes Frankenberg und Jürgen Leonhard.
Anmerkung: Die ebenfalls ins Internet eingestellten Aufsätze
Der Friedhof von Gellenbeck + Das Kreuz am Hof Meyer to Bergte + Antonius Tappehorn und Wilhelm Wolf + Gustav Görsmann
enthalten weitere Aufnahmen von Arbeiten des Künstlers.

Helmut Tecklenburg

Am 19. Dezember 1998 verstarb im Alter von 86 Jahren Dr. Edgar F. Warnecke. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges wohnte er in Natrup-Hagen.
Er wurde 1912 in Hamburg geboren. Nach dem Studium der Germanistik, der Geographie, der Geschichte und Kunstgeschichte unterrichtete er an ver¬schiedenen Gymnasien.  Zuletzt  war er bis zu seiner Pensionierung als Oberstudiendirektor am Gymnasium in Lengerich i. W. tätig.

Außerdem beschäftigte er sich sehr intensiv mit der Geschichte und Kunst¬geschichte in der näheren und weiteren Umgebung. In Zeitschriften und Zeitungen veröffentlichte er zahlreiche Artikel. Er war auch u. a. Mitarbeiter bei dem Buch „Der Landkreis Osnabrück, 1970". Er schrieb die Artikel „Die allge¬meine Charakteristik des Landkreises Osnabrück'', „Das Bauernhaus" und „Sit¬te und Brauchtum“.

Überregional bekannt wurde Warnecke u. a. durch die Herausgabe der Bücher „Alte Kirchen und Klöster im Land zwischen Weser und Ems",  „Das große Buch der Burgen  und Schlösser ..." und „Bauernhöfe – Zeugnisse bäuerlichen Lebens  ...“. Die Bücher erschienen im Verlag Th. Wenner in Osnabrück. Auch in dem Mitteilungsblatt „Nachrichten aktuell Hagen a.T.W." veröffentlichte er von Zeit zu Zelt historische Beiträge.


Seine Lieblingsbeschäftigung galt der Malerei. Viele Hagener erinnern sich noch an die Ausstellung „Niederdeutsche Landschaften, Ölmalerei, Bilder von Edgar F. Warnecke", vom 2. bis 15. April 1993 in der Ehemaligen Kirche In Hagen a T.W. 46 Bilder hatte der Künstler ausgestellt.

Waldwiesen und Waldwege, Baumgruppen und Höfe waren die Themen, die den Maler Warnecke besonders reizten. Der Betrachter erblickte auf seinen Bildern keine erfundenen Landschaften. Die Wirklichkeit blieb stets gegenwärtig. Besondere Farbtupfer setzten mit einzelnen Lichteffekten bestimmte Akzente. Schönheit und Reichtum der heimatlichen Natur wurden selbst den kritischen Augen der Besucher sichtbar.
Hof Meyer to Bergte, Ölgemälde von Dr. Edgar F. Warnecke im Bürgerhaus Natrup-Hagen

 

 

 

 

 

 

Hof Meyer to Bergte, Ölgemälde von Dr. Edgar F. Warnecke im Bürgerhaus Natrup-Hagen


Im Alten Pfarrhaus hängt das Ölgemälde „Die Martinuskirche in Hagen a.T.W.“

Anmerkung:
Dieser Beitrag ist neben vielen anderen in unserem Buch „Hagener Geschichten“ enthalten.

Jürgen Leonhard

Ferdinand Joseph Gösmann, der Vorsitzende des Kapellenvereins, hat in Pfarrer Hermann Scheipers (geboren 1913) aus Ochtrup den letzten noch lebenden Dachau-Priester gefunden. Pfarrer Scheipers war zusammen mit Pfarrer Gustav Görsmann aus Gellenbeck im KZ Dachau gefangen. Ebenso wie Pastor Görsmann in den französischen Zwangsarbeitern keine verachtenswürdigen Unmenschen sah und ihnen beistand, handelte auch Pfarrer Scheipers an polnischen Zwangsarbeitern und hielt mit ihnen Gottesdienst, was beiden Priestern zum Verhängnis wurde und ihnen die unmenschliche Zwangshaft im Konzentra-tionslager Dachau eintrug.
Am 11. Februar 2005 schreibt Pfarrer Scheipers in einem Brief an F. J. Gösmann:

Herzlich danke ich Ihnen für die Übersendung des Sonderdrucks aus dem Schweizerischen Kath. Sonntagsblatt und vor allem auch der Familienzeitung von 1985 über Pfarrer Gustav Görsmann, der zusammen mit mir im KZ Dachau gelitten hat und dort im September 1942 gestorben ist.

Außer seinen ergreifenden KZ-Briefen haben mich auch die Beiträge von Leo Wiemker und Msgr. Pruszkowski (ebenfalls Dachau-Priester) interessiert. Beide habe ich sehr gut gekannt, und Leo Wiemker habe ich noch vor seinem Tod besucht. An Pfarrer Görsmann kann ich mich gut erinnern, denn er war mit mir nicht nur in der gleichen Baracke, sondern ich habe auch mit ihm 1942 auf der SS-Plantage gearbei-tet. Er kam auf unseren Block, als wir die noch von Bischof Wienken - im Auftrag der deutschen kath. Bischöfe - durch Verhandlungen mit dem Reichssicherheitshauptamt Berlin erreichten Erleichterungen (sogar einige Monate Arbeitsbefreiung) genießen konnten. Diese wurden aber schon damals sowohl durch die SS als auch durch die kommunistischen Funktionshäftlinge zunehmend unterlaufen und ab 1942 (außer der Kapelle) abgeschafft. Bereits im Winter 41/42 gehörten die meisten von uns mit rund 1000 Priestern zum Arbeitskommando „Plantage". Es war das schlechteste Arbeitskommando, das einzige, auf dem es keine „Brotzeit" gab (eine Scheibe Brot mit etwas Wurst oder Margarine), das Kostbarste für unsere Ernährung, denn von den Wassersuppen konnte man nicht leben. Die SS und die Kommunisten im „Arbeits-einsatz" waren sich darin einig: das brauchen die Pfaffen nicht, das ist ja dort leichte Gartenarbeit.

Die Folge war: Im Jahr 1942 starben 730 Priester, davon 60 deutsche, und 336 als „Invalide" in der Gaskammer. Während ich schon im August 42 selektiert war (dann aber durch meine Schwester gerettet wurde), brach Gustav Görsmann im September zusammen und starb im Krankenrevier. Die Nachricht von seinem Tod habe ich erst später erhalten, denn im September 42 kam ich nochmals in höchste Lebensgefahr: Ich geriet in die geheime „Luftwaffenversuchsstation" (Test im Eiswasser, um festzustellen, bei welcher Körpertemperatur ein Mensch infolge Unterkühlung stirbt), aus der mich ein christlicher Kapo gerettet hat.

Mit Gustav Görsmann verbindet mich auch der Anlass zu unserer Verhaftung: die Seelsorge an Fremdarbeitern, bei Pfr. Görsmann an französischen, bei mir an polnischen Zwangsarbeitern. Bei uns beiden war die Seelsorge an den „Feinden" damals nur ein willkommener Anlass, die geplante „Endlösung der Kirchenfrage" nach dem „Endsieg" vorzubereiten. Gott schenkte mir dafür auch die schriftliche Bestätigung durch einen illegalen Einblick in meine Akten (der mir als Kalfaktor im Gefängnis möglich war). Dort hieß es in einem Schreiben: „Da Sch. ein fanatischer Verfechter der Kirche ist und deswegen geeignet, Unruhe in die Bevölkerung zu tragen, veranlassen wir KZ-Haft in Dachau."

Gustav Görsmann ist deshalb einer von den vielen Märtyrern der Kirche in der NS-Zeit geworden.

658 Priester haben in Deutschland in der Seelsorge für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter ihr Leben aufs Spiel gesetzt, ohne dass sie dabei Märtyrer wurden. Märtyrer aber wurden 29, unter ihnen Gustav Görsmann.


Anmerkungen:

Der vorstehende Brief von Hermann Scheipers aus dem Jahre 2005 ergänzt in besonderer Weise die Sammlung von Dokumenten zum Leben Gustav Görsmanns, die zu seinem 50. Todestag im Jahre 1992 unter dem Titel „Hirte – Freund – Zeuge“ erschien.

Die Gaskammer in Dachau wurde nie in Betrieb genommen. Die sogenannten „Invaliden“ wurden im Jahr 1942 nach Schloss Hartheim in Österreich transportiert und dort in der Gaskammer der Euthanasieanstalt ermordet. Auch Scheipers war im August 1942 bereits  für einen dieser Transporte selektiert.

Dieser Beitrag ist neben vielen anderen in unserem Buch „Hagener Geschichten“ enthalten.

Johannes Brand

Die Görsmannstraße im Ortsteil Gellenbeck ist eine der Verbindungen zwischen Natruper Straße und Lotter Weg. Zugleich ist sie Verbindung zwischen Kirche und Schule in Gellenbeck. Dieser Teil der Görsmannstraße war im 19. Jahrhundert, als auf dem heutigen Schulgelände noch das Gut Spellbrink stand, mit Pappeln bestanden und hieß deswegen im Volksmund bis weit ins 20. Jahrhundert hinein „Allee“.  Als man daran ging auch in Gellenbeck allen Straßen offizielle Namen zu geben, benannte man sie nach dem ersten Gellenbecker Pfarrer Gustav Görsmann. 26 Jahre lang, von 1915 bis 1941 war er an fast allen Schultagen diesen Weg gegangen, um in der Schule Religionsunterricht zu erteilen. Am 27. Juni 1941 wurde er in der Schule verhaftet. Nachdem er noch einige persönlich Dinge aus dem Pfarrhaus geholt hatte, musste er im Wagen der Gestapo über diese Straße seine Gemeinde für immer verlassen.

Gustav Görsmann wurde am 29. September 1873 in Osnabrück geboren. Er besuchte das Gymnasium Carolinum und bestand dort 1895 das Abitur. Er studierte in Freiburg und Münster Theologie und wurde 1898 in seiner Heimatstadt zum Priester geweiht. Nach Kaplansjahren in Bremen und Wellingholzhausen wurde er von Bischof Wilhelm Berning zum ersten Pastor der Kirchengemeinde Gellenbeck berufen und bei der Einweihung der Kirche am 13. Dezember 1915 in sein Amt eingeführt.

Damals fehlte an der Innenausstattung der neuen Kirche noch Vieles. Görsmann kümmerte sich intensiv um die Ausgestaltung der Kirche. Bei der ersten Ausmalung im Jahre 1922 brachte er nicht nur seine Ideen ein, sondern griff auch selbst zum Pinsel und gestaltete das Gewölbe beim Nordeingang. Auf die Gestaltung von Hochaltar, Kanzel, Kreuzweg und die Verglasung der Fenster durch die Künstler Augustin Pacher und Theo Landmann nahm er erheblichen Einfluss.

Vor allem aber war es seine Aufgabe, nach der Abtrennung seiner Gemeinde von der Martinus-Gemeinde ein eigenes Gemeindeleben in Gang zu setzen und aufzubauen. Dabei lag bis 1935, als ihm erstmals ein Kaplan zur Seite gestellt wurde, die gesamte Last der Seelsorge bei ihm. Er hatte alle Gottesdienste zu leiten und verbrachte jede Woche viele Stunden im Beichtstuhl. Neben der Predigt im sonntäglichen Hochamt hatte er an vielen Sonntagnachmittagen noch einen Vortrag in einer Vereinsversammlung zu halten. Zu den Andachten am Sonntagnachmittag trat oft auch noch die so genannte Christenlehre für Kinder und Jugendliche. Die Vorbereitung der Kinder auf Beichte, Kommunion und Firmung lag überwiegend bei ihm. Und als Präses war er auch verantwortlich in der Leitung aller kirchlichen Vereine tätig. Sein Neffe Gustav Recker erinnerte sich: „Er kannte jedes seiner Pfarrkinder und machte oft Hausbesuche.“

Begrüßung des Bischofs Dr. Wilhelm Berning durch Pfarrer Görsmann
anlässlich der Firmung am 12. Juni 1940.

In der Zeit ab 1933 hat er die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Herrschaft nicht gesucht. Aber gradlinig in seinem Wesen und konsequent seiner christlichen Überzeugung folgend, machte er aus der Ablehnung der nationalsozialistischen Ideologie kein Hehl. Schon seit 1933 wurde er bespitzelt und gelegentlich kam es zur Konfrontation mit den Behörden. Auslöser für ein rigoroseres Vorgehen gegen ihn wurde sein Umgang mit französischen Kriegsgefangenen, die seit dem Sommer 1940 in der Niedermark untergebracht wurden. Für ihn waren sie nicht in erster Linie besiegte Feinde sondern katholische Mitchristen, für die er sich als Seelsorger verantwortlich fühlte. Sein Verhalten ließ er nicht durch staatlich verordnete Klassifizierungen der Menschen und auch nicht durch die Berechnung persönlichen Risikos bestimmen. Wo immer er die Franzosen traf unterhielt er sich mit ihnen in ihrer Muttersprache. Augenzeugen haben berichtet, dass dieser Umgang dem Wachpersonal und den örtlichen Parteigrößen eine Dorn im Auge war. Als er dann im August 1940 mit den französischen Kriegsgefangenen einen Gottesdienst feierte, bevor die dafür beantragte Genehmigung der Behörden vorlag, lief der Verfolgungsapparat an. Aber erst am 7. März 1941 wurde er verhaftet und am 2. April zu vier Wochen Gefängnis verurteilt, die mit der Untersuchungshaft bereits verbüßt waren.
Um missliebige Personen endgültig auszuschalten griff die Gestapo damals oft zum Mittel der so genannten „Schutzhaft“. Ohne rechtlichen Schutz verschwand der „Schutzhäftling“ in einem Konzentrationslager und war dem Terrorsystem der SS ausgeliefert. Am 27. Juni 1942 wurde so Gustav Görsmann erneut verhaftet, zunächst in Osnabrück bei Aufräumarbeiten auf Trümmergrundstücken eingesetzt und am 29. September in das KZ Dachau gebracht. Nach fast einjähriger Leidenszeit ist er dort vor 60 Jahren am 15. September 1942 an Unterernährung und ihren Folgen gestorben. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wurde die Urne mit seiner Asche fünf Wochen später auf dem Gellenbecker Friedhof beigesetzt.

 

 

 

 

 

Die Erinnerung an ihn ist in Hagen immer lebendig geblieben. So erinnert nicht nur sein Grabstein beim Friedhofskreuz an ihn. 1957 wurde das neu erbaute Jugendheim in Gellenbeck nach ihm benannt, und bei der Schule an der Görsmannstraße weist ein 1990 von Bernhard Gewers geschaffenes Denkmal an Gustav Görsmann als „Hirte – Freund – Zeuge“.

 

 

 

 

Vor dem Westportal der Gellenbecker Kirche hat der Kölner Künstler Gunter Demnig im Jahre 2008 einen seiner inzwischen berühmten „Stolpersteine“ für die Opfer des Naziregimes verlegt.

Anmerkung:
Dieser Beitrag ist neben vielen anderen in unserem Buch „Hagener Geschichten“ enthalten.

der "Apostel der Auswanderer"

Eugen Kotte

In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts verließen viele unserer Vorfahren aus Westfalen und dem Osnabrücker Land ihre Heimat, um auf dem Hawaii¬schen Inseln das Glück zu machen. Die dort damals aufblühende Zucker¬industrie versprach Arbeit und guten Lohn. Zur geistlichen Betreuung der Aussiedler, aber auch zur Missionierung der Eingeborenen zogen auch Geistliche aus unserer Heimat nach Hawaii. In diesen Kreis gehört auch Pater Lambert Rethmann aus Hagen, der in einer Geschichte des Ordens der "Apostel der Auswanderer" genannt wird.

Fünf Silbergroschen hatte der 14jährige Wilhelm Rethmann in der Ta¬sche, als er von Hagen in Richtung Münster wanderte, um hier Priester zu werden. Ganz selbstverständlich glaubte er, der liebe Gott werde ihm schon helfen. Doch er hatte nicht nur einen beschwerlichen, mehr als 10 Stunden dauernden Fußweg hinter sich zu bringen, sondern merkte bald, daß er als Unbekannter in Münster kaum das Nötigste zum Leben bekam. Er mußte froh sein, daß sich ein Student seiner annahm und ihn bei sich wohnen ließ.

Ein Kaplan kümmerte sich um den aufgeweckten Jungen, gab ihm Nach-hilfeunterricht und brachte ihn aufs Gymnasium.

Und jetzt ging es schnell, obwohl Wilhelm das Studium der Theologie nicht leicht fiel: 1846 wurde er in den Orden der "Picpus-Väter" aufgenommen, 1852 zum Priester geweiht, und noch im gleichen Jahr finden wir ihn als Auswanderer-Priester in Le Havre.

Die damalige Zeit war in Deutschland voll politischer Spannungen. Des¬wegen verließen viele die Heimat, fielen jedoch häufig schon vor der Ein¬schiffung betrügerischen Agenten oder Wirten in die Hände. So wurde die ohnedies vorhandene Not noch vergrößert. Das Aneinandergepferchtsein in den oft nur notdürftig für Personenbeförderung eingerichteten Schif¬fen, die nicht selten mehr als drei Monate unterwegs waren, machte das Leben zur Hölle. Hier war Zuspruch nötig, und das war die Aufgabe von Pater Lambert Rethmann. Und er schaffte sie: Sogar eine kleine Kirche konnte er in Le Havre erbauen lassen, die "deutsche Kapelle". Später wur¬den seine Hilfsmaßnahmen (seelsorgerische und finanzielle) im St.-Raphaels-Verein zusammengefaßt, der bis in die Gegenwart Auswanderern hilft. Pater Lambert Rethmann verstarb am 24. Juli 1908.
Anmerkungen:
Dieser Beitrag ist neben vielen anderen in unserem Buch „Hagener Geschichten“ enthalten.

Johann Wilhelm Rethmann wurde am 10. April 1824 in Natrup-Hagen als Sohn des Heuerlings Friedrich-Wilhelm Rethmann und seine Ehefrau Katharina Maria, geb. Franksmann geboren. Die Familie lebte in einem Kotten des Bauern Meyer zu Natrup. (Mitteilung von Alexander Himmermann)

Picpus-Gesellschaft: Die Ordensgemeinschaft führt eigentlich den Namen „Kongregation von den heiligsten Herzen Jesu und Mariä“ und wurde im Jahre 1800 gegründet. Der Name Picpus-Gesellschaft leitet sich her von dem früheren Hauptsitz der Gesellschaft in Paris an der Rue de Picpus. Die Gesellschaft hatte sich als Aufgabe anfangs auch die Missionierung in der Südsee gestellt, dann aber auch die seelsorgerliche Betreuung der europäischen Einwanderer dort und schließlich auch die Sorge für die Auswanderer in den Auswandererhäfen Frankreichs. Mit dieser Aufgabe kam Pater Lambert – so sein Ordensname – nach Le Havre.  [ nach: www.orden-online.de/ Arnsteiner Patres (Picpus-Gesellschaft)]
In „ Notburga. Zeitschrift für Dienstboten“  vom 3. Juni 1880 heißt es:
„ Für Auswanderer. Die vom Comité zum Schutze der katholischen Auswanderer ernannten Vertrauensmänner sind: ...7. in Hâvre ist der Deutsche Geistliche, Herr P. Lambert Rethmann und jeder Zeit in der speciell für die katholischen Auswanderer erbauten Deutschen Kirche (chapelle allemande, rue J. B. Eyriés), oder in seiner neben der Kirche gelegenen Wohnung (rue Doubet), zu sprechen. Auch gibt derselbe auf briefliche Anfragen bereitwilligst Auskunft, kann aber unter den bestehenden Verhältnissen die weiteren unten angegebenen Dienste nicht leisten.“ (http://transoceanic-emigration.net) 

Raphaels-Verein: Der Limburger Kaufmann Peter Paul Cahensly hatte die Not auswanderwilliger Menschen betroffen gemacht. Er sah, dass sie unbedingt in den Auswandererhäfen Schutz vor ausbeuterischen Agenten, während der Überfahrt Sicherheit auf den Schiffen und im Zielland Hilfe bei der Eingliederung brauchten. Für diese Aufgaben wurde auf sein Betreiben 1871 auf dem Katholikentag in Mainz der St.-Raphaels-Verein gegründet.  Nach dem Tode von Pater Lambert Rethmann beschrieb er in einem Aufsatz dessen bedeutende Rolle für die Gründung des Vereins. (Peter Paul Cahensly, Präsident des St. Raphaels-Vereins: Der Auswandererapostel Pater Lambert Rethmann und die Anfänge des St. Raphaels-Vereins. Sonderdruck aus dem Jahrbuch des Caritasverbandes für 1909/10. Freiburg i. Br. 1909) Darin beschrieb er auch den anrührenden und mitreißenden Auftritt des greisen Pater Lambert auf dem Katholikentag in Osnabrück am 28.August 1901.

Johannes Brand

Ein in vielfacher Hinsicht bemerkenswertes und im Rahmen der Hagener Weg- und Hofkreuze ungewöhnliches Kreuz steht seit dem Sommer 2006  am Hof Meyer to Bergte in Gellenbeck. Mag es anfangs den einen oder anderen Vorbeikommenden auch als „moderne Kunst“ befremdet haben, so lohnt es sich doch, sich diesem Kreuz zu nähern und seine eigentlich gar nicht so neue Formensprache zu verstehen.Der 2002 verstorbene Felix Schulte to Bühne  hatte geplant, einmal ein Kreuz am Hof Meyer to Bergte zu errichten. Es gehörte zu seiner Vorstellung von einem Hofensemble. Nach seinem Tod griff seine Mutter Maria Meyer to Bergte-Schulte to Bühne den Gedanken auf und ließ  ein Kreuz aufstellen, um das zu vollenden, was ihr Sohn nicht mehr verwirklichen konnte. Sie entschied sich schließlich für einen Entwurf des Hagener Künstlers Bernhard Gewers, den dieser ursprünglich einmal für den Kirchhof bei der Ehemaligen Kirche gemacht hatte. Ganz bewusst sollte dieses Kreuz keine familiäre Privatangelegenheit sein, sondern, wie fast alle Hof- und Straßenkreuze in Hagen, sich an die Öffentlichkeit wenden als Zeichen des christlichen Glaubens. Es soll an einer viel begangenen Wegkreuzung beim Hof den Passanten zugänglich sein. Dafür wurde aufwändig ein Teil der Hofmauer abgerissen und neu errichtet, und statt einer Umzäunung ein offener Zugang mit Treppenstufen gestaltet.

Die aus Ibbenbürener Sandstein mit feiner Maserung von dem Billerbecker Steinmetzbetrieb Dirks nach einem Plan von Bernhard Gewers angefertigte Kreuzbalkenkonstruktion entspricht so gar nicht der uns gewohnten Form des lateinischen Kreuzes. Vorlage für den Künstler war das in der Gotik beliebte Baumkreuz, an dem der Korpus mit den Händen an zwei nach oben gerichteten Ästen eines Baumes angenagelt ist.  Der Baum gilt als Symbol für das Leben. Unser Kreuz aber lässt meines Erachtens wegen seiner gedrungenen, breiten Form auch eine andere Deutung zu. Es besteht zunächst aus zwei Teilen: Ein breiter Sockel verjüngt sich nach oben. Darauf wurde eine dreiarmige Konstruktion gesetzt, in deren mittlerem, senkrecht nach oben ragendem Balken ein großer Kreis einbeschrieben wurde, der die Seitenarme noch überschneidet. Dieser Kreis gibt der Konstruktion eine zusätzliche räumliche Tiefe dadurch, dass er die Balken vorne und hinten überragt. Diese gesamte Sandsteinfigur kann man lesen als das Piktogramm eines Menschen, der jubelnd die Arme nach oben reißt. Im Zusammenhang mit einer Kreuzdarstellung ist das ein zwar ungewohnter, aber unbedingt lebensbejahender, fröhlicher und damit auf die Auferstehung verweisender Ausdruck.
Auf den Sandsteinkreis hat Gewers einen im Vergleich zum Korpus ungewöhnlich großen Kreuznimbus (Heiligenschein mit einbeschriebenem Kreuz) aus Bronze aufgelegt. Im Werk des Künstlers sind diese großen Nimbusse schon bei frühen Darstellungen von Kalvarienbergen, aber auch bei Madonnen oder Engeln zu finden. Der Nimbus ist bereits in vorgeschichtlicher Zeit als Sonnensymbol bekannt. Im Zusammenhang mit Herrscherdarstellungen verweist er auf deren göttliche Stellung. Als sich seit der Konstantinischen Wende im 4. Jh. das Kreuz als christliches Zeichen durchsetzte, wurde auch der Lichtkranz aus dem römischen Kaiserkult auf den Christuskult übertragen. Mit dem einbeschriebenen Kreuz verweist es auf Christus oder Gott als die Sonne im Zentrum des Kosmos. Die aufgehende Sonne ist ein Symbol für die Auferstehung Jesu. Und so  sei es gestattet, diesen Kreuznimbus als einen Hinweis auf  den Ostermorgen zu sehen.

Der Korpus ist ungewöhnlich klein für ein Hofkreuz, aber auch im Verhältnis zu der Sandsteinkonstruktion, so als sei von vorn herein nicht beabsichtigt gewesen, ein Kruzifix, eine Darstellung des gekreuzigten Jesus, zu errichten. Der Körper ist bekleidet mit einem überknielangen Lendentuch. Die Haare fallen eng anliegend bis auf die Schultern. Die Wundmale der Nägel und des Lanzenstichs sind zu sehen. Aber der Körper ist nicht angenagelt, er ist auch nicht tot in sich zusammengefallen. Mit kraftvoll waagerecht zur Seite gestreckten Armen schwebt er vor der Sandsteinkonstruktion und bildet so selbst das Zeichen des Kreuzes. Bernhard Gewers sieht ihn als den nicht mehr im Tod befindlichen, sondern im Übergang zur Auferstehung begriffenen Christus. Der Gellenbecker Pastor Wolfgang Langemann sagte bei der Segnung des Kreuzes: „ ... er schwebt vor dem Kreuz, er hat sich von Kreuz und Leid gelöst. Er befindet sich schon in der Auferstehung.“ Und so ist er „ein Zeichen der Hoffnung“.
In der Geschichte der christlichen Kunst finden wir vergleichbare Kruzifixe in der Romanik, also vor allem im 11. und 12. Jh.. Ob mit Nägeln oder ohne, mit oder ohne Wunden, mit geschlossenen oder offenen Augen, dargestellt ist immer ein lebender Christus, der geradezu am oder vor dem Kreuz schwebt. Die Romanik stellte nämlich noch nicht den leidenden Christus dar, sondern den auferstandenen, den Sieger über den Tod.
Schwer zu deuten ist das Gesicht des Christus. Die geschlossenen Augen und der leicht geöffnete Mund könnten auf den Tod hindeuten, aber der leicht noch oben gewendete Kopf spricht dagegen. Ist er im Schlaf zwischen Tod und Auferstehung? Ist er versunken in Meditation, in der Begegnung mit Gott? Oder wollte Bernhard Gewers den Christus darstellen, der sich vom Leid in der Welt hat betreffen lassen? Vielleicht ist es das alles. Gewers selbst sagte einmal: „Ich will keine Bilderrätsel schaffen, sondern Arbeiten, die vom Betrachter nachvollzogen werden können und keiner Erklärung und Gebrauchsanweisung bedürfen.“ Aber auch: „Somit wird der Betrachter ... eine gewisse Vielschichtigkeit in meinem Werk bemerken – die aber – so hoffe ich, - nicht beliebig ist und auch nicht beliebig ausdeutbar.“
Anmerkung:
Dieser Beitrag ist neben vielen anderen in unserem Buch „Hagener Geschichten“ enthalten.

Hermann Weßels

Am 2.6.1913 wurde vom Generalvikariat die Genehmigung zum Kirchbau in Gellenbeck erteilt.

Im Frühjahr 1915 verhandelte man über die Lieferung eines Geläutes mit der Firma Otto in Hemelingen bei Bremen. Vorgesehen waren drei Glocken mit den Tönen d, e und g. Die kleine G-Glocke wurde in Auftrag gegeben zum Preise von 2451 M einschließlich Armatur. Das Gewicht betrug 810,5 kg, mit einem unteren Durchmesser von 1,08 m.

Das gewaltige Kriegsgeschehen stand wohl Pate bei der Auswahl der Inschrift, die lautete:

"Sancta Maria, Regina pacis, ora pro nobis!
Bella pelle, para pacem, A.D. 1915"

Deutsch: "Heilige Maria, Königin des Friedens, bitte für uns!
Verbanne die Kriege, erflehe den Frieden".

Die kirchliche Weihe fand am 3. Juli statt. Die Weiherede stand ganz unter dem Eindruck des Vormarsches in Russland, und so kam der vaterländische Gedanke nicht zu kurz. Im August war der Glockenstuhl fertiggestellt, und am 26. des Monats erscholl das erste "Angelus-Läuten". Am Abend erklang ein einstündiges Siegesläuten anlässlich der Erstürmung der russischen Festung Brest-Litowsk.

Das Jahr 1917 brachte für alle Kirchengemeinden eine bittere Enttäuschung. Der Krieg forderte ein weiteres Opfer vom Kircheneigentum. Behördlicherseits wurden Glocken beschlagnahmt. Es sollte den Kirchen eine Glocke, und zwar die kleinste als Läuteglocke vorläufig belassen werden. Wenn nicht der Konservator in Hannover besondere Kunstwerke oder einen historischen Wert feststellte, mussten alle übrigen abgegeben werden. Unsere eine Glocke fiel demnach nicht unter die Verordnung. Bis zum Jahre 1960 rief diese Glocke die Gläubigen zum Gottesdienst und Gebet.

"Dank der Gebefreudigkeit der Gemeindemitglieder konnte der Kirchenvorstand die Beschaffung eines Geläutes beschließen. Er übertrug die Lieferung der Firma Petit & Gebrüder Edelbrock in Gescher (Westf.). Eine Vertretung des Kirchenvorstandes war zugegen, als die Glocken gegossen wurden. Am Freitag, dem 12. August, trafen die vier Bronzeglocken festlich geschmückt ein. Ihre Weihe war der Mittelpunkt eines Pfarrfestes. Zu der Weihestunde vor der Kirche, wo die vier Glocken aufgestellt waren, hatten sich die Gläubigen zahlreich eingefunden. Mit dem Spielmannzug Natrup-Hagen vorauf, waren die Vereine mit ihren Fahnen heran marschiert. In stiller Andacht und im Gebet verharrte die große Menge, als Pfarrer Kirchner, unterstützt von Kaplan Fipp, die Weihezeremonien vollzog. Zur würdigen Gestaltung trug auch die Gemeinschaft der Gesangvereine der Niedermark mit dem Chorlied "Die Himmel rühmen . . ." bei. In einer kurzen Glockenpredigt deutete Pfarrer Kirchner Sinn und Aufgabe als Rufer, Mahner und Tröster, die das ganze Leben der Christen begleiten sollen".

Soweit ein Bericht der O.T. vom 15. August 1960.
Am folgenden Sonntag, am Patronatsfest der Kirche, ließen die Glocken zum ersten mal ihre ehernen Klänge ertönen. Die alte Glocke musste ihren Platz räumen, da ihre Lager für eine elektrische Läutevorrichtung ungeeignet waren. Sie wurde zum Preise von 2888,- DM verkauft und eingeschmolzen. Das neue Kirchengeläut einschließlich aller Nebenarbeiten erforderte eine Ausgabe von 28279,97 DM.

Nachstehend nähere Angaben über die einzelnen Glocken:

1. Totenglocke: Tonhöhe d, Durchmesser 1,37 m, Gewicht 1500 kg, Inschrift:
Sancte Michael, repraesenta animas nostras in luzem sanctum A.D. I960 / Heiliger Michael, führe unsere Seelen in das heilige Licht!

2. Sakramentsglocke: Tonhöhe e, Durchmesser 1,21 m, Gewicht 1050 kg, Inschrift:  
Sursum corda. Adorate Deum. A.D. 1960 / Empor die Herzen! Betet Gott an!

3. Marienglocke: Tonhöhe g, Durchmesser 1,00 m, Gewicht 570 kg, Inschrift:
Sancta Maria - Regina pacis - ora pro nobis A.D. 1960 / Heilige Maria, Königin des  
Friedens, bitte für uns!
Zum Andenken an die bisherige Marienglocke trägt sie nun am unteren Rande deren   
Inschrift (siehe oben).

4. Kinderglocke: Tonhöhe a. Durchmesser 0,89 m, Gewicht 400 kg, Inschrift:
Date pueri Dominum - Laudate nomen Domini. A.D. 1960 / Lobet ihr Kinder den 
Herrn - Lobet den Namen des Herrn


Anmerkung:
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Die Kirchenchronik wurde im Jahr 1965 von Hermann Weßels verfasst.

Ludger Nobbe

Geschichtlich betrachtet ist die Glocke wesentlich älter als unser Christentum. Die älteste erhaltene Glocke stammt aus dem 9. Jahrhundert v. Chr. Sie wurde in Asien hergestellt, wo man die Kunst des Glockengießens schon sehr früh beherrschte.

In Europa verbreitete sich die Glocke erst im 6. bis 8. Jahrhundert n. Chr., aber es war nicht selbstverständlich, dass jede Kirche eine Glocke hatte. Im kath. Kirchenrecht wurde 1169 festgelegt, dass Kirchen und öffentliche Kapellen Glocken haben sollten, um die Gläubigen zum Gebet und Gottesdienst zu laden. Sie sollten geweiht (konsekriert) sein und ihr Gebrauch wurde ausschließlich von den kirchlichen Stellen geregelt.

Vermutlich hatte auch die erste urkundlich bezeugte Kirche in Hagen eine geweihte Glocke, aber das ist nirgendwo schriftlich belegt. In unserer Pfarrchronik ist die Geschichte der Glocken von Sankt Martin wie folgt niedergeschrieben:

1660    In der großen Glocke der Klöppel zerbrochen.

1661    5. September: Die beiden Glocken sind zwar geweiht, aber wo, weiß man nicht.

1723    Nachricht von den zu Hagen 1723 gegossenen Glocken. Die größte Glocke 1.800 Pfund, die mittelste 1.300 Pfund, die kleinste ungefähr 350 Pfund. An Gießlohn gegeben für 100 Pfund 3 Rthlr.
Anmerkung: 1 Rthlr (Reichstaler) = 21 Schillinge = 252 Pfennig.  
Tageslohn eines Handwerkers zur damaligen Zeit ca. 4 Schillinge.
Bemerkung: Der Glockenguß wurde erforderlich, weil die 2 alten Glocken bei dem ersten großen Brand von Hagen am 12.04.1723 zerschmolzen sind.

1723    „Den Weihbischoff, als die Glocken benediciret (geweiht) und seinem  
Capellano (Kaplan) = 8 Taler.”

1741    13. Aug.: Vertrag zwischen der Kirchengemeinde und Philipp König, Glockengießer zu Osnabrück. Dieser verpflichtet sich, die geborstene große Glocke von neuem zu gießen, jedes Zentner gegen 3 Taler Gießlohn zu liefern, Schmelzofen und Form auf eigene Kosten.

1754    25. Aug.: Vertrag zwischen der Kirchengemeinde und Moritz Rinker zu Ahler bei Wetzlar. Der Glockengießer verpflichtet sich, die geborstene und zerstückte große Glocke von neuem zu gießen, für jedes Zentner 3 Taler Gießlohn, den Schmelzofen wie auch die Form auf eigene Kosten; „Er steht ein Jahr und 6 Wochen vor alle Gefahr und Mangel".

Eine spätere Notiz lautet: „1754 ist die große Glocke von Meister Rinkert in Osnabrück eingegossen auf hiesigem Kirchhofe und hat vor dem Schmelzen 3.066 Pfund gewogen. Davon ist die kleinste gegossen, wiegt 587 Pfund, was übrig geblieben, wiegt 372 Pfund. meo tempore — zu meiner Zeit.“

1. Glockeninschrift: Deo sIt gLorIa, et honor sanCto MartIno episCopo. (1754)
2. Glockeninschrift: Deo aLMa parentI Josepho apIsCopo patronos sIt sIt saCrato. (1754)

Übersetzung der Glockeninschriften
1. Gott sei Ruhm, und Ehre sei dem hl. Bischof Martin.
2. Die Segenspendende (Glocke) sei Gott dem Schöpfer unter der Schirmherrschaft des Bischofs Joseph geweiht.

1774    16 Juli: Erlaubnis zur Abhaltung einer Kollekte in den kath. Kirchspielen. Aus anderen Kirchspielen kamen 35 Taler, 19 Schillinge, 5 Pfennige.

1780    22. März. Specification der Hagischen Glocken. „ Wenn die mittelste und kleinste Glocke in Osnabrück gegossen werden sollen, so nehme ich 125 Taler.
Alsdann wird verlangt: 8 Wagen schier blühen Holz, 40 Pfund rein ausgehecheltes Flachs, 10 Pfund Hanf, 30 Pfund Ungel, 12 Pfund Wachs.
Form, Schmelzofen und sonstige Materialien auf meine Kosten.
Nachtrag: In Hagen gegossen, 125 Taler Gießlohn.“

1789    15. Juli: Vertrag zwischen der Kirchengemeinde und Alexius Petit aus Starle Rixtel (Provinz Nordbrabant, Holland), aus den drei Glocken zwei zu gießen. Petit bekam für 9 Pfund einen Taler. Bis Münster hatte die Gemeinde das Erz zu liefern und die Glocken auch von dort abzuholen. Petit caviret (garantiert) für die zwei Glocken 4 Jahre. Die große Glocke hatte am oberen Rande eine Girlande aus Blumenvasen mit der Inschrift: „Gott zu loben Deine Macht sind wir drey in zwey geschafft. Alexius Petit me fecit 1789.“ (Alexius Petit hat mich geschaffen 1789). Am oberen Rande der kleinen Glocke befindet sich nur eine Girlande eingegossen. Auf beiden Glocken befand sich das Bild des hl. Martinus zu Pferde.

1917    16. Juni wurde eine Bronzeglocke zu Kriegszwecken abgeliefert, sie wog 746 kg. Es wurden bezahlt für ein Kilogframm 2,-Mark, dazu 1000,- Mark Grundgebühr.

1922    ES wurden 2 Glocken vom Bochumer Verein angeschafft.
Die eine von 1100 mm Durchmesser wog 589,5 kg, die zweite Glocke von 960 mm Durchmesser wog 443,5 kg. Die Glocken kosteten am 1. September 49.356 Mark. (Briefporto 75.000 Mark) zusammen 124.356 Mark. Sie haben die beiden Glocken billiger als heute ein Brief kostet. Bäumer (Domorganist) schrieb: Es ergibt sich mit der im Turm befindlichen alten Bronzeglocke ein verminderter Dreiklang
F - As - H. Die tiefste Glocke im Ton ist die alte Bronzeglocke.

Anmerkung: Die beiden Stahlglocken wurden in der Inflationszeit angeschafft. Die Geldentwertung nahm in kurzer Zeit solche Ausmaße an, daß der Kaufpreis der Glocken innerhalb weniger Monate geringer war als ein Briefporto.

1924    Über die Einweihung der neuen Glocken berichtete die Osnabrücker Volkszeitung am 10. Februar 1924:
„Zu einem eindrucksvollen, für alle Teilnehmer unvergeßlichen Ereignis gestaltete sich die Feier der Glockenweihe am heutigen Sonntag. Die Feier begann am Nachmittag um 3 Uhr in der Kirche mit der Festpredigt des Pastors Brümmer über den Text: Bereitet den Weg des Herrn, machet gerade seine Pfade. Nach der Predigt nahm die ganze Gemeinde vor der Kirche, wo die beiden Glocken an einem Gerüst aufgehangen waren, Aufstellung. Die feierliche Weihe vollzog Pfarrer Brümmer unter Assistenz von Kaplan Schnieders. Während der Weihe trugen die vereinigten Männergesangvereine das Lied „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre" vor. Böllerschüsse trugen die Kunde von dem seltenen Ereignis weit hinaus über das Land. Mit feierlichem Tedeum und Segen in der Kirche fand die Feier ihren Abschluß“. Die größere der beiden Glocken trägt die Inschrift: ´Als Bronze zog ich in den Krieg, als Stahl verkünd' ich Christi Sieg. - Gewidmet den gefallenen Söhnen der Pfarre Hagen 1914 – 1918`.

Die Inschrift der kleinen Glocke besagt, daß die Kosten der Beschaffung der Glocken aufgebracht wurden durch freiwillige Spenden in der Pfarre Hagen im Jahre 1923, als Brümmer Pfarrer und Wekenborg Kaplan in Hagen waren. „Gegossen sind die Glocken vom Bochumer Verein Bochum. Erst wenn die Glocken im Turm bei ihrer noch vorhandenen größeren Schwester ihren Platz gefunden haben und der elektrische Antrieb fertiggestellt sein wird, werden wir ein schönes Geläute haben, Gott zur Ehre und den Gläubigen zur Mahnung und Lehre.“

Der Originaltext der Inschrift auf der kleinen Glocke lautet:
EX SUMTIBUS PAROCHAE HAGENSIS FUSA SUM ANNO 1923
BRÜMMER PAROCHO ET WEKENBORG SACELLANO

Deutsche Übersetzung:
Ich bin aus Geldmitteln der Pfarrei Hagen gegossen worden  
im Jahre 1923
Brümmer, Pfarrer und Wekenborg, Kaplan

Auch im 2. Weltkrieg betrachteten die damaligen Machthaber die in den Kirchtürmen aufgehängten Bronzeglocken als stille Materialreserve. Am 18.4.1942 mußte die letzte Bronzeglocke, die aus dem Jahre 1789 stammte, für Kriegs¬zwecke abgeliefert werden. Von diesem Ereignis gibt es Fotografien, die den ganzen Vorgang zeigen und auf denen die beteiligten Personen mit unserem damaligen Pastor Brümmer abgebildet  sind.

Im Jahre 1948 traf die erfreuliche Nachricht ein, daß die Glocke nicht eingeschmolzen war, sondern auf dem Glockenfriedhof in Hamburg–Stellingen wiedergefunden sei. Man holte sie zurück und sie nimmt seit dieser Zeit ihren alten Platz im Kirchturm der St.- Martinus-Kirche wieder ein.

Genauere Daten und Berichte konnten bisher schriftlich nicht festgehalten werden. Auch wird erzählt, daß einige beherzte Leute die Glocke absichtlich auf Rangierbahnhöfen ,,verschoben" haben sollen, um sie so vor den Schmelzöfen zu retten.

Quellennachweis: Brockhaus s. Glocken, Abschriften aus der Kirchenchronik,
Übersetzung der lat. Schriften Heinrich Schäpertöns
Anmerkung:             Dieser Beitrag ist neben vielen anderen in unserem Buch „Hagener  
Geschichten“ enthalten.

Werner Godt

Bei dem Hochaltar in der Ehemaligen Kirche St. Martinus handelt es sich um eine Komposition des 17., 18., 19. und 20. Jahrhunderts, ein liebevoll und harmonisch zusammengefügter Altar mit viel Geschichte, Rätseln und Geheimnissen.

Im Zusammenhang mit den notwendig gewordenen Recherchen, Restaurierungs- und Dokumentationsarbeiten kamen interessante Ergebnisse zutage. Bei der ersten Betrachtung machte der Hochaltar zwar einen harmonischen Eindruck, doch bei genauerem Hinsehen konnte man seine wechselvolle Geschichte ablesen.

Aufgabenstellung des Trägervereins für die Ehemalige Kirche  war die Restaurierung der Farbfassung von 1958. Die Restaurierungsarbeiten wurden über mehrere Jahre verteilt und in Abschnitten ausgeführt, beginnend mit der obersten Etage. Dieses Teilstück des Hochaltares steht für den Patron der Ehem. Kirche, den heiligen Martin. Einzuordnen ist diese Etage mit den Dekorationen, Ornamenten und dem Knorpelwerk der Schleierbretter in das 17. Jh. Zentral befindet sich ein Gemälde des St. Martin hoch zu ROSS, seinen Mantel teilend mit dem Bettler. Dieses Gemälde - Ölfarbe auf Leinwand - besteht nur noch aus 2/3 Originalgemälde. Bei einer vorangegangenen Restaurierung hatte man das marode Gemälde mit Knochenleim auf eine Sperrholzpatte geklebt. Heute ist es restauriert und mit einer neuen Trägerleinwand versehen. Die Bekrönung des Hochaltars zeigt mittig den auferstandenen Christus, auf der linken Volute und rechtsseitig Evangelisten aus Lindenholz. In einem früheren Bericht wird ein einziges Mal auf einen kleinen Martini-Seitenaltar hingewiesen, später wird nie wieder über ihn berichtet. Die Vermutung ist, dass dieser Altar bei den Umbauten und Erweiterungen der Kirche im 18. Jh. als oberste Etage in den Hochaltar integriert wurde.

Die mittlere Etage steht für das 18. Jahrhundert. Mittig als zentrales Altarbild stellt dieses die Göttliche Dreifaltigkeit dar, umgeben von Engeln. Dieses Gemälde besteht aus acht einzelnen Teilen und ist ebenfalls, wie das Martinusgemälde, restauriert worden. Über dem Gemälde befindet sich das Allianzwappen der Adligen „Windsheim /Böselager". In einem Visitationsprotokoll von 1731 wird über eine Spende der genannten Eheleute, die auf Gut Altenhagen ansässig waren, berichtet. Aus den Befunden kann man schließen, dass bei seiner Errichtung Teile zusammengetragen und zu einem neuen Altar zusammengefügt wurden. Kapitelle und Basen passen nicht zu den Schäften. Die Schäfte müssten dicker bzw. die Kapitelle und Basen im Durchmesser kleiner sein. Auf der Etage links steht die Statuette eines Bischofs (St. Martin!?), rechts ein Christus Salvator.

Die Predella (mit Schnitzereien unterhalb des Altarbildes) und das Tabernakel: Bemerkenswert ist das Tabernakel. Ursprünglich verfügte der Hochaltar über ein Drehtabernakel des 18. Jh. Im 19. Jh. wurde ein Tresortabernakel eingebaut. 1958 bei der großen Renovierung erfolgte ein weiterer Umbau. 1973 wurde der Tabernakeltresor ausgebaut, er befindet sich heute in der Sakristei der neuen Kirche. Die äußere Ummantelung blieb erhalten. Geschnitzte Ornamente aus dem 17., 18. und 19. Jh. zieren die Predella.

Der Altartisch, das Antependium (Verkleidung vor dem gemauerten Altartisch) und die Seitenbekleidung: Aufgrund der Profanisierung der Kirche wurde 1976 die Altartischplatte aus Sandstein um ca. 2/3 ihrer Größe eingekürzt. Die abgeschlagenen Teile des Tisches wurden vor dem Hochaltar als Füllmaterial des neuen Chorraumpodestes verwendet. Die ehemalige hölzerne Blumen- bzw. Kerzenbank bildet seitdem die neue und verkürzte Altartischplatte. Das Antependium stammt aus dem 19. Jh. Zu den Seitenbekleidungen des Altartisches ist anzumerken: Sie stammen aus dem 19. Jh. Die Bekleidungen sind aus Eichenholz gearbeitet, Kassetten mit profilierten Rahmen farbig gefasst. Die Kissen sind besetzt mit gusseisernen, vergoldeten, halbplastischen Engeln.

Folgende Restaurierungsmaßnahmen wurden ausgeführt: Blätternde Fassungen wurden gefestigt, Übermalungen aus dem Jahr 1978 wurden abgenommen, die Fassung gereinigt, Fehlstellen gekittet und retuschiert. Abschließend wurde ein Schutzfirnis aufgetragen. Alle erkennbaren Weichhölzer, die z. T. bereits einen Holzwurmbefall aufwiesen, wurden ausgewechselt und durch abgelagertes Eichenholz ergänzt.
Bei den Kunstgegenständen in der Ehemaligen Kirche handelt es sich um wertvolles Kulturgut. Dank einer Spende der Stiftung der Sparkassen im Landkreis Osnabrück konnte der Trägerverein für die Ehem. Kirche eine umfassende Restaurierung vornehmen lassen. Damit wurde ein wichtiger Schritt zur langfristigen Erhaltung der kirchlichen Kunstgegenstände getan. Neben dem Hochaltar wurden in den zurückliegenden Jahren vier Figuren, die Dominikanerheilige darstellen, die Kommunionbank von 1736, der Marienaltar, ein Ölgemälde an der Säule oben rechts sowie zwei Passionsbilder restauriert.

Anmerkung:
Dieser Beitrag ist neben vielen anderen in unserem Buch „Hagener Geschichten“ enthalten.

Johannes Brand

1.  Haltestelle Natrup-Hagen

Seit dem 25. Juli 1889 gibt es eine Eisenbahnhaltestelle für den Personenverkehr in Natrup-Hagen. 1904 wurde sie dann zu einem richtigen Bahnhof mit Güterumschlag ausgebaut.

Weiterlesen: Die Geschichte des Bahnhofs Natrup-Hagen

„Unsanft Roop sturte dey Drum"

350 Jahre Mentruper Markttrommel
Rainer Rottmann


Im Jahre 2006 kann die alte Mentruper Markttrommel auf ein besonderes Jubiläum zurückblicken, denn sie wird 350 Jahre alt. Sie stammt damit aus der bewegten Zeit kurz nach dem Ende des 30-jährigen Krieges und ist fast so alt wie der traditionelle Hagener Ferkelmarkt, der 1615 das erste Mal abgehalten wurde.

Weiterlesen: 350 Jahre Mentruper Markttrommel

Hermann Herkenhoff

 

Fachwerkspeicher mit Backofen auf dem Hof Berelsmann/Lintker in Sudenfeld

So wie das Foto zeigt, sahen alle früheren Bauern-Backöfen aus. Dabei fällt auf, daß das Mauerwerk des Backofens nicht unmittelbar auf dem Erdboden ansetzt, sondern auf einer dicken Bohlenunterlage ruht. Der Backkofen stand mit seinem gesamten Mauerwerk völlig in der freien Luft; nur die Seite mit der Ofentür war leicht mit der Speicherwand verbunden. Das Freiluftgehäuse des Backofens konnte sich daher auch bei der direk¬ten Innenbeheizung mit „Buchensplittern" gleichmäßig nach allen Rich¬tungen ausdehnen. Eine Spezialmischung des Mörtels sorgte dafür, daß das gesamte Backofengemäuer einschl. des steinernen Tonnengewölbes keine schadhaften Risse und Brüche bekam. Weil das Tonnengewölbe die dünnste Mauer war, wurde zur Wärmeisolierung der Decke noch eine Iso¬lierschicht von einer ca. 45 cm dicken Sandschicht darüber aufgebracht. Und die ganze Backofenanlage wurde gegen Regen durch ein doppelseiti¬ges Dach gesichert.  Die innere Heizfläche des Backofens hatte keinen Schornstein. Nach dem Anheizen kamen zunächst Rauch und Flammen auf der Vorderseite durch die offene Ofentür heraus. Bald aber übernahm die feurige Glut der Buchenscheite fast ohne Rauch die Beheizung der In¬nenfläche, die sich dann auch auf das gesamte Mauerwerk übertrug. Wenn der Backraum die nötige Temperatur aufgenommen hatte, wurde die Glut mit einem Krätzer aus dem Backofen nach vorne herausgezogen, und der Backraum wurde mit den in dem Teigtrog geformten Teiglaiben aus Rog¬genschrotmehl gefüllt. Hierbei wurden dann auch die von den Heuerleuten zugebrachten Brotteige mitgebacken. Am rentabelsten war das Backen, wenn der Ofen ausgelastet war. Es ist aber sicher auch zu der Zeit viel trockenes Brot in die warme Milch eingebrockt worden.

Zum Brotbacken gehört aber auch noch ein wichtiges Utensil, der „Deeig-troag", der hierbei nicht unerwähnt bleiben darf. Der Bauer hatte seinen Deeigtroag im Speicher an der Backofenwand stehen. Er hatte seinen Ar¬beitsplatz dicht an der Feuerstelle.

Wir hatten im Sandkrug auch seit Menschengedenken einen ausgewachsenen Teigtrog im „Unterschlag" stehen. Er war so lang wie der Eßtisch und war oben mit einem losen Deckel abgedeckt. Das ergab drei ganz an¬nehmbare Sitzplätze für uns drei Jungen am Eßtisch. Die Schwestern sa¬ßen auf der anderen Seite des Tisches auf der „Bank". Ruheplätze waren diese Sitzgelegenheiten aber nicht, denn sie hatten keine Rückenlehnen. Der Teigtrog war also in erster Linie ein Sitzmöbel für uns Kinder. Dann aber diente er als mausedichtes Behältnis für das Futtermehl der Schwei¬ne. Ich nehme an, daß der Teigtrog schon bei der ersten Möbelierung des Hauses vor ca. 200 Jahren seinen Platz im Unterschlag gehabt hat und auch zum Kneten des Brotteigs fleißig gebraucht worden ist. Dann war er nur noch Sitzmöbel und Mehlkiste aber sein Name blieb bis auf den heuti¬gen Tag „de Deeigtroag".

Einmal habe ich aber noch in meiner frühen Jugendzeit das Kneten des Brotteigs in dem „Deeigtroag" erlebt. Eines Tages kam der „Nachbar von der Höhe" zu uns und schob auf seinem Karren einen halben Sack voll Roggenschrotmehl auf die Diele. Ich bin nun als Kind immer schon etwas „niggelik" gewesen und habe mich bei dem alten Nachbar Franz dazugestellt und „gejahnt". Er fing nämlich an, das Futtermehl in dem einen Trog¬ende aufzuhäufeln und schüttete dann das Roggenschrotmehl in die frei¬gemachte Ecke des Trogs. Zum Ankneten mit den Händen mußte er sich stark bücken, denn der Trog befand sich mit seinem Boden nur etwa 15 cm über der Dielenhöhe des Unterschlags. Als das Kneten nun richtig losge¬hen sollte, setzte er sich auf den Trogrand, zog seine Schuhe (Holsken) und Socken aus und wusch seine Füße in der von der Mutter bereitgestellten Wasserschale. Dann drehte er sich auf dem Trogrand um und stand nun aufrecht mit den Füßen mitten in der Knetmasse. Nun hat er mit seinem ganzen Körpergewicht das Roggenschrotmehl zu einem steifen Brotteig mit den Füßen geknetet. Ich habe damals schon begriffen, daß es prak¬tisch ist für das Kneten mit den Fußen, wenn der „Deeigtroag" zu ebener Erde steht. Bei seiner Knetarbeit mit den Füßen handhabte er auch einen handlichen Brettschieber mit Lochführung für eine Hand, mit dem er den Teig immer wieder von den schrägen Innenwänden zur Mitte des Bodens zusammenschob. Damit formte er dann zum Schluß den ganzen Teig zu ei¬nem vierkantigen Stück Brotteig von etwa 35 cm Länge (mit ähnlichen Maßen für Höhe und Breite).

Soweit die Reise mit Backofen und „Deigtroag" in die Hagener Heimatge¬schichte. Und das Kneten mit den Füßen ist die Arbeitspraxis der früheren Jahrzehnte gewesen. Der Backofen steht noch, aber der Teigtrog ist schon seit langem den Weg alles Irdischen gegangen. Wenn es noch irgendwo in Hagen einen „Deigtroag" gibt, dann möge der Besitzer doch dafür sor¬gen, daß er trocken und luftig gelagert bleibt, damit wir später einmal die beiden zusammengehörigen Zeugen der bäuerlichen Heimatgeschichte in einem Heimatmuseum aufzeigen können.

Anmerkungen:
Dieser Beitrag ist neben vielen anderen in unserem Buch „Hagener Geschichten“ enthalten.

Beim „Sandkrug“ handelt es sich um das Geburts- und Elternhaus des Verfassers, Heuerhaus des Hofes Meyer to Bergte an der heutigen Sudenfelder Straße

Rainer Rottmann

Im September 1989 ist der im Rahmen der Ortskernsanierung neu gestaltete "Gibbenhoff" als zentraler Platz in der Ortsmitte eingeweiht worden. Dies ist ein gegebener Anlaß, die Geschichte dieses für die dörfliche Entwicklung so markanten Punktes einmal ausführlicher darzustellen. Die Geschichte des "Gibbenhoff" ist mit der Geschichte des Dorfes Hagen auf das Engste verwoben, denn an der Stelle des jetzigen Platzes lag bis 1892 einer der ältesten im Dorf gelegenen Höfe, dessen Ursprung wohl bis in die Zeit der Christianisierung (um 780 n. Chr.) zurückreicht.

Zur Zeit der Christianisierung wohnte die Hagener Bevölkerung größtenteils in Gruppensiedlungen, die aus 4-5 Höfen bestanden und von einander relativ unabhängig waren. Ein irgendwie geartetes politisches oder gar wirtschaftliches Zentrum im Sinne eines heutigen Dorfes existierte nicht, es hätte weder den wirtschaftlichen Bedürfnissen noch der verwaltungsmäßigen Situation jener Zeit in Hagen entsprochen. Bezeichnenderweise nannten sich die einzelnen Gruppensiedlungen zunächst oft selbst noch "Dorf", so zum Beispiel "Northorpe" (= Natrup), "Meginthorp" (Mentrup), "Mekelingdorpe" (= Mecklendorf) und "Osttorpe" (= der östliche Teil von Mentrup). Erst nach der Christianisierung änderte sich das Bild, denn die Franken legten Wehrhöfe an, die die Neuorganisation des eroberten Sachsenlandes überwachen sollten. In der Nähe eines solchen Meyer- oder Schultenhofes wurde zu meist auch die Kirche der jeweiligen Gemeinde erbaut. An einem solchen, durch Wehrhof und Kirche markierten Punkt entwickelte sich im Laufe des Mittelalters dann häufig eine größere Siedlung, eben ein Dorf im heutigen Sinne, welchem dann die Funktion eines kirchlichen, politischen und wirtschaftlichen Zentrums für die umliegenden Bauernschaften zufiel.

Auch im Kirchspiel Hagen hat sich im Laufe des Mittelalters in der Bauerschaft Beckerode um die Kirche herum ein solches Dorf entwickelt. Wann die ersten Höfe und Häuser im heutigen Dorfgebiet errichtet worden sind, läßt sich natürlich nicht mit Sicherheit sagen. Die Vermutung, die Kirche habe "ursprünglich wohl ziemlich einsam" beim jetzigen Dorfbrunnen gelegen, trifft aber nicht zu, denn vor dem Bau der Kirche, zumindest aber zeitgleich mit ihm ist eine aus fünf Höfen bestehende Siedlung im heutigen Dorfkern entstanden. Namentlich handelt es sich dabei um folgende Höfe:

  • Der Pfarrhof
  • Das Grotthus (= das Große Haus!), ein Vollerbhof, der dicht am heutigen Dorfbrunnen stand. (heute: in der Nähe von Iburger Str. 1) Der Hof wurde um 1500 aufgelöst und seine Ländereien an die im Dorf wohnenden Handwerker verpachtet. Es könnte sich um den ursprünglichen Schultenhof der Obermark gehandelt haben, denn der Hof To Brinke wird erst seit 1559 als Schultenhof der Obermark bezeichnet.
  • Das Glashus, ein Halberbhof am Glasesch. (heute: Am Glasesch 1) Der Hof wurde ebenfalls um 1500 aufgelöst und die Ländereien verpachtet. Das Glashus ist nicht mit dem erst um 1580 entstandenen Markkotten Glasmeyer zu verwechseln.
  • Püning, Halberbe, dem Pastor alle 12 Jahre winnpflichtig. Der Name leitet sich vermutlich ab von dem germanischen Vornamen Puno. (heute: Dorfstr. 5)
  • Gibbenhoff, ein Halberbhof. Der Name Gibbenhoff  stammt aller Wahrscheinlichkeit nach vom männlichen Vornamen "Gibben", einer niederdeutsch-friesischen Kurzform von Gilbert ab. (heute: Dorfstr. 15)


Urkundlich erwähnt wird der Gibbenhoff erstmals im Jahre 1402. Im Lehnstregister des Osnabrücker Bischofs von 1402/1404 heißt es, "Hermannus de Beren" habe den Zehnten über "Ghibbemans to Haghen in villa" und der Ritter "Ludolphus Hake" die Höfe "Gibben, Glasmans et Grotehus in villa Haghen", das heißt im Dorf (!) Hagen zu Lehen erhalten. Bewohner des Gibbenhoffs war im Jahre 1412 der Bauer "Henricus Ghibemans". Wegen der zentralen Lage des in der Mitte des Dorfes gelegenen Hofes verwundert es nicht, daß die Hofstelle schon früh das Interesse einflußreicher Persönlichkeiten fand: Als in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) der Hof mehrfach ausgeplündert wurde und tief verschuldete, faßte der Hagener Vogt Christoffer Witte die Gelegenheit beim Schopfe und erwarb den Gibbenhoff, von dem aus er fortan seine Amtsgeschäfte als Vogt tätigte. Auch die Nachfolger im Amt des Vogtes, Johan Heinrich Witte und Johan Rembert Cruse, wohnten auf dem Gibbenhoff und unterhielten hier ihre "Praefectur". Alle Verwaltungsgeschäfte der Gemeinde liefen also auf diesem Hof zusammen, von hieraus befehligte der Vogt die Schützen, hier lagen die Steuerregister und hierhin kamen nicht selten diejenigen Einwohner Hagens, die sich mit Beschwerden oder Bittschriften an "Die Obrigkeit" wenden wollten. Schon bald wurde im Gibbenhoff auch eine Gastwirtschaft eingerichtet, so daß das Publikum bei Bier und Schnaps die neuesten Neuigkeiten austauschen konnte, sobald die amtlichen Formalitäten erledigt waren. Es herrschte demnach wohl stets ein reger Verkehr auf dem Gibbenhoff. Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Vogtei im Gibbenhoff geschlossen wurde, blieb die Gastwirtskonzession erhalten und sicherte den Bewohnern des Gibbenhoffs ein durchaus erträgliches Einkommen, denn sonntags nach dem Hochamt bevölkerten bekanntlich die Bewohner der umliegenden Bauernschaften das Dorf, tätigten ihre Einkäufe und ließen sich anschließend in den Gastwirtschaften des Dorfes, also auch im Gibbenhoff nieder.

Am 17.8.1892 ereilte das alte Fachwerkgebäude des Gibbenhoffs schließlich das gleiche Schicksal wie 1672 seinen Vorgängerbau, es brannte bis auf die Grundmauern nieder. Ein kleiner Junge hatte auf dem Heuboden der nahegelegenen Scheune mit Zigarrenstummeln und Streichhölzern gespielt und dabei die Scheune in Brand gesetzt. Das Feuer sprang zunächst auf das Wohnhaus des Gibbenhoffs, dann auf weitere Gebäude über und legte bis zum Abend den gesamten nordöstlichen Teil des Dorfes in Schutt und Asche.

Nach dieser Brandkatastrophe wurden die verkohlten Überreste des "Gibbenhoff" eingeebnet und zugefüllt. Das neue Gastwirts- und Wohnhaus des "Gibbenhoff" (Gaststätte Herkenhoff) wurde dagegen aus verkehrstechnischen Gründen direkt an der Straße gegenüber der Gastwirtschaft Kriege erbaut. Über die Stelle aber, an der jahrhundertelang der stolze und geschichtsträchtige Hof "Gibbenhoff" gestanden hatte, führte fortan ein behelfsmäßig ausgebauter, wenig ansehnlicher Weg.


Erst die im Zuge der Ortskernsanierung von 1985 bis 1997 durchgeführte Erneuerung und Umgestaltung des Platzes eröffnet die Chance, den alten Gibbenhoff wieder zu dem werden zu lassen, was er einmal war: Zu einem zentralen Platz in der Mitte unseres Ortes.





Anmerkung:
Dieser Beitrag ist neben vielen anderen in unserem Buch „Hagener Geschichten“ enthalten.

Rainer Rottmann

Wenn man über die Iburger Straße nach Hagen a.T.W. hineinfährt, so fällt der von großen Bäumen umstandene Dorfbrunnen ins Auge, in dessen Einfriedungsmauern eine ergiebige Quelle sprudelt. Quellen galten unseren Vorfahren, den heidnischen Sachsen, als heilig; klares Quellwasser war seit jeher ideale Voraussetzung für eine menschli¬che Ansiedlung. So verwundert es nicht, daß auch im Bereich der heutigen Dorfbrunnenquelle eine Siedlung entstand, die sich ursprünglich aus 4-5 Höfen zusammensetzte (Pfarrhof, Grotthus, Glashus, Gibbenhof und Püning).

Das Wasser der stark sprudelnden Quelle diente als Trinkwasser für Mensch und Vieh sowie als Waschwasser; zugleich war die Quelle ein "Notbrunnen" der bei Feuer und Brand als Löschteich fungierte, so z. B. 1892 beim letzten großen Brand von Hagen. Eine erste Erwähnung der Dorfbrunnenquelle liegt aus dem Jahre 1716 vor. Jürgen Linnemeyer klagte vor Gericht, "daß Glasmeyer ihm, wie er mit den Dörfer Schweinen an sein Haus vorbeygetrieben und die Schweine ... solito (= wie nach altem Gebrauch üblich) bey hitzigen Tagen durch die Dörfer Tränke gejagt, ihme mit einem grünen dicken Knüttel bund und blau abgeschlagen."

Linnemeyer war Schweinehirt und hütete die Schweine, die ansonsten frei im Dorfe umherliefen. Damit die Schweine von ihren jeweiligen Eigentü¬mern zu gegebener Zeit auseinandergehalten werden konnten, wurden die Schweine "mit dem Maleisen gebrannt."

Bis 1860 war die Dorfquelle ein unbefestigtes Wasserloch. Obwohl dieser Zustand aus Sicherheitsgründen unhaltbar geworden war, sah sich die Ge¬meinde nicht gedrängt, Abhilfe zu schaffen. Das Amt Iburg wandte sich daher mit einem Schreiben betreffend die "Einfriedung des Gemeinde¬brunnens im Dorfe" an den Samtvorsteher Kreimer in Hagen. In dem Schreiben heißt es:
"Im Dorfe Hagen, in der Nähe des Wohnhauses des Tierarztes Wolff befin¬det sich ein Wasch- und Nothbrunnen, welcher etwa 10 Fuß tief ist (= 3 Meter!). Wolff beschwert sich, daß der nicht eingefriedete Brunnen an der Landstraße lebensgefährlich sei und auch schon zwei Kinder hineinge¬stürzt seien. Die Gemeinde wird, da sie sich weigert, den Brunnen einzu¬frieden, behördlicherseits angewiesen, dies Werk zu verrichten, widrigen¬falls wird ein Strafgeld erhoben."

Angesichts der amtlichen Drohung sah sich die Gemeinde genötigt, die Quelle mit einer Mauer einzufassen. Das Wasser der Quelle lief jedoch weiter wie eh und je quer über die Straße und floß durch einen offenen Ka¬nal bis Minnerup und von dort in die "Pastoratswiese", wo er die Fischtei¬che des Pastors speiste. Erst 1898 wurde ein Entwässerungssystem im Dorf Hagen angelegt. Mit Bassins versehene Rohrleitungen von 30 bzw. 50 cm Durchmesser leiteten das Oberwasser, darunter auch das "Dorfwasser" der Dorfbrunnenquelle, in den Goldbach.


Als zu Beginn der 1950er Jahre die Dorfbrunnenquelle nicht mehr als Waschstelle benutzt wurde, kamen Überlegungen auf, die Quelle zu kanali¬sieren und die Wasserstelle zuzuschütten. Glücklicherweise setzten sich jedoch diejenigen durch, die die Quelle zu einem attraktiven Blickpunkt am Dorfeingang ausbauen wollten. Die Maurerarbeiten führte Franz Schönhoff aus, das verzierte Eisengeländer fertigte Willi Herkenhoff, das Christophorusbild schuf Albert Menkhaus.



1972 mauerte man schließlich an die Ostwand des Brunnens eine Rieselwand aus großen Kieselsteinen, über die das Quellwasser, mittels einer Pumpe hochgepumpt, hinabstürzt. So erinnert uns noch heute das rauschende Wasser an jene kristallklare Quelle, die einst für unsere Vorfahren wohl der wichtigste Grund war, sich gerade hier im Gebiet des heutigen Dorfkerns anzusiedeln und so den Grundstein für die Entstehung des Dorfes zu legen.

Anmerkungen:
Dieser Beitrag ist neben vielen anderen in unserem Buch „Hagener Geschichten“ enthalten. Der Dorfbrunnen wurde im Jahr 1999 grundlegend saniert und im lnnenbereich neu gestaltet.

Hermann Herkenhoff

Der Meyerhof zu Natrup wird in der Hofchronik bis 1343 zurück nachgewiesen. 1890 brannte das damalige Fachwerkhaus des Meyerhofes ab, gerettet wurde aber die Brandglocke, die sich bis dahin "schon immer" auf dem Dachfirst des alten Hauses befunden hatte. Sie erhielt aber auf dem massiven Neubau des Bauernhauses keinen Platz wieder, sondern wurde auf das Dach eines Schweinestalls gesetzt, der schon 1865 neben dem alten Bauernhaus errichtet worden war. Genau nach 100 Jahren (1965) wurde auch dieser Schweinestall massiv erneuert, und die Brandglocke erhielt auf dem neuen Stall wieder ihren Platz. Dort hängt sie heute noch in einem Holztürmchen, das von allen 4 Seiten Schalluken aufweist. Die Glocke hat einen unteren Durchmesser von ca. 50 cm. Sie kann mit dem Glockenstrang noch heute geläutet werden.

Das Glockentürmchen auf dem Schweinestall des Hofes Meyer zu Natrup. Geläutet wurde die Glocke zuletzt aus Anlass der Geburt der Kinder.Ursprünglich war sie die Alarmglocke bei Feuersbrunst in der Gemeinde. Dann mußten sich die Einwohner mit dem ledernen Brandeimer in aller Eile bei der Brandstelle zum Löschen einfinden. Außerdem wurde die Glocke bei Meyer zu Natrup aber regelmäßig werktags um 11.45 Uhr und um 18.30 Uhr geläutet, um den Gespannführern des Hofes und den Heuerleuten als Helfer bei den Handdiensten die Mittagspause bzw. den Feierabend anzuzeigen. Taschenuhren waren damals noch rar und teuer, und Armbanduhren gab es noch gar nicht.

Auch auf dem Bauernhof Sudenfeld in Sudenfeld war bis zum Brand des Fachwerkbauernhauses im Jahre 1900 eine Brandglocke auf dem Dachfirst angebracht. Auch sie erhielt auf dem Dachfirst des neuen Hauses keinen Platz mehr. Ob der Meyerhof zu Gellenbeck vor dem Umbau auch eine Brandglocke gehabt hat, konnte bei den Nachforschungen bisher nicht festgestellt werden.

Aber auf dem First des doppelstöckigen Speichers bei Meyer zu Mecklendorf prangt auch noch eine frei hängende Brandglocke aus gelbglänzender Metallegierung neueren Datums, die auch täglich dazu diente, um 11.45 Uhr und 18.30 Uhr die Arbeitspausen einzuläuten.

Anmerkung:
Dieser Beitrag ist neben vielen anderen in unserem Buch „Hagener Geschichten“ enthalten.

25 Jahre Seilbahn

Heimatkundliche Plauderei von Konrad Hinze

Am 20. Februar 1962 kann die Seilbahn ihr 25jähriges Dienstjubiläum begehen; denn seit dem 25. Februar 1937 befördert sie die Kalksteine von Holperdorp zum Augustaschacht in Ohrbeck am Hüggel.

Wenn ein Angehöriger des Hütten­werkes sein silbernes Berufs- oder Dienstjubiläum begeht, dann gratu­lieren ihm die Arbeitskollegen, der Vorgesetzte findet lobende Worte der Anerkennung über Betriebstreue und geleistete Arbeit und die Werkslei­tung läßt einen ansehnlichen Geld­betrag überreichen, damit es bei der Feier hoch hergehen kann. Sollte man das silberne Jubiläum des treuen Helfers Seilbahn ohne ein Wort der Würdigung und des Werdeganges übergehen?

Am l. Juli 1936 war mit dem Bau dieser Seilbahn begonnen worden; in der erstaunlich kurzen Zeit von nicht 8 Monaten war dieses große Projekt zum guten Ende gebracht worden.

Oft schon ist von Laien die Frage gestellt worden: „Wozu hat die Hütte den Kalk nötig?" Jeder Hüttenarbei­ter weiß, daß die Hochöfen mit Koks, Eisenerz und Kalkstein beschickt werden. Kalkstein ist ein notwendi­ger Hilfsstoff für jedes Hüttenwerk. Er wird dem Erz für seine Verhüt­tung im Hochofen als Schlackenbild­ner beigegeben. Dazu kommt der Be­darf der Zementfabrik, einem Teil­gebiet des Hüttenwerkes. Ein großer Teil der Häuser der näheren Umge­bung ist aus den sogenannten Hüt­tensteinen erbaut; das sind Zement­klinker, die im Werk Georgsmarienhütte hergestellt werden. Zur Her­stellung dieser Klinker wird viel Kalkstein benötigt. Die Anforderun­gen an diesen Kalk bezüglich seiner Zusammensetzung sind wieder an­dere als an den Hochofenkalk.

Eine weitere Frage hört man oft:

„Warum muß der Kalk ausgerechnet aus Holperdorp mit der Seilbahn ge­holt werden? Das Osnabrücker Land ist doch so reich an Steinen, sowohl an Sand- als Kalksteinen, daß man anderwärts den Kalkstein viel näher und bequemer hätte brechen kön­nen." Früher war der Hüggel mit sei­nem sogenannten Zuschlag auch der Kalkversorger der Hochöfen gewe­sen. Nach Erschöpfung der Erzgru­ben am Hüggel aber wurde die Frage nach einem ausreichenden Kalkver­sorger akut, zumal sich auch die Hüttensteine großer Beliebtheit er­freuten und die Nachfrage von Jahr zu Jahr stieg. Man begann 1927 mit dem Abbau von Kalk am Südhüggel, der sich für die Zementfabrik als geeignet erwies. Jedoch war dieses Vor­kommen nicht sehr mächtig, eine Ausbreitungsmöglichkeit bestand we­der nach Osten noch nach Westen; außerdem war die Wirtschaftlichkeit seiner Förderung von vornherein be­schränkt, so daß dieses Gebiet nur für kurze Zeit als Kalkversorger ge­nügte.

In der näheren und weiteren Umgebung Osnabrücks gibt es zahl­reiche weitere Kalkvorkommen, so am Gesmolder Berg, Harderberg, Osterberg, Düstrup, Holsten-Mündrup, Iburg, Hankenberge, Lenge­rich, Brochterbeck, um nur einige zu nennen. Der Betriebsleitung des Werkes war an einer ausreichenden, gesicherten Kalkbasis außerordent­lich viel gelegen. Bereits im Jahre 1920 waren verschiedene größere Kalkvorkommen in der Nahe von Hankenberge sowie am Aldruper Berg bei Lienen näher untersucht worden. Auch um Kalkvorkommen bei Oldendorf und Brochterbeck war man bemüht gewesen. Immer aber paßte etwas nicht: Entweder war der vorhandene Kalk für den Hochofen nicht geeignet, oder die Abbauver­hältnisse waren zu ungünstig, oder aber der Steinbruch lag so ungün­stig, daß sich der Abtransport gar zu schwierig gestaltete. Ein Ankauf ge­eigneter größerer Kalkbrüche wurde außerdem erschwert durch die frü­here Sicherungspolitik eines anderen kalkverbrauchenden Großunternehmens.

Endlich gelang es dem Hütten­werk durch rasches Zugreifen, um 1928 die heutigen Besitzungen in den Gemarkungen Westerbeck und Holperdorp zu erwerben. Mit diesem Kalkbruch ist die Versorgung des Hüttenwerkes an Kalk für etwa 150 Jahre gesichert. Denn nicht nur für Hochöfen ist der Kalk aus diesem Bruch geeignet, er ist gleicherweise für das Zementwerk brauchbar, da in dem Steinbruch sowohl Fett- als auch Wasserkalk gebrochen wird.

Nun noch ein paar Worte zur Transportfrage. In erster Linie denkt man ja dabei an die Eisenbahn. Liegt ein Betrieb nahe einer Eisenbahn­linie, dann gibt es kaum Transportschwierigkeiten. Die Entfernung zur nächsten Eisenbahnstation Hoeste hätte leicht durch Anlegung einer Seilbahn vom Bruch bis zum Bahn­hof überbrückt werden können, evtl. auch über einen Bremsweg mit Feld­bahn erfolgen können. Von dort wä­ren dann die Waggons mit der Teutoburger Waldeisenbahn bis Lenge­rich befördert worden; dort hätte man sie auf die Bundesbahn über­führen und bis Hasbergen leiten müssen; dort wären sie abermals von der Bundesbahn auf die Hüttenbahn übergeführt worden und hätten end­lich auf dieser zum Hüttenwerk ge­langen können. Wahrlich ein langer, beschwerlicher und zudem auf die Dauer recht kostspieliger Weg. Er hätte den Kalk unnötig verteuert. Darum entschloß man sich für die Anlegung einer Seilbahn, deren lau­fende  Unterhaltungskosten   wohl nicht so teuer sind wie die einer Kunststraße.

Zum Bau dieser Seilbahn waren ungeheure Materialmassen notwen­dig. Beim Durchblättern alter Zei­tungen aus diesen Jahren fand ich interessante Zahlen, die wert sind, aus dem Dunkel der Vergessenheit ans Licht des Bewußtseins gezogen zu werden. 40 Stützen, zwei Spannwerke, eine Tragseilverankerung, eine Belade- und eine Entladestation, die Brech- und Siebanlage und die dreigleisige  Eisenbahnbrücke  am Augustaschacht mußten entstehen. Für die Fundamente allein wurden über 5000 t Splitt und Sand benö­tigt. Diese lieferte das Werk am Piesberg. Dazu kamen noch 850 t Zement aus dem Zementwerk der Georgsmarienhütte, die zu 2700 t Be­ton zu verarbeiten waren. Etwa die Hälfte dieser Materialien wurde mit der Bahn, der Rest mit Lastwagen an die einzelnen Baustellen gebracht, soweit dies die Wegeverhältnisse ge­statteten. Genau wurden 2870 t Splitt und Sand und 450 t Zement durch Lastwagen an die einzelnen Bau­stellen befördert.

Hierzu kamen dann die Eisenkon­struktionen,   Maschinenteile   und Seile. Sie wurden je nach Lage der Verwendungsstelle   von   Natrup-Hagen oder Patkenhof durch Last­wagen zu den einzelnen Verwen­dungsstellen  geschafft. Besonders schwierig und teuer gestaltete sich in allen Fällen der Weitertransport durch Pferdefuhrwerke sowie das Auf- und Abladen der einzelnen Baumaterialien. In dem bergigen und unwegsamen Gelände der Trasse, dem Borgberg und dem Hüggel, mußten für den Transport des Be­tons,  der  Eisenkonstruktionsteile und der Seile eigens zu diesem Zweck hergerichtete Schmalspur­gleisanlagen geschaffen werden.

Insgesamt sind für die Seilbahn verbraucht worden: 315 t Eisenkon­struktionen, 103 t maschinelle Teile, 119 t Trag- und Zugseile, 235 t für die Brech- und Siebanlage sowie 46,7 t für deren maschinelle Teile.

Oft wird man von Fremden nach der Leistungsfähigkeit dieser Seil­bahn gefragt. In der Stunde können bei Höchstbelastung mit dieser 125 t Kalkstein von Holperdorp bis zum Augustaschacht befördert werden. Die Geschwindigkeit beträgt 2,5 m in der Sekunde. Die Entfernung von der Be- zur Entladestelle beläuft sich auf 6300 m. Ein Wagen braucht etwa 42 Minuten, um von Holperdorp bis zum Augustaschacht zu gelangen. Ein Wagen dieser Seilbahn faßt 850 Liter. Eine Wagenladung hat ein Gewicht von 1100 kg; rechnet man das Eigen­gewicht des Wagens hinzu, so hän­gen am Seil etwa 1530 kg oder reich­lich 30 Zentner.

Die 40 Stützen stehen nicht in gleichen Abständen. Die Entfernung zwischen Stütze l und 2 beispiels­weise beträgt 340 m, die zwischen Stütze 7 und 8 gar 346,20 m. Auch die Höhe dieser Stützen ist ganz ver­schieden. Die höchste Stütze ist Nr. 8 mit einer Höhe von 30,5 m und einem Eigengewicht von 15,32 t.

Um diese enorme Belastung aushalten zu können, muß das Tragseil entsprechend stark sein. Dieses pa­tentverschlossene Tragseil der Voll­seite hat einen Durchmesser von 46 mm und ein Gewicht von 12,5 kg je m. Es wurde in gebündelten Rol­len von 220 bis 240 m Länge ange­liefert; jede Rolle hatte ein Gewicht von ca. 60 Zentnern. Man kann sich somit die Schwierigkeiten vorstellen, die für den Transport durch Lastwagen und Fuhrwerke von der Eisenbahn bis zur Verwendungsstelle sowie für das Auf- und Abladen zu überwinden waren.

Die Seilbahn braucht zwei Trag­seile. Auf dem einen laufen die beladenen, auf dem ändern die leeren Wagen. Das ebenfalls patentver­schlossene Tragseil der Leerseite hat nur einen Durchmesser von 16 mm; 1 m dieses Seiles wiegt 3,7 kg. Dieses Seil wurde in Längen von 400 bis 480 m in Rollen zum Versand ge­bracht.

Beide Seile müssen unterwegs ge­spannt werden. Diese Spannung er­folgt in vier verschiedenen Strecken. Das Vollseil wird mit einem Ge­wicht von. 30 t, das Leerseil mit einem solchen von 10 t gespannt.

Außerdem ist ein Zugseil erforder­lich. Dieses endlose Zugseil ist. ca. 1300 m lang, aus 6 Längen zusammengespleißt und wird durch den in der Entladestation liegenden Antrieb in Bewegung gesetzt. An diesem Zugseil klemmt sich ganz mechanisch der Klemmapparat des einzelnen Wagens in Führungsschienen an der Auslaufstelle und löst sich ebenso mechanisch an der Einlaufstelle der Station. Auch dieses Zugseil bedarf einer Spannung. Sie erfolgt in der Beladestation durch ein Spannge­wicht von 10 t und, falls dies außer Tätigkeit tritt, durch ein in der Ent­ladestation  eingebautes  Reservespanngewicht von 4 t.

Um den geförderten Hochofenkalk auf eine gewisse Stückgröße bringen zu können und ihn zu klassifizieren, mußte gleichzeitig eine Brech- und Siebanlage geschaffen werden. Der mit der Seilbahn ankommende Kalk wird unter Einschaltung eines Bun­kers durch den Kettenaufgeber kontinuierlich dem Stückgutscheider und somit dem Kreiselbrecher aufgege­ben. Der Stückgutabscheider scheidet die unter 80 mm großen Stücke vor dem Brechprozeß aus. Diese und das gebrochene Gut fallen direkt auf das zur Sieberei führende Transportband, wo ein eingebautes Schwingsieb die Klassierung vornimmt. Das Fas­sungsvermögen der Bunker beträgt 200 cbm.

Für den Transport der Baumate­rialien wurden 505 Tagewerke von J. Fuhrunternehmern mit Pferdege­spannen verfahren.

Erhebliche Erdbewegungen waren durchzuführen, um die Gleisanlage herstellen zu können. Etwa 20 000 cbm Boden waren anzuschütten, an an­deren Stellen wieder abzutragen. Für die Anschüttungsarbeiten wurde laufend der im Hüttenwerk anfal­lende Schutt verwendet.

Nun noch einige Angaben über den Kraftverbrauch. Er beträgt nur etwa 10 PS. Woraus erklärt sich die­ser geringe Verbrauch? Aus dem Höhenunterschied. Die Beladestation liegt um 63 m höher als die Entladestation. Die Stärke des Motors liegt jedoch bei 70 PS, um auch bei vereister und verschneiter Bahn den dann gesteigerten Anforderungen ge­wachsen zu sein.

Für die Linienführung dieser Seil­bahn waren drei Projekte ausge­arbeitet worden. Das Projekt, das ausgeführt wurde, hat den Vorteil, daß es sich einmal dem Landschafts­bild harmonisch einfügte, anderer­seits aber auch in technischer Hin­sicht die geringsten Schwierigkeiten bot. Wir könnten uns heute weder den Borgberg noch den Hüggel, weder die Sudenfelder noch die Hagener Talsenke ohne diese Seilbahn vor­stellen. Als störend wird sie nicht empfunden. Möge sie auch in den kommenden Jahrzehnten so unfall­frei ihrem Dienst gerecht werden wie in den abgelaufenen 25 Jahren!

 

 

 

 

 

 

Von Rainer Rottmann

Nach einem Erlaß Karls des Großen sollten einer jeden neugegründeten Pfarr­kirche drei Bauernhöfe als Ausstattung hinzugegeben werden, um die materiel­le Versorgung des Priesters sicherzustellen. Zwei Höfe sollten dem Priester als dem Grundherrn abgabepflichtig sein, den dritten Hof aber sollte er selbst be­wohnen und bewirtschaften.

Auch in Hagen ist man diesem Erlaß gefolgt, indem man die Höfe Wortmann in der Bauerschaft Mentrup und Püning in Beckerode (heute Stock, Dorfstraße) in die Abhängigkeit des Pfarrers stellte und diesem selbst einen Hof, den eigentli­chen „Pfarrhof" zur Nützung überließ. Die eigentliche Hofstelle dieses Pfarrho­fes lag jedoch nicht immer an ihrem jetzigen Platz etwas abseits, sondern ursprünglich direkt südlich der Kirche, etwa dort, wo heute das „Kino Herkenhoff" steht.

 Erst durch einen Grundstückstausch im Jahre 1341 scheint der Pfarrhof an sei­ne jetzige Stelle verlegt worden zu sein. Daß der damalige Pfarrer Arnoldus die­ser Verlegung an den Rand des feuchten und sumpfigen Maschbrooks zustimmte, mag seine Ursache darin gehabt haben, daß die Pfarrer jener Zeit zumeist in Osnabrück wohnten und an guten Wohnverhältnissen in Hagen kein Interesse hatten. Immerhin scheint es zu Zeiten des Pfarrers Johan von Holte ein Pfarrhaus gegeben zu haben, denn im Verlauf einer Fehde des Ritters Frie­drich Bück zu Wulften mit der Stadt Osnabrück geriet der Ritter auch mit dem Hagener Pfarrer in Streit und wollte dessen Haus in Hagen verbrennen („... dat se wolden des Kerchern hus van Hagen gebrant hebn..."). Wahrscheinlich dien­te dies Haus den „Vicecuraten" (= Hilfspriestern), die hier den Gottesdienst ver­sahen, mehr schlecht als recht als Behausung, denn 1560 beschwert sich Hermann Kruse, der erste wieder ständig in Hagen wohnende Pfarrer, die Vicecuraten hätten den ganzen Hof vernachlässigt; das Haus sei verfallen und die Hofstelle liege ,,zaunlos'' dar, so daß das Vieh einbrechen könne.

Man wird davon ausgehen dürfen, das schon bald ein neues Pfarrhaus gebaut worden ist. Es diente bis 1590 Hermann Kruse, danach seinem Sohn und Nach­folger im Amt des Pfarrers, Konrad Kruse als Wohnung. Als Konrad Kruse nach 36-jähriger Tätigkeit mitten in den Wirren des 30-jährigen Krieges 1626 in Hagen starb, stand das Pfarrhaus zunächst leer. Da es im schlechten Zustand war, ließ der neue Pastor Theodorus Mauritius Buschmann das alte Pfarrhaus 1631 nie­derreißen und ein neues bauen. Dies bestand aus einem Fachwerkteil im östli­chen, und einem steinernen Teil, dem sogenannten ,,Steinwerk" im westlichen Teil. Zur Haushebung wurde trotz aller Kriegsunbill nicht gerade ärmlich gefei­ert. „Ein feistes Rindt,... dröges Fleisch, Speckes, Mettwürste" und Bier wurden verzehrt. Als Mauritius 1633 von den Schweden vertrieben wurde, setzten die evangelischen Pfarrer Dr. Johannes Falconius und Albertus Rodemeister den Hausbau fort und vollendeten ihn.

 Dieses Pfarrhaus wurde dann am 12.4.1723, dem Tag des großen Brandes in Ha­gen, größtenteils ein Raub der Flammen. Lediglich ein Teil des ,,Steinwerks" blieb stehen. Noch im Sommer 1723 wurde für 765 Taler ein neues Pfarrhaus errichtet, welches wie der Vorgängerbau im westlichen Teil aus Stein, im östli­chen und der Kirche zugewandten Teil aus Fachwerk bestand. Dieser Bau steht, was den Fachwerkteil anbelangt, in seiner Grundsubstanz noch heute. Seine la­teinische Giebelinschrift lautet unter Bezugnahme auf den großen Brand von Hagen (deutsche Übersetzung):

„In diesem Jahre, am 4. des Monats August, erhebe ich mich aus der Asche. Heiliger Martinus, bewahre dieses Haus, das unter deinem Schutz entstanden ist."

Die rot gehaltenen Großbuchstaben der Inschrift ergeben, als lateinische Ziffern addiert, zweimal die Jahreszahl ,,1723". Die im linken Torbalken eingravierten Initialien ,,M.C.W." stehen für den Hagener Zimmermann, ,,Meister Claus Witte", den Baumeister.

 Nach 1723 sind bauliche Veränderungen nachweislich 1819 am steinernen, westlichen Teil des Pfarrhauses vorgenommen worden. Wohnstube und Schlaf­kammer  waren „so versunken und überhaupt so niedrig, enge und feucht", daß eine Verbesserung und Erweiterung unumgänglich notwendig war. Es wurde deshalb im Sommer 1819 der ganze hintere Teil nach einem Plan des Landbau­inspektors Doeltz „ganz von zwei Etagen gebaut." Seit 1819 sind größere Veränderungen am Pfarrhaus nicht mehr vorgenommen worden, so daß wir noch heute in etwa den Bauzustand jenen Jahres vorfinden.

 Erst mit dem Neubau des Pfarrhauses 1981/82 südwestlich der neuen Kirche verlor dies alte Pfarrhaus seine ursprüngliche Funktion. Nach einer in zwei Pha­sen (1984 und 1986) erfolgten Renovierung wird das Gebäude als Bücherei und Begegnungsstätte sowie als Töpfereimuseum genutzt.

Steinerner Zeuge aus der Frühgeschichte der Hagener Kirche

Von Rainer Rottmann

Seit April 1985 steht im südlichen Seitenschiff der Ehem. Kirche ein gro­bes, arg beschädigtes Becken aus Sandstein. Warum so könnte man fra­gen, findet ein solches Objekt überhaupt dort Aufstellung. Die Antwort liegt auf der Hand, wenn man bedenkt, daß es sich um den uralten, aus der Zeit der Romanik (1000-1250 n. Chr.) stammenden Taufstein der Hagener Pfarrkirche, möglicherweise sogar um den ältesten Taufstein im Bistum Osnabrück handelt. Vielleicht geht sein Ursprung sogar noch in die Zeit vor der ersten urkundlichen Erwähnung der Pfarre Hagen im Jahre 1097 zurück.

Einst von Steinmetzhand aus einem Sandsteinbrocken herausgehauen, hat der Taufstein im Verlauf seiner etlichen Jahrhunderte umfassenden Geschichte vielerlei Einflüssen trotzen müssen. Eine erste schriftliche Er­wähnung stammt allerdings erst aus dem Jahre 1624. Aus weiteren Auf­zeichnungen ergibt sich, daß der Taufstein, der ursprünglich ca. 30 cm tief in die Wand eingelassen war, unten im Turm südlich des Portals stand, bis er bei der Erweiterung der Kirche 1815 von dort fortgeräumt wurde. 1824 wurde er in Osnabrück aufgearbeitet und mit neuen, kupfernem Kessel und einem Deckel mit Schloß versehen. Die dabei in den Sandstein einge­lassenen Verankerungen aus Metall führten wahrscheinlich durch Korro­sion zum Abplatzen ganzer Sandsteinstücke.

 Etwa zu Anfang unseres Jahrhunderts, wohl bei der Renovierung der Hagener Kirche nach der Abpfarrung der Niedermark, wurde schließlich ein neuer Taufstein für die Hagener Kirche angeschafft, wobei man überlegte, den uralten Stein zu zerschlagen. Es ist das Verdienst des verstorbenen Bauern Stefan Krützmann, daß diese Überlegungen nicht verwirklicht wur­den, denn er schaffte den schweren Stein auf seinen Hof und stellte ihn dort in seinem Park auf, wo er bis April 1985 verblieb. Wind und Wetter aus­gesetzt und fast völlig in Vergessenheit geraten, verwitterte der alte Tauf­stein leider mehr und mehr. Erst kurz vor dem völligen Zerfall wurde er, nachdem er von Herrn Hermann Witte-Krützmann freundlicherweise als Leihgabe zu Verfügung gestellt wurde, nunmehr von Moos und Algenbe­wuchs befreit und im südlichen Seitenschiff der Ehem. Kirche aufgestellt - als steinerner Zeuge aus der Geschichte der Hagener Kirche und unserer Gemeinde.

Über das Hagener Missale Romanum

Von Rainer Rottmann

Zu den wohl schwersten Verlusten, die die Gemeinde Hagen a.T.W. im Ver­lauf des 30jährigen Krieges (1618-1648) auf kulturellem Gebiet hinnehmen mußte, gehört ein kostbares und für die Geschichte Hagens überaus auf­schlußreiches Buch, das sogenannte "Missale Romanum", also ein Meßbuch.

Nach Ausweis alter Akten lag dieses Meßbuch auf dem Altar in der Hage­ner Pfarrkirche. Es hatte eine Länge vom ca. 73 und eine Breite von ca. 58 cm. Die einzelnen Seiten waren große Blätter aus Pergament, auf denen in aufwendiger Form mit vielen Verzierungen der lateinische Text und die da­zugehörigen Noten des "Introitus" und des "Alleluja" geschrieben standen. Der Einband des Buches wird aus lederbezogenen Holzdeckeln bestanden haben, die, wie der enorme Wert (im Jahre 1662 geschätzt auf 100 Taler) ver­muten läßt, mit Beschlägen aus Silber und Gold versehen waren.

Neben seiner Funktion als prunkvolles Meßbuch hatte dieses Missale aber noch eine andere wichtige Aufgabe; in ihm waren nämlich die "Privilegia" der Hagener Pfarrkirche vermerkt, das heißt, es fungierte als Urkunde und Beweismittel für Rechte und Ansprüche, die die Hagener Kirche im Laufe der Jahrhunderte erworben hatte. Schenkungen an die Kirche wur­den demnach ebenso in dieses Buch eingetragen wie die Gründung und Verpachtung von Markkotten, die der Kirche abgabepflichtig sein sollten. Wie wichtig diese Urkundsfunktion des Missale war, sollte sich anläßlich eines Rechtsstreits im Jahre 1606 zeigen. Damals machte der Ritter Amelung von Varendorf, der der Grundherr des Hofes Bensmann in Gellenbeck war, Ansprüche auf den Markkotten Lückemeyer geltend, weil dieser Kotten vom Hof Bensmann abstamme. Diese Ansprüche wurden von den Hagener Kirchräten energisch zurückgewiesen, da Amelung von Varendorf keinen ""Titulum domini" und keine "Possession""(= Besitzrecht) vorbrin­gen könne. Vielmehr, so erwidern sie, habe die Kirche von Hagen ein Recht auf diesen Kotten, denn es sei wahr, daß im Jahre 1500 der Bauer Bensmann von den Kirchräten und der ganzen Gemeinde die Erlaubnis erbeten habe, für seine Tochter Luken einen Kotten auf Markenland errichten zu dürfen. Die erbetene Erlaubnis sei ihm erteilt und dabei vereinbart worden, daß nach dem Tod der Tochter das Haus in das Eigentum der Hagener Kir­che übergehen solle. Zur Bekräftigung dieser Aussage findet sich in den Gerichtsakten der Vermerk: "Haec origo domini scripta est in sacro librio Missali, quo Ecciesia utitur et demonstrari ad oculum ista scriptura potes", zu deutsch: Diese Herkunft des Kottens ist im Heiligen Meßbuch beschrie­ben, so daß durch die Kirche diese Bestimmung allen sichtbar bewiesen und dargelegt werden kann! Auch der Pachtvertrag vom Jahre 1603 zwi­schen Peter Lücking und den Kirchräten, den Lückemeyerskotten betref­fend, wurde zur Urteilsfindung herangezogen und zu diesem Zweck von einem Notar kopiert. Am Ende der Kopie bestätigt der Notar: "Ick Casparus ... bekenne, dat yck dit baven geschreven hebbe, van Worden tho Worden affgeschreven uth dem Missal, dat in der Kercken tho Hagen up dem Altar iß, in Bywesend des werdigen Heren Pastors Conrad Grusen in Hagen und Hendrich Speimeier."

Anhand dieses Rechtsstreits und der zitierten Textstellen mag man erah­nen, wieviele Fragen bezüglich der Hagener Geschichte gelöst werden könnten, wenn dieses uralte Buch noch vorhanden wäre. Leider ist es je­doch in den Wirren des 30jährigen Krieges ein Opfer von Ignoranz und/oder Habgier geworden. In einer Aufstellung der kirchlichen Gegen­stände aus dem Jahr 1651 wird das betreffende Buch als gestohlen gemel­det. "Missale Romanum aus Pergameno in magno folio mit allen Noten so­wohl des Introitus als des Alleluja ist von Soldaten weggeraubt, wie der Prädikante vorgegeben hat" (Prädikante = der Vorgänger, der evangeli­sche Pfarrer Rodemeister).

Auskunft über das Aussehen, die Funktion, den Wert und das Schicksal des Buches gibt uns auch ein Brief des katholischen Pfarrers Theodorus Mauritius an seinen Vorgänger, dem evangelischen Pastor Albertus Rode­meister. In diesem Schreiben vom 3.10.1662 beklagt sich Mauritius bei Ro­demeister, "daß er das große Mißbuch, fünfviertel in der Länge und eine El­le in der Breite, von lauter Pergament, ganz mit Noten geschrieben nach den Graduall, in welchem auch die Privilegia der Kirchen begriffen und der Kirchen an die 100 RT gekostet, nur zum Schimpf und Spott im Pastorats­hause gebraucht; diesselbe damit beraubt. Wann Ers in der Kirchen gelas­sen, war es darin geblieben wie die anderen Bücher, deren keins wegge­kommen aus der Kirchen."

Nach diesen Angaben des Pfarrers Mauritius soll das Meßbuch also zu der Zeit, als der evangelische Pfarrer Rodemeister in Hagen tätig war (1636-1650), von Soldaten aus dem Pfarrhaus entwendet worden sein. Der Raub wird vor 1648, dem Jahr des Westfälischen Friedensschlusses erfolgt sein. Welche Soldaten sich derart bereichert haben, wird leider nicht er­wähnt. Es könnten Schweden gewesen sein, die schon seit 1633 Osna­brück besetzt hielten und von Zeit zu Zeit das Umland mit ihren Plünderungen überzogen; vielleicht waren es aber auch kaiserliche, also katholische Reichstruppen, die das kostbare Buch verschleppten, denn im Jahre 1637 brachen sie in Hagen ein, plünderten das Dorf und führten den evangeli­schen Pfarrer Rodemeister als Gefangenen nach Glandorf ab. Wiederauf­getaucht ist das Hagener "Missale Romanum" bislang nicht und es be­steht auch wohl nur wenig Hoffnung, daß man es jemals wiederfindet. Der Deckel dieses Buches bleibt damit wohl für immer zugeschlagen und der für die Geschichte Hagens so aufschlußreiche Inhalt für alle Zeiten ver­schollen.

Johannes Brand

Im Jahre 1809 wurde erstmals ein eigenes Schulgebäude in der Hagener Niedermark errichtet. Durch die damit verbundenen kürzeren Schulwege der Niedermarker Kinder konnte die bereits seit 1693 bestehende allgemeine Schulpflicht allmählich verwirklicht werden. Das ganze 19. Jahrhundert sollte es allerdings nicht nur in Hagen noch dauern, bis der achtjährige Schulbesuch für alle Kinder eine Selbstverständlichkeit und als solche auch gesellschaftlich anerkannt war. Schule hat sich, seit es sie gibt, ständig gewandelt, und diesem Wandel nachzugehen ist ein spannendes Kapitel geschichtlicher Forschung. Dieser Aufgabe haben sich die drei Autoren Johannes Brand, Rainer Rottmann und Gregor Wulftange gestellt und ihre Forschungsergebnisse in einem Buch niedergelegt. Gelegentlich stellte sich auch den Autoren die Frage, ob man eigentlich die Schulgeschichte der Niedermark für sich gesehen darstellen kann. Es zeigt sich, dass die Schule die erste gemeinsame Institution der drei Niedermarker Gemeinden war und über lange Zeiträume zwar eine weitgehend in sich geschlossene Einheit darstellte, aber andererseits auch immer verwoben war und ist mit der Gesamtentwicklung Hagens. Hatten die Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts oft trennenden Charakter, so gab es vor allem im 20. Jahrhundert Zusammenarbeit der Schulen ganz Hagens, z. B. bei Ausflügen, Sportfesten und Unterrichtsvertretungen, und schließlich bei der Entwicklung zu ortsteilübergreifenden Schulformen wie Realschule, Orientierungsstufe und, ab diesem Jahr, auch dem gesamten Hauptschulbereich.

Gelegentlich stellte sich auch den Autoren die Frage, ob man eigentlich die Schulgeschichte der Niedermark für sich gesehen darstellen kann. Es zeigt sich, dass die Schule die erste gemeinsame Institution der drei Niedermarker Gemeinden war und über lange Zeiträume zwar eine weitgehend in sich geschlossene Einheit darstellte, aber andererseits auch immer verwoben war und ist mit der Gesamtentwicklung Hagens. Hatten die Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts oft trennenden Charakter, so gab es vor allem im 20. Jahrhundert Zusammenarbeit der Schulen ganz Hagens, z. B. bei Ausflügen, Sportfesten und Unterrichtsvertretungen, und schließlich bei der Entwicklung zu ortsteilübergreifenden Schulformen wie Realschule, Orientierungsstufe und, ab diesem Jahr, auch dem gesamten Hauptschulbereich.

Umfangreich dargestellt werden

  • die Vorgeschichte des ersten Schulbaus und der Bau an der Sudenfelder Straße selbst,
  • die Verlegung der Schule zum Spellbrink vor 125 Jahren im Jahre 1883,
  • das Schulleben zur Kaiserzeit
  • und im Nationalsozialismus,
  • die zum Teil rasante Entwicklung des Schulwesens ab 1960 mit den umfangreichen Baumaßnahmen zwischen 1962 und 1973,
  • die Veränderungen in der Schule in den Jahrzehnten seit 1980,
  • neben und in Verflechtung mit der  Niedermarker/Gellenbecker Schule auch die evangelische Volksschule in Natrup-Hagen (1845-1970) und die Sudenfelder Schule (1884-1977).

Johannes Brand, Rainer Rottmann, Gregor Wulftange: 200 Jahr öffentliche Schule in der Niedermark 1809-2009. Hrsg. Heimatverein Hagen a.T.W. 143 Seiten, 5 Euro.

Fotograf – Zeichner – Lehrer

Hubertus Wilker

So manches Mal war ich bereits mit der Fotokamera auf den Spuren Hans Hasekamps in Stadt und Landkreis unterwegs, um mit einem 60 oder gar 80 Jahre alten Hasekamp-Foto in der Hand eine entsprechende aktuelle Aufnahme für eine „Gestern-und-Heute-Diareihe“ für den Verleih im Medienzentrum oder für eine Veröffentlichung im Internet zu machen. So konnte ich schon häufiger nachvollziehen, mit welch sicherem Blick er sein Motiv aus der Umgebung ausgewählt, wie er mit Goldenem Schnitt, Tiefenstaffelung, über Vordergrund und Hintergrund Ordnung und Harmonie in seine Fotos gebracht hatte. Immer wieder locken Diagonalen oder auch direkt ins Bild hineinführende Wege, Gräben, Zäune in die Fotos quasi hineinzuspazieren und auch die Pforten und Tore auf den Fotos laden durch die gewährten Durchblicke zum Hindurchgehen ein. Seine Fotos sind auf den ersten Blick also ansprechend, ja einladend zu nennen. Hans Hasekamp war aber nicht nur Fotograf, und das ist etwas, das man bei der Betrachtung seines fotografischen Werkes immer bedenken und einbeziehen sollte. Er war auch Zeichner, Heimatkundiger, in zahlreichen Artikeln auch Heimatschriftsteller, und er war vor allem auch Lehrer und Leiter der Kreisbildstelle, einer Vorgängerorganisation des Medienzentrums Osnabrück, in dessen Auftrag ich heute seine dokumentarische Arbeit fortführe.

Hans Hasekamp, Selbstporträt als Stereoaufnahme

Johannes (Hans) Hasekamp wurde am 23. August 1891 in Sögel geboren. Er war das älteste von sechs Kindern. Sein Vater stammte von einem Hof in Rieste, seine Mutter aus Sögel. Anfang des 20. Jahrhunderts nahm sein Vater eine leitende Stellung in Osnabrück an und die Familie Hasekamp zog in die Stadt, direkt an den historischen Markt im Herzen der Altstadt. Sehr früh entwickelte Hans Hasekamp eine Begeisterung für das Zeichnen. Seine Begabung wurde erkannt und gefördert und sie fand auch öffentliche Bestätigung, zum Beispiel durch einen gewonnenen Wettbewerb, der dem jungen Talent die damals beachtliche Summe von 80 Goldmark bescherte. Weitere musische Anregungen kamen aus der Schule. Er spielte Laute – das war „in“, die Wandervogelbewegung blühte in Osnabrück gerade auf –, bekam Klavierunterricht und entdeckte auch schon früh die Fotografie. Seine erste Kamera baute er sich sogar selbst. Die Wandervogelbewegung war es wohl auch, die seine Liebe zur Natur und zur Schönheit der heimischen Landschaft mit begründete. In zahllosen Wanderungen erkundete diese Jugendbewegung das Umland mit einem stark romantisierenden Impetus. Je wilder, ursprünglicher und unzivilisierter eine Landschaft, umso interessanter erschien sie. Hier wurde Hasekamps Blick für das Alte, historisch Gewachsene, das Volkskundliche geprägt und auf diesen Wanderungen entdeckte er natürlich auch die Motive für seine Zeichnungen, die später dann auch fotografische Motive wurden.

Federzeichnung

Nach einem guten Schulabschluss stand der Entschluss fest, Lehrer zu werden. Nach dem Besuch der Präparandenanstalt und des Königlich-Preußischen Lehrerseminars in Osnabrück – sein Entlassungszeugnis wies im Zeichnen übrigens die Note „sehr gut“ aus – folgten ab 1911 Anstellungen als Lehrer in Malbergen und im Emsland. 1915 wurde er als Richtkanonier eingezogen und erlebte, beziehungsweise erlitt und überlebte den Ersten Weltkrieg in Frankreich. Tagebuch und fotografische Zeugnisse aus dieser Zeit finden sich im Nachlass in Hagen a. T. W.

Nach dem Krieg fand er eine Anstellung an der Marienschule Georgsmarienhütte, zunächst als Volksschullehrer, dann 1949 bis 1956 als Rektor. In dieser ersten Zeit als Volksschullehrer entstanden auch die zahlreichen Federzeichnungen mit heimatlichen Motiven. Sie wurden ab 1919 in vier Bildmappen und mehreren Auflagen herausgegeben und erfreuten sich so großer Beliebtheit, dass viele Motive auch als Postkarten herausgegeben wurden und so eine massenhafte Verbreitung fanden. Darüber hinaus illustrierte er verschiedene Bücher, unter anderem „Dat Blüsenbook“ von Hiärm Grupe.

Seine Zeichnungen erschienen in Kalendern, Tageszeitungen und Zeitschriften, oft verbunden mit eigenen Aufsätzen.

Postkarte Iburg

Nach 1924 widmete er sich verstärkt der Fotografie und diese Fotos traten in seinen Veröffentlichungen nun an die Stelle der Zeichnungen. Auf Wanderungen, Fahrten mit dem Rad und später mit dem PKW wurden immer weitere Bereiche fotografisch erschlossen. Aber nicht nur die Heimat und die nähere Umgebung interessierten Hasekamp, auch in seinen Ferien war er ein begeisterter Reisender. Und den Fotoapparat hatte er immer dabei, in der Regel sogar in einer Stereoversion. Solch eine Stereokamera fertigte gleich zwei räumlich versetzte Fotos an, die dann als Stereo-Dia mit einem entsprechenden Betrachtungsgerät dreidimensional wiedergegeben werden konnten.

Kaum ein Fleck in Deutschland, der nicht bereist wurde. Von Spitzbergen bis nach Ägypten erstreckten sich die Reiseziele und vor allem hatten es ihm Italien und die Alpen angetan.

So wie er es in seinen Zeichnungen schnell aufgegeben hatte, die Architekturansichten und Landschaften mit Staffagefiguren zu beleben, verzichtete er auch in seinen Fotografien fast völlig auf die Abbildung von Menschen.

Bauernkotten in Mentrup

Nur in den Straßenansichten ließ sich das Ablichten von Passanten nicht immer vermeiden und auch auf den eher touristischen Urlaubsfotos finden wir häufiger Menschen. So ist denn auch das Stereo-Selbstporträt am Schreibtisch eher eine Rarität im fotografischen Schaffen Hans Hasekamps.

Besonders viele Aufnahmen machte er natürlich in Hagen, sozusagen vor der eigenen Haustür. Die Landschaft rund um seinen Wohnort und die zahlreichen alten Kotten unter blühenden Kirschbäumen, das waren Hans Hasekamps Lieblingsmotive.


Wehlburg bei Badbergen

Bramsche

 

Das Experimentelle und Waghalsige war nicht seine Sache. Die Entwicklungen hin zur Moderne nach dem Ersten Weltkrieg spiegeln sich in seinem Werk kaum wider. Sein sachlicher und kundiger, aber liebevoller Blick galt eher dem Detail des alten verrosteten Dielentürgriffs und dem Katzenloch etwas weiter unten in derselben Dielentür.

1935 wurden mit dem Aufkommen des Unterrichtsfilms amtliche Bildstellen eingerichtet. Hans Hasekamp übernahm die Leitung der neugegründeten Kreisbildstelle in Georgsmarienhütte, die von ihm immer weiter ausgebaut wurde. 1937 stellte er die schönsten Aufnahmen aus seinem reichen Fundus zu zwei Diareihen für die Landesbildstelle in Hannover: »Das Osnabrücker Bergland« und »Das Emsland« zusammen. Zahlreiche Lichtbildserien für den Gebrauch in Schulen folgten und auch die Fotos seiner Reisen

Der Holzschuhmacher (Herkenhoff in Mentrup)

wurden für den Geografieunterricht aufbereitet. Durch die Landesbildstelle initiiert, entstanden auch Fotodokumentationen aussterbender Handwerksberufe, wie des Holzschuhmachers oder Töpfers in kurzen, prägnanten Bildfolgen.

Intensiv arbeitet Hans Hasekamp daran, Osnabrück, den Landkreis und das Umland nahezu systematisch unter den Gesichtspunkten Vorgeschichte und Geschichte, Kunst und Kultur, Brauchtum und Volkskunst abzulichten. Immer wieder besucht er aber auch die gleichen Orte, um eine Aufnahme zu perfektionieren, ihr unter veränderten Lichtbedingungen neue Aspekte abzugewinnen, eine andere Jahreszeit einzufangen oder um sonstige Veränderungen festzuhalten.

Als Chronist des Alltags sehen wir ihn in der Zeit des Nationalsozialismus. Besonders die Kriegsauswirkungen auf die Bevölkerung, auf das Osnabrücker Stadtbild und die umliegenden Ortschaften wurden festgehalten. In diese Zeit fallen ab etwa 1941 auch erste Versuche mit dem damals neuen Farbdiafilm von Agfa im Leica-Kleinbildformat. Neben den üblichen Motiven, die jetzt häufig parallel als Farbdia und 6 mal 6 Schwarzweiß-Negativ aufgenommen wurden, entstehen Farbstudien von Himmelsphänomenen und Sonnenuntergängen, sowie Fotos, die wohl für den Biologieunterricht gedacht waren. Die letzten dramatischen Fotos des vom Krieg zerstörten Osnabrücks entstanden dagegen in Schwarzweiß. Nach dem Krieg erlosch sein Interesse an der Fotografie allmählich. Nur noch sporadisch dokumentierte er den beginnenden Wiederaufbau in Osnabrück oder aktualisierte die Aufnahmen aus dem Landkreis.

Hans Hasekamp trat 1956 in den Ruhestand, um seinen Lebensabend in Hagen a. T. W. zu verbringen. Die Bildstelle betreute er weiter bis ins Jahr 1960. Am 21. Januar 1962 verstarb Hans Hasekamp.

Der Nachlass mit weit über zehntausend Fotografien ging in das Eigentum der Katholischen Kirchengemeinde St. Martinus in Hagen a. T. W. über. Martin Frauenheim betreut die Sammlung, ihm gebührt auch der Dank, sie gesichtet, nach Sachthemen geordnet und erschlossen zu haben.

Hier noch einige Bilder aus dem Hasekamp-Archiv:

Ansichten des Dorfes Hagen vom Glasesch aus                Foto 1937

Blick auf Hagen                                       Federzeichnung

Kirche in Hagen                 Federzeichnung 1925

 

Inneres der Martinuskirche                              Foto 1929

 

Hof Warnsmann in Mentrup                         Federzeichnung

 

Blick vom Borgberg zum Dörenberg                                Foto 1941

 

Töpferei Hehemann                                                      Foto 1936

Die Gemeinde Hagen a.T.W. wird 1097 als „parrochia Hagen“ erstmals urkundlich erwähnt. Archäologischer Funde, wie zum Beispiel steinzeitliche Artefakte, bronzezeitliche Grabhügel, eisenzeitliche Gräberfelder aus der Zeit vor Christi Geburt und Siedlungsspuren aus dem 7. Jahrhundert n. Chr., belegen eine Besiedlung des Gemeindegebietes über alle Kulturepochen hinweg.

Zu der um 850/860 n. Chr. gegründeten St. Martinus-Kirche gehörten seit jeher die sechs Hagener Bauerschaften Altenhagen, Mentrup, Beckerode, Gellenbeck, Sudenfeld und Natrup. Der Sage nach soll die erste Hagener Kirche in Altenhagen gestanden haben und nach einem in ihr begangenen Verbrechen in die Bauerschaft Beckerode verlegt worden sein. Dort entwickelte sich dann im Mittelalter um die Kirche das (Kirch-)Dorf Hagen. Ältestes Relikt aus der langen Geschichte der Kirche ist ein schlichter romanischer Taufstein aus der Zeit um 1200. An Stelle einer alten, vermutlich romanischen Kirche erfolgte 1492 – 1523 ein Neubau der St. Martinus-Kirche in spätgotischem Stil. Der mächtige, aus Sandsteinquadern errichtete Turm dieser Kirche ist nicht nur das älteste Gebäude, sondern auch das Wahrzeichen Hagens.

Im 30-jährigen Krieg (1618-1648) wurde die Kirche mehrfach geplündert. Nach dem Krieg wurde das Kirchspiel Hagen im Jahre 1650 den Katholiken zugesprochen.

Bei dem ersten großen Brand von Hagen am 12.4.1723 brannte nahezu das halbe Dorf inclusive Pfarrhaus und Kirchspielschule nieder. Auch das hölzerne Kirchturmdach ging in Flammen auf, das Innere der Kirche und deren Inventar blieben jedoch unversehrt.

Entsprechend der stetig zunehmenden Bevölkerung erfolgten bauliche Erweiterungen der Kirche: 1717 Sakristei, 1748 nördl. Seitenschiff, 1815 Westverlängerung nördl. Seitenschiff, 1836 – 1838 südliches Seitenschiff, 1839 – 1842 Verlängerung nach Osten.


Zu Anfang des 20. Jahrhunderts war die Bevölkerung erneut derart angewachsen, dass die drei Bauerschaften der Niedermark (Gellenbeck, Sudenfeld und Natrup) abgepfarrt wurden. Das Gebäude der alten St. Martinus-Kirche wurde in den 1960er Jahren jedoch auch für die wachsende Zahl der Katholiken der St. Martinus-Pfarre zu klein. Aufgrund des sich abzeichnenden Priestermangels entschied man sich diesmal gegen eine erneute Pfarrteilung. Man erbaute vielmehr westlich der alten Kirche eine neue große St. Martinus-Kirche, die am 11.11.1973, also am Namenstag des Kirchenpatrons, des heiligen St. Martin, eingeweiht wurde.


Von den vorhandenen Kunstgegenständen verblieben einige in der alten Kirche, wie z. B. der barocke Hochaltar, der Marienaltar, die Kanzel, die Orgel und die Kommunionsbänke. Ein Teil der Kunstwerke wurde dagegen in die neue Kirche übernommen, wie z. B. die Pieta, der gotische Schnitzaltar und die barocke Marienstatue mit Kind.

R. R.

Autor: Julia Schulte to Bühne, Niklas Hertwig

Lesende und schreibende Bauern und Bauernfamilien sind nicht die ersten Bilder, die uns in den Sinn kommen, wenn wir an Agrargeschichte und Landwirtschaft denken. Doch gehören diese Tätigkeiten genau so in den Alltag auf dem Land, wie das Bestellen der Felder oder die Zucht der Tiere.

Dieses zu belegen ist möglich, durch besondere Schätze, wie sie immer wieder auf Höfen in Weser-Ems zu finden sind. Bei diesen Schätzen handelt es sich um Hofarchive. Die Annahme, dabei handele es sich um Archive eines adeligen Herrschers und dessen „Hof“,  ist unzutreffend. Es sind vielmehr Sammlungen privater Schriftstücke, häufig mit Rechtscharakter, die auf den Bauernhöfen der Region über Jahrhunderte hinweg aufbewahrt wurden. Sie ermöglichen einen direkten Einblick in die Alltagswelt der unteren Stände über die Jahrhunderte hinweg.

In Hofarchiven finden sich in der Regel Anschreibebücher, Briefe, Gerichtssachen, Erbschaftsfälle, Heiratsurkunden, Inventare und Tagebücher. Aufzeichnungen, die viel über die Alltags-, Kultur-, Mentalitäts-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte der jeweiligen Bauernhöfe und der Region aussagen können. Neben Bauzeichnungen und Streitigkeiten über Grundstückangelegenheiten sind es fast immer Belege über Heiraten, Geburten oder Sterbefällen bis hin zu handschriftlichen Aufzeichnungen von Tanzschritten.

Regional häufig anzutreffen sind zudem Hofbibliotheken. Besitzer wohlhabender Bauernhöfe begannen teils schon im 16. Jahrhundert unterschiedlichste Buchtitel anzuschaffen. Werke der Astronomie, Theologie, Veterinärmedizin, Mathematik oder auch der Unterhaltungsliteratur fanden Eingang in die bäuerlichen Stuben. Der Besitz von Büchern ist sowohl ein Statussymbol als auch ein Indikator für die Lesefähigkeit der Bevölkerung. In Regionen, wie z. B. dem Artland, waren schon im 18. Jahrhundert und früher Hofbibliotheken bekannt, die das lange verbreitete Bild vom illiteraten Bauern widerlegen. Die dortige Bevölkerung organisierte sich sogar in Lesegesellschaften zum gemeinsamen Bezug von Zeitschriften und Büchern, verbunden mit dem geselligen Austausch von Wissen im aufkommenden Zeitalter des Bürgertums.

Diese Archive, ergänzt durch Tagebücher, Zeitungen und Familienfotografien stellen einen bedeutenden Beitrag zur Geschichte des Hofes selbst wie auch zur Sozialgeschichte der Region dar.

     

Das Bertusche Bilderlexikon des 18.Jahrhunderts vermittelt einen farbenreichen Eindruck über die Welt (Quelle: Hofbibliothek Wesermarsch)

 

Blick in ein Hofarchiv (Quelle: Archiv Landkreis Oldenburg)

Frau Dr. Julia Schulte to Bühne ist auf einem Bauernhof in Natrup-Hagen aufgewachsen. Studium der Volkskunde, Pädagogik, Soziologie und Kunstgeschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster, Promotion im Fach Volkskunde. Sie ist als Projektleiterin für Denkmalpflege im Bereich des Museumsdorfes Cloppenburg tätig und hat diesen Artikel auf Wunsch des Heimatvereins Hagen a.T.W. verfasst.

Von Wido Spratte

Zu den Autoren des Osnabrücker Landes, die in ihrer Arbeit immer wieder durch die Schönheiten und Eigenarten ihrer Heimat beeinflusst wurden, gehört Johann Spratte. Er blieb bis ins hohe Alter seiner Heimatgemeinde Hagen, deren Begebenheiten und Menschen in zahlreichen Gedichten und Erzählungen den literarischen Hintergrund bilden, innerlich verbunden.Zu den Autoren des Osnabrücker Landes, die in ihrer Arbeit immer wieder durch die Schönheiten und Eigenarten ihrer Heimat beeinflusst wurden, gehört Johann Spratte. Er blieb bis ins hohe Alter seiner Heimatgemeinde Hagen, deren Begebenheiten und Menschen in zahlreichen Gedichten und Erzählungen den literarischen Hintergrund bilden, innerlich verbunden.

Bereits zu seiner Jugendzeit verfasste er z.B. die Balladen und sagen vom Engelbusch und Meerpohl, zu de späteren Arbeiten gehört auch die Geschichte vom einarmigen Hagener Landstreicher, dem er in der Erzählung „Der schwarze Weihnachtsengel“ ein liebenswertes literarisches Denkmal setzte.

Johann Sprattes Arbeiten finden sich in eigenen Buchausgaben, Anthologien, Heimatbüchern und seit Jahrzehnten in Zeitschriften und Zeitungen. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg strahlten die Sender Köln und Radio Luxemburg Arbeiten von ihm aus. Meisterhaft beherrschte er die plattdeutsche Sprache, die er auch in ihren zarten Tönen dichterisch zum Erklingen bringen konnte.

Der Autor wurde am 14. März 1901 als zehntes Kind des Gastwirtes August Spratte („Brüggenwäert“) geboren. Seine Vorfahren stammten mütterlicherseits aus dem alten Bauerngeschlecht Krützmann, väterlicherseits waren sie Gründung der Beckeroder Eisenhütte aus Bontkirchen bei Brilon in die Gemeinde gekommen.

Nach Besuch der Hagener Volksschule, einer Lehre als Buchbinder und Tätigkeiten im grafischen Gewerbe besuchte der Autor die Kunstgewerbeschule in München. Berufliche Stationen folgten in Dortmund, Hannover und nach 1945 wieder in Osnabrück, wo er bis zum Eintritt in den Ruhestand das Archiv einer Tageszeitung leitete.

Der Dichter erfuhr zu Lebzeiten zahlreiche Ehrungen, auch von seiner Heimatgemeinde. Er starb am 1.September 1991 in Osnabrück-Haste. 1994 beschloss der Hagener Gemeinderat, eine Straße nach Johann Spratte zu benennen.

Eine Auswahl seiner schönsten Gedichte und Geschichten ist 2001 unter dem Titel „Nach all den Jahren. Prosa und Gedichte aus sieben Jahrzehnten“ im Verlag H. Th. Wenner erschienen.

die geistigen Väter des Kirchbaus in Gellenbeck

Von Johannes Brand

Nach einer engagierten und kontroversen Debatte beschloss der Gemeinderat in seiner Sitzung am 22. Juni d. J. die beiden Straßen in dem Baugebiet östlich der Görsmannstraße nach Antonius Tappehorn und Wilhelm Wolf zu benennen. In einer Schlagzeile der Neuen Osnabrücker Zeitung wurden die beiden Namensgeber als „Kirchengründer“ bezeichnet, was sicherlich nicht in allem der Bedeutung dieser beiden gerecht wird und auch unzulässig die Gründung einer Kirchengemeinde auf zwei Personen reduziert. Aber dieses Wort benennt doch die Schnittfläche der beiden Biographien und ihre Bedeutung für die Entwicklung der Niedermark und damit der ganzen Gemeinde Hagen a.T.W.

Wurde in der Gemeinderatssitzung einerseits geklagt, dass doch kaum noch jemand diese Namen kenne und sie deswegen für die Benennung von Straßen ungeeignet seien, so wurde andererseits betont, dass es sehr sinnvoll sein könne, vergessene Namen wieder aus dem Dunkel herauszuholen und die Bedeutung ihrer Träger für die Geschichte Hagens neu zu prüfen und zu würdigen. Dieses soll im Folgenden in aller Kürze und ohne Anspruch auf Vollständigkeit und endgültiges Urteil versucht werden.

Wilhelm Wolf

wurde 1871 in Barsum bei Hildesheim geboren und erhielt seine Ausbildung im Lehrerseminar in Hildesheim. Nach ersten Anstellungen in Nortrup und Rühlertwist kam er zum Schuljahresbeginn 1906 nach Gellenbeck und übernahm hier die Stelle des so genannten „ersten Lehrers“. Die Schule in Gellenbeck umfasste bis dahin drei Klassen, in denen die Schüler aus acht Jahrgängen von zwei Lehrpersonen unterrichtet wurden. 1906 wurde eine dritte Lehrerstelle eingerichtet und es wurden vier Klassen gebildet. (Bei 230 Schülerinnen und Schüler bedeutete das immer noch Klassenstärken von 50 bis 70 Kindern!) Da damals neben der ersten auch die zweite Lehrerstelle neu und die dritte erst-mals zu besetzen war, gab es an der Schule ein komplett neues Kollegium. Offensichtlich ging das junge Team des W. Wolf mit Schwung an die Arbeit. Die Schulchronik verzeichnet bereits im ersten Jahr die Einrichtung einer Schülerbibliothek. Bis dahin hatte man eine solche nicht für notwendig gehalten und die Schüler auf die „Bibliothek des Vereins vom hl Karl Borromäus“ in Hagen, also die Pfarrbücherei,  verwiesen.

Bis 1908 gab es im Kirchspiel Hagen noch eine gemeinsame Trägerschaft für alle Schulen. „Zum 1. April 1908 wurde die Samtschulgemeinde in zwei Schulverbände zerlegt ...“, wie es Wolf in seiner Schulchronik formulierte. Sicher ist das auch gleichzeitig ein wichtiges Datum in der Auseinandersetzung von Ober- und Niedermark, denn neben den Kirchen waren die Schulen längst zu bedeutenden kulturellen und identitätsstiftenden Einrichtungen in den Dörfern geworden. Die Regierung berief in den Schulvorstand der „Schulgemeinde Natrup-Hagen, Gellenbeck, Sudenfeld“, zu der die katholischen Schulen in Gellenbeck und die evangelische Schule in Natrup-Hagen gehörten, neben den drei Ortsvorstehern Witte-Tiemann aus Natrup, Rhotert aus Gellenbeck und Kriege aus Sudenfeld auch den Hagener Pfarrer und der evangelischen Pastor Meyer aus Hasbergen als die zuständigen Lokalschulinspektoren und den Gellenbecker ersten Lehrer Wolf. Für den Letzteren war das ganz sicher ein wesentlicher Schritt: Er ist hier einer der tonangebenden Honoratioren der Niedermark und in diesem Gremium gleichzeitig auch der Fachmann für alle Schulfragen. Im Schulvorstand übernimmt er das Amt des „Rechnungsführers und Kassenverwalters“ Bereits im selben Jahr folgt der Schulvorstand einer Anfrage der Regierung  auf Einrichtung einer Hauptlehrerstelle und „sprach den Wunsch aus, königl. Regierung möge dem ersten Lehrer Wolf die Leitungsbefugnisse eines Hauptlehrers übertragen“, und beschloss auch gleichzeitig die Höhe der Amtszulage, wie es in der Schulchronik nachzulesen ist. Das zeigt noch einmal die Anerkennung, die sich Wolf in den zwei Jahren in Gellenbeck bereits erworben hatte. Nach dem ersten Weltkrieg und weiterem Wachsen der Schule wurde er dann 1920 zum Rektor ernannt.

[Wie sehr er das Schulleben in Gellenbeck geprägt hat, mögen einige Zitate aus den verschiedenen Nachrufen in der Zeitung nach seinem plötzlichen Tod am 22. Februar 1933 zeigen. Das Kollegium seiner Schule: Mehr als die Hälfte der Gemeinde Gellenbeck und Natrup-Hagen betrauert ihren guten treuen Lehrer. Wir verlieren einen lieben väterlichen Kollegen.“ Der Gesamtschulverband: „...verliert der Schulvorstand ... eine treues Mitglied und einen tüchtigen Sachbearbeiter“. Die Gemeinde Gellenbeck: „Besonders trauert ... die Gemeinde Gellenbeck, deren Interessen er als Gemeindevertreter ein warmherziger Förderer war.“]

Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges unterstanden die Schulen kirchlicher Aufsicht. Die Pfarrer waren die örtlichen Schulinspektoren und nahmen zum Schuljahresende jeweils die so genannte „Osterprüfung“ ab, eine Kontrolle des Leistungstandes der Schule. So kam es auch im Schulischen Bereich zu vielen und engen Kontakten zwischen Schulleiter und Pfarrer.

Antonius Tappehorn

wurde 1855 in Vechta geboren. Nach dem Besuch des dortigen Gymnasiums Antonianum studierte er Theologie und wurde 1880 in Eichstätt zum Priester geweiht. Anschließend war er sieben Jahre  lang als Kooperator (Hilfsgeistlicher oder Kaplan) in Wallenhorst. Gegen Ende dieser Tätigkeit „wurde er als Priester in den Diözesanverband des Bistums Osnabrück aufgenommen, dem er vordem, mit Rücksicht auf seinen Geburtsort [Vechta gehört zum Bistum Münster. J.B.] nicht angehörte“, wie es auf dem Totenzettel heißt. Es folgten Kaplansjahre in Osterkappeln (1887 – 1894) und Meppen (1894 – 1900). 1899 bewarb er sich dann um eine Pfarrstelle, wobei er zunächst an die freien Stellen in Bersenbrück und Belm dachte. Die Dringlichkeit seiner Bewerbung begründete er damit, dass nach sechs Jahren das Pfarrerexamen, das er bereits 1893 abgelegt hatte, an Gültigkeit verliere.[1] Ein katholischer Priester wurde damals nicht unbedingt irgendwann auch Pfarrer! Nun, die Stelle in Belm wurde mit dem Hagener Pfarrer Beenken besetzt, und er selbst erhielt vom Bischof die Pfarrstelle an der St.-Martinus-Kirche in Hagen. Den feierlichen Empfang am 10. Mai 1900 durch seine Gemeinde beschreibt Wilhelm Larmann in der Gellenbecker Schulchronik so: „Von etwa 30 – 40 Reitern und 21 Wagen begleitet, traf Hochwürden nachmittags in die festlich geschmückte Gemeinde Hagen ein. Durch eine Ansprache seitens des Herrn Vikars Osthues in Empfang genommen, begab sich  Herr Pastor Tappehorn unter Geleite der fast vollzählig erschienenen Gemeinde in die Kirche, woselbst das Te Deum angestimmt wurde. Unter Vorantritt einer Musikkapelle wurde abends ein Fackelzug dargebracht, großartiges Feuerwerk wurde abgebrannt, der ganze Ort war prächtig illuminiert.“

In welch gewaltigem Kontrast zu diesem prachtvollen Empfang steht dann der Abschied von Hagen 15 Jahre später, den Wilhelm Wolf in derselben Schulchronik so festhält: „Am 5. September verließ der hochw. Herr Pfarrer Tappehorn die Pfarrgemeinde Hagen, um die ihm übertragene Pfarrstelle in Beesten, Kreis Lingen zu übernehmen. Seinem bescheidenen Sinn entsprechend wurde seitens der Gemeinde auf jede äußere Ehrung des langjährigen Pfarrers verzichtet.“

Ein Abschied, der keiner war: Die Gemeinde verzichtete auf jede „äußere Ehre“. So verabschiedete man damals keinen Pfarrer! Es ist offensichtlich, dass sich hinter diesen knappen Worten ein Drama verbirgt. Und doch müssen wir zunächst einmal feststellen, dass für Tappehorns  seelsorgerliche Arbeit in Hagen gewiss gilt, was darüber auf dem Totenzettel zu lesen ist: „15 Jahre hat er dort als Pfarrer eifrig und segensreich gewirkt.“ Aus seiner Gesamtbiografie lässt sich nichts anderes erschließen. Aber warum dann ein solcher Abschied?

Die Gründung der Kirchengemeinde Gellenbeck

Umstritten ist Pfarrer Tappehorn wegen seines Mitwirkens bei der Teilung seiner Kirchengemeinde durch den Bau der Kirche in Gellenbeck in den Jahren 1909 - 1915. Wenn wir dem nun nachgehen, dann müssen wir dabei auch Wilhelm Wolf sehen; denn Hermann Herkenhoff bewertet die Rolle dieser beiden Männer so: „Nun trat Hauptlehrer Wolf als Initiator einen neuen Kirchenbaubewegung auf. Er und Pfarrer Tappehorn wurden die geistigen Väter des Kirchenbauprojektes.“[2]

Die entscheidenden Begegnungen zwischen Pfarrer und Hauptlehrer erzählt uns Hermann Weßels in seiner 1965 erstellten handschriftlichen Chronik der Kirchengemeinde Gellenbeck so: Am 4. April 1909 begleitete der damalige Hauptlehrer Wolf nach einer Schulvorstandssitzung bei Herkenhoff den Pfarrer Tappehorn ein Stück des Weges. Im Laufe des Gespräches kam auch die Rede auf eine eigene Kapelle in Gellenbeck. Dabei gebrauchte Pfarrer Tappehorn die Worte: ‚Wenn Sie ... einen Platz und eine entsprechende Summe Geldes in Aussicht stellen können, wäre darüber zu reden.‘ Diese Bemerkung ließ einen Gesinnungswandel erkennen, da er noch 1905 gegen ein Gotteshaus in Gellenbeck gewesen war. Diese Meinungsänderung war sicherlich dadurch beeinflußt worden, weil das Generalvikariat gegen einen geplanten Kirchenneubau in Hagen eingestellt war. Für die über 5000 zählende Seelenzahl war die Kirche nämlich zu klein...Die übergroße Gemeinde erschien aber der Behörde für eine intensiv ausgerichtete seelsorgerliche Betreuung als wenig geeignet. Dieser Umstand sollte dem Gellenbecker Plan förderlich sein. Als Hauptlehrer W. zurückkehrte, fand er die Mitglieder des Schulvorstandes noch bei Herkenhoff anwesend. Sein Bericht über das Gespräch mit Pfarrer Tappehorn fand aufmerksame Zuhörer. Kolon Johannes Meyer to Bergte, Gellenbeck, stellte spontan einen Bauplatz zur Verfügung ... Kolon Witte-Tiemann in Natrup erklärte sich bereit, die notwendigen Steine aus seinem Steinbruch im Hohlen Berge unentgeltlich abzugeben. Eine sofortige Geldzeichnung ergab den Betrag von rund 2000 Mk. Mit diesen Unterlagen begab sich Hauptlehrer Wolf gegen Ende der gleichen Woche zum Generalvikar Harling in Osnabrück. Dieser sprach seine Freude darüber aus, daß die Angelegenheit von Gellenbeck aus angeregt würde, daß er in Hauptlehrer Wolf eine Person fände, mit der er weiterverhandeln könne, denn die kirchlichen Verhältnisse in der großen Pfarrgemeinde müßten anders geregelt werden. Generalvikar Harling verwarf dabei die Errichtung einer Kapelle und wünschte die Einrichtung einer Kuratiegemeinde ... Am Tage nach dieser Unterredung erstattete Hauptlehrer Wolf dem Pfarrer Tappehorn Bericht über die Verhandlungen mit dem Generalvikar. Pfarrer T. war überrascht und schien mit sich selber zu kämpfen; denn die Trennung von der Pfarrkirche in Hagen hatte er nicht erwartet. Nach geraumer Zeit sprach er darauf: ‚Herr Hauptlehrer, dann ist es Gottes Wille. Ich werde mit Ihnen arbeiten zur Ehre Gottes und spreche Ihnen zu Ihrem Erfolge meinen Glückwunsch aus.!‘“

Diesem Bericht können wir die wesentlichen Faktoren für die Gründung einer eigenständigen Kirchengemeinde in der Niedermark und Hinweise auf die Bedeutung der wichtigsten Beteiligten entnehmen:

1.        Die Bevölkerung der Niedermark war schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts immer wieder bestrebt, einen eigenen Gottesdienstraum zu bekommen, um die z. T. langen Wege zur Kirche zu verkürzen. Das erklärt auch die spontane Spendenbereitschaft.

2.        Das Generalvikariat in Osnabrück trifft die eigentliche Entscheidung zwischen den beiden Alternativen – Neubau der St.- Martinus-Kirche und/oder Kapellenbau in Gellenbeck – zugunsten einer selbstständigen Kirchengemeinde in der Niedermark.

3.        Antonius Tappehorns „Gesinnungswechsel“ dürfte durch die seelsorgerlichen Vorstellungen des Bischofs beeinflusst worden sein. Wenn er sich bereit erklärt, am Aufbau einer neuen Kirchengemeinde und der Teilung seiner Pfarrgemeinde mitzuwirken, entscheidet er sich, und das ist eigentlich normal für einen katholischen Priester, für die Durchsetzung der Ziele seines Bischofs.

4.        Wilhelm Wolf ist, obwohl er erst drei Jahre in Gellenbeck wohnt, offensichtlich der unbestrittene Sprecher der Niedermärker und vielleicht wirklich der „Initiator einer neuen Kirchenbaubewegung“.

In einer öffentlichen Versammlung am Pfingstmontag 1909 stimmten alle Anwesenden dem Kirchbauprojekt zu und wählten ein provisorisches Komitee  aus angesehenen Bauern und Bürgern aus den drei Gemeinden, unter ihnen auch Wilhelm Wolf und Pfarrer Tappehorn. Zum 1. November wurde daraus eine in öffentlicher Wahl ordnungsgemäß gewählte Kommission, in der Wolf zum Vorsitzenden gewählt wurde. Mit viel Elan machte man sich an die Arbeit: Grundstücksverhandlungen, Gründung eines Sammelvereins, Verhandlungen mit dem Generalvikariat und dem Kirchenvorstand der Martinusgemeinde, Planungen mit dem Architekten ...[3]

Auseinandersetzungen

Währenddessen entstand aber auch eine starke Opposition gegen das Kirchbauprojekt. Um die Kirche herum hatte sich seit dem Mittelalter das Kirchdorf mit seinen Geschäften entwickelt, während das übrige Kirchspiel keine geschlossene Bebauung sondern nur Einzelgehöfte aufwies. So war der Kirchbesuch immer auch verbunden mit Einkäufen in den Geschäften und Begegnungen in den Gaststätten. Man musste befürchten, dass sich bei einer neuen Kirche auch ein neues Dorfzentrum entwickeln würde, und dann die Kundschaft den Hagener Geschäftsleuten verlorengehen würde. Für die Wirtsleute war ein sofortiger Verlust abzusehen. So ist zu erklären, dass aus diesen Kreisen dem Kirchbauprojekt Widerstand entgegengesetzt wurde. Auch unter den Katholiken der Niedermark gab es Gegner, die durch den Kirchbau keine nennenswerte Verkürzung des Weges zu erwarten hatten und die hohen Kostenbelastungen fürchteten. So entbrannte im Kirchspiel ein heftiger Kampf, der mit den verschiedensten Mittel geführt wurde: Briefe an das Generalvikariat, Unterschriftensammlungen, Einflussnahme über die kirchlichen Gremien Kirchenvorstand und Gemeindeversammlung, um dadurch den Ablösungsvertrag zu verhindern, leidenschaftlicher Wahlkampf bei den Kirchenvorstandswahlen 1911. Aber neben diesen legitimen Mitteln gab es auch persönliche und anonyme Verunglimpfungen.

Und zwischen den Parteien stand Pfarrer Tappehorn, der dem Kirchenvorstand der Martinusgemeinde und der Gellenbeck Kommission (ab 1913 ebenfalls Kirchenvorstand) angehörte. Er fühlte sich seiner ganzen Gemeinde und dem Projekt der Gemeindeteilung verpflichtet, und das verlangte bei heftigem Widerstand einzelner einflussreicher Leute Unmögliches. Dass der Kirchenbau trotz allem zügig vollendet wurde (Baubeginn Juni 1913, Einweihung am 15.12.1915), ist auch seinem tatkräftigen Engagement zu verdanken. Andererseits konnte es nicht ausbleiben, dass er in den Auseinandersetzungen, die sich schließlich vor Gericht noch bis 1918 hinzogen, zerrieben wurde. Als die Kirche fast fertig war – die Glocke hatte er nach am 3. Juli 1915 geweiht – verzichtete der inzwischen Sechzigjährige auf sein Amt. Im Schreiben vom 16. 8.1915 an seinen Bischof, das wohl im Generalvikariat in vorsichtiger Kanzleisprache verfasst wurde, heißt es nur: „Ex causis Vobis non ignotis neque a Vobis reprobatis libere ac sponte ... resigno ...“[4] (Aus Euch nicht unbekannten und von Euch nicht getadelten Gründen, frei und aus eigenem Antrieb verzichte ich ...  Übers. J.B.). Er verließ seine Gemeinde so schnell und unauffällig, dass nicht einmal die dankbaren Katholiken der Niedermark Gelegenheit hatten, ein Abschiedsgeschenk zu überreichen und „ihm nachträglich das Raffael’sche Bild ‚Disputa‘ großes Format nachgesandt“ haben, wie es in der Schulchronik heißt. In der Gellenbecker Kirche erinnert noch heut das von Franz Hecker gemalte große Altarbild an ihn, aber davon soll in einer der nächsten Ausgaben der Hagener Nachrichten“ erzählt werden.[5]

+ + +

Antonius Tappehorn wurde vom Bischof als Pfarrer nach Beesten versetzt, wo er noch 20 Jahre tätig war. Die Anerkennung, die er sich dort erwarb, zeigt sich darin, dass er von 1921 bis 1926 Kamerar und von 1926 bis 1935 Dechant im Dekanat Freren war und 1930 mit der Ernennung zum Päpstlichen Geheimsekretär geehrt wurde. Erst 1935 im Alter von 80 Jahren ging er in den Ruhestand. Die letzten neun Jahre seines Lebens verbrachte er in Ohrbeck, wo er 1944 starb und auf dem dortigen Friedhof beerdigt wurde. Zwar lebte er zuletzt wieder in unmittelbarer Nähe seiner ersten Pfarrgemeinde, aber es wird erzählt, er habe nach dem 5. September 1015 nie wieder einen Fuß in diese Gemeinde gesetzt.[6]

Wilhelm Wolf war durch seine Verdienste um den Kirchbau zu einer großen Autorität in der Niedermark geworden. Neben seinen Verdiensten als Schulmann und als Kirchenvorstandsmitglied (bis 1929) muss man auch noch den Musiker nennen: 1911 gründete er den Männergesangverein „Cäcilia“ Gellenbeck, und seit der Einweihung der Kirche war er der erste Organist. Aber diese drei Felder seines Lebens und Wirkens lassen sich nicht voneinander trennen: Schule und Kirche gehörten für ihn untrennbar zusammen. Und sowohl die Schulkinder als auch der Männergesangverein bereicherten die Liturgie mit Chorgesang. Hochangesehen starb der seit längerer Zeit kränkelnde Rektor völlig überraschend am 22. Februar 1933 am Herzschlag. In der Schulchronik heißt es: „Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Todesnachricht durch das Dorf. In der Schule war große Bestürzung und Aufregung. Die Anteilnahme war überaus groß. An der Beerdigung nahmen etwa 1200 Menschen teil ... Die Leiche wurde von Lehrern des Kirchspiels Hagen in die Grube gesenkt. Am Grabe sang sein Kirchenchor, Gesangverein Cäcilia.“ Und in einem Artikel einer  Osnabrücker Zeitung, dessen Verfasser sicher in der Niedermark zu Hause war, wird sein Leben so gewürdigt: „Neben seiner erfolgreichen Schularbeit hatte der sehr Verehrte noch Kraft und Zeit, sich öffentlichen Interessen der Gemeinde zu widmen. Hier hat er hervorragende Leistungen vollbracht. Ohne Rektor Wolf wäre Gellenbeck noch keine Kirchengemeinde. Der großartige Kirchenbau ist in der Tat sein schönstes Denkmal geworden.“[7]

Antonius Tappehorn und Wilhelm Wolf haben durch ihren Einsatz als „Kirchengründer“ entscheidend dazu beigetragen, dass die Niedermark ihre eigene Identität weiterentwickelte. Und damit haben sie mit anderen zusammen die Weichen für eine Entwicklung gestellt, die dann 1969 zum Zusammenschluss von Gellenbeck, Natrup-Hagen und Sudenfeld zur Gemeinde Niedermark führte. Aber davon kann man auch nicht die Spannungen trennen, die vor allem seit dem Zusammenschluss der Gemeinden in Ober- und Niedermark zur Gemeinde Hagen a.T.W. im Jahre 1972 immer wieder aufbrechen. Solche Spannungen gab es aber auch schon im 19. Jahrhundert! Wie auch immer Menschen in Hagen, in Ober- und Niedermark zu Leben und Werk dieser beiden Männer stehen, unbestreitbar ist, dass sie wesentlich daran beteiligt waren, dass Hagen sich zu dem entwickelt hat, was es heute ist.


[1] Diözesanarchiv Osnabrück A 110 Nr. 2915

[2] H. Herkenhoff, Die katholische Kirchengemeinde und Kirche in Gellenbeck. In: Hagen a.T.W. – Chronik und Heimatbauch (1976), S. 9 – 20

[3] Die Bau- und Gründungsgeschichte ist ausführlich dargestellt in: 75 Jahre Kirchengemeinde Mariä Himmelfahrt 1915 – 1990. (1990), S. 9 – 30)

[4] Diözesanarchiv Osnabrück A 110 Nr. 2059

[5] Ein umfangreicher Aufsatz erschien zunächst in: Osnabrücker Land 1997 Heimatjahrbuch (S. 284 – 297), eine Kurzfassung  in: Nachrichten aktuell Hagen a.T.W., Heft 4-2000

[6] Nachgewiesen in der Gellenbecker Schulchronik ist allerdings seine Teilnahme an der Einweihung der Gellenbecker Kirche am 15. 12. 1915.

[7] Ohne Datums- und Herkunftsangabe in die Schulchronik Gellenbeck eingeklebt.

Von Rainer Rottmann

Es ist den meisten Lesern wohl bekannt, dass das Dorf Hagen im Jahr 1723 und ein weiteres Mal 1892 von Feuersbrünsten heimgesucht worden ist.

Bei dem ersten großen Brand von 1723 verbrannten 24 Gebäude, bei dem zweiten großen Brand von 1892 immerhin 18 Gebäude. Ein wesentlicher Grund, warum das Feuer bei beiden Brandkatastrophen so rasant um sich greifen konnte, lag eindeutig in der im Ortskern vorhandenen dichten Bebauung, bei der die Häuser zum Teil Wand an Wand standen. Wenn dort ein Haus brannte, war sofort das ganze Dorf akut gefährdet, zumal die meisten Gebäude noch bis zum großen Brand von 1892 Fachwerkbauten waren.

Den Bewohnern des Dorfes war diese latente Gefahr durchaus bewusst. Aus gutem Grund war die um 1780 auf Gemeindekosten angeschaffte fahrbare „Feuerspritze“ in einem Gebäude auf dem Kirchhof, also in unmittelbarer Nähe zum Ortskern, untergebracht. Gleichwohl hatten sich einige Privatleute auch eigene Handdruckwasserspritzen angeschafft. Die im Falle eines Brandes schneller zur Hand waren als die fahrbare Gemeindespritze. Wie wichtig dies sein könnte, zeigt ein Brand aus dem Jahr 1866, der leicht zu einer weiteren verheerenden Feuersbrunst in Hagen hätte werden können.

Hierzu im Einzelnen:

Am Pfingstsonntag, dem 20. Mai 1866, hatten die Einwohner von Hagen einen herrlichen Sonnentag mit fast schon hochsommerlichen Temperaturen erlebt und waren abends mit der Hoffnung auf einen ebenso schönen Pfingstmontag zu Bett gegangen; doch mitten in der Nacht riss der gefürchtete Ruf „FEUER“ die Dorfbewohner aus dem Schlaf. Aus dem Brauhaus unter der Stallung des Gastwirtes Gerhard Wilhelm Beckmann an der Dorfstraße (Dorfstr. Nr. 11) loderte Feuer. Schnell wurden die Kirchenglocken geläutet, um auch die umliegenden Dorfbewohner zu alarmieren und zu Hilfe zu rufen, doch schon bald schlugen helle Flammen auch aus dem großen Gebäude der Gastwirtschaft Beckmann, welches erst 1724 nach dem großen Brand von 1723 errichtet worden war.

Der nächtliche Himmel über Hagen war vom Feuer erleuchtet; umherfliegende Funken setzten schließlich auch noch eine alte Scheune der auf der anderen Straßenseite gelegenen Gastwirtschaft Plantholt (heute Dorfstr. 8) in Brand. Das Feuer drohte um sich zu greifen und manch einer der Dorfbewohner mag die Befürchtung gehabt haben, das Dorf werde von einer Feuersbrunst wie 1723 verzehrt.

In dieser Situation behielt der Schönfärber Clausing einen kühlen Kopf und schaffte seine Handdruckpumpe auf das Dach seines Hauses (Dorfstraße 4), um das Dach seines eigenen und die Dächer der umliegenden Häuser mit Wasser zu bespritzen und so ein Umsichgreifen des Feuers zu verhindern. Der Plan glückte und so konnte durch aktive Mithilfe der Dorfbewohner eine Feuersbrunst verhindert werden; das Dorf Hagen hatte nochmals Glück gehabt und so berichtete die „Osnabrücker Zeitung“ in ihrer Ausgabe vom 28. Mai 1866 lapidar: „Bei Iburg ist in der Nacht vom 20./21. d. 11. das Wohnhaus und die Stallung des Gastwirthes Beckmann zu Hagen abgebrannt. Das nicht versicherte Mobiliar ist meistens mitverbrannt.“

Laut „Osnabrücker Anzeiger“ vom 16.9.1867 zahlte die Feuerversicherung an den Wirt Beckmann eine Entschädigung in Höhe von 950 Talern, an Plantholt 20 Taler und 5 Taler an Clausing für seine bei den Löscharbeiten beschädigte Pumpe.

Den Schutt seiner verbrannten Häuser fuhr der Gastwirt Beckmann auf eine ihm gehörige Wiese im damals noch sumpfigen Maschbrook (Gummiwiese). Mit dem von der Feuerversicherung erhaltenen Geld baute sich Beckmann noch im Verlauf des Jahres 1866 ein großes, repräsentatives Haus aus Bruchstein, welches noch heute die Dorfstraße prägt. Der Inschriftenstein über der Eingangstür lautet:

G. W. Beckmann

M. G. Beckmann geb. Plantholt

1866

Noch in einem Prozess zu Beginn der 1890-er Jahre erinnerte sich ein Zeuge, dass die Gastwirtschaft Beckmann „bei dem großen Brande, er mag im Jahr 1866 gewesen sein“, mit abgebrannt war.

Nur wenige Wochen nach dieser Zeugenaussage brach dann am 17.8.1892 ein wirklicher Großbrand aus, bei dem 18 Gebäude im Ortskern von Hagen ein Raub der Flammen wurden. Die Gastwirtschaft Beckmann aber blieb diesmal verschont. Angesichts der verheerenden Feuersbrunst von 1892 geriet „der große Brand“ bei Beckmann aus dem Jahr 1866 schnell in Vergessenheit, obwohl angesichts der zentralen Lage der Gastwirtschaft Beckmann aus dem Brand von 1866 schnell eine Feuersbrunst hätte entstehen können, die das ganze Dorf hätte vernichten können.

Woher der Goldbach seinen Namen hat

Von Rainer Rottmann

Der Goldbach entspringt südlich des Borgberges in Holperdorp, also auf Lienener Gebiet und mündet nach ca. 18 Kilometern Bachlauf an der Nordspitze der Gemeinde Hasbergen in die Düte. Als Gewässer 2. Ordnung entwässert der Goldbach mit seinen Nebenbächen ein Niederschlagsgebiet von immerhin 80,37 qkm, wobei ein Flächenanteil von 44,65 qkm auf Nordrhein-Westfalen und von 35,72 qkm auf Niedersachsen entfällt.

Die Quelle des Goldbaches liegt, wie bereits oben erwähnt, südlich des 225 m hohen Borgberges in der Nähe des Holperdorper Bauernhofes Keller, auf nordrhein-westfälischem Gebiet. Der kleine Quellbach war schon im Mittelalter zunächst ein Stück seines Weges Grenzbach zwischen den Kirchspielen Lienen und Hagen. Südöstlich vom Borgberg biegt der Bach auf Hagener Gebiet nach Norden ab und speist dort zunächst eine ganze Reihe von gewerblich genutzten Fischteichen.

Noch im Hagener Ortsteil Mentrup fließt ihm neben einer Vielzahl kleiner Quellen und Rinnsale auch der heutige Dillbach mit der Brookbeke zu. In der ehemaligen Hagener Bauerschaft Beckerode biegt der Goldbach nach Westen ab und nimmt das Wasser der Dorfbrunnenquelle und des ehemals sumpfigen Maschbrook auf. Kurz vor der Gellenbecker Mühle kommt von Süden der Sudenfelder Bach, der früher „Gosebeeke“ (Gänsebach) genannt wurde, hinzu. In der Bauerschaft Natrup-Hagen nimmt der Goldbach schließlich das Wasser des von Norden kommenden Hagenbaches auf, dessen stark sprudelnde Quelle sich auf dem ehemaligen Hof Wellmann (Quellmann) am Lotter Weg (Haus-Nr. 56) befindet. An der Natruper Mühle, also kurz vor dem Verlassen des Hagener Gemeindegebietes, ist so aus dem kleinen, am Südrand des Borgberges entspringenden Rinnsal, ein durchaus ansehnlicher Bach geworden.

Etwa 150 Meter unterhalb der Natruper Mühle fließt von Osten auf Hasberger Gebiet der Sunderbach zu. Weitere 200 Meter bachabwärts liegt unmittelbar östlich des Goldbaches in einer Wiese die kaum noch sichtbare Ruine der ehemaligen Wasserburg Haslage. Von hier aus bachabwärts nach Norden bis zu der in Gaste gelegenen Brücke der Kreisstraße K8 markiert der Goldbach die Landesgrenze zwischen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Unterwegs fließen dem Goldbach von Westen zunächst der auch durch Natrup-Hagen fließende Leedener Mühlenbach (mit Elsebieke, Hönebach mit Roter Bach, Früchtebach mit Pötterbach und Pastorenbach) sowie der Osterberger Mühlenbach (mit Baumbach) zu. Etwa 500 Meter nordnordöstlich der oben erwähnten Brücke der Kreisstraße K 8 mündet der Goldbach schließlich in die Düte, deren Wasser über Hase und Ems in die Nordsee fließt.

Allein auf dem Gebiet der Gemeinde Hagen a.T.W. lassen sich vom Mittelalter bis in das 20. Jahrhundert neun(!) Wassermühlen nachweisen, die vom Goldbach und seinen Nebenbächen getrieben wurden. Der Goldbach wurde daher in Hagen früher schlicht und zutreffend nur „der Mühlenbach“ genannt, während seine Nebenbäche wie Dillbach, Brookbeke, Gosebeke, Hönebach, Roterbach und Hagenbach zumindest schon im 18./19. Jahrhundert unter ihren auch heute noch gebräuchlichen Eigennamen erwähnt werden.

In einem Mühlenregister von 1810, also aus Napoleonischer Zeit, heißt es dagegen bezüglich des Goldbaches: „Le ruisseau n`a pas de denomination“, was so viel bedeutet wie: Der Bach hat keinen (speziellen) Namen.

Auch die Gründer und Betreiber der Beckeroder Eisenhütte bezeichneten von 1836 bis 1856 den Goldbach, dessen Wasserkraft sie für den Antrieb des Hochofengebläses und der Getriebe der Mechanischen Werkstatt nutzten, ausschließlich als „Mühlenbach“.

Erstmals im Jahre 1871 taucht für Hagen in einer Beschreibung der Hagener Gemeindegrenzen die Bezeichnung „Mühlenbach respective Goldbach“ auf. Ab dem Ende des 19. Jahrhunderts bürgerte sich dann zunehmend auch in Hagen der heute gebräuchliche Name „Goldbach“ ein. In dem Gewässer selbst wurde indes niemals das begehrte Edelmetall gefunden – woher stammt also der Name?

Gelegentlich wird die Überlegung geäußert, der Name sei mit dem Hagener Hofnamen Meyer zu Gellenbeck in Verbindung zu bringen. Der Name Gellenbeck wird dabei vom niederdeutschen Wort „gehl“ (gelb) abgeleitet und würde demnach „Gelb(er) Bach“ bedeuten. Es könnte eine Anspielung darauf sein, dass der Bach bei Hochwasser größere Mengen Sand und Lehm aus den umliegenden Bergen mit sich führt und dadurch zeitweise eine gelbliche Trübung annimmt.

Eine andere Spur bei der Namensdeutung führt nach Norden in die Nähe des Mündungsbereiches des Baches. Dort liegen unmittelbar nördlich des Goldbaches in der Lotter Bauerschaft Gohfeld der so genannte „Goldhügel“ und die beiden Bauernhöfe Goldmeyer und Goldmann. Vielleicht handelt es sich bei dem Goldhügel um einen vorgeschichtlichen Grabhügel, bei dessen mutmaßlicher Zerstörung Gegenstände aus Edelmetall (Bronze/Gold) gefunden wurden, die zur Namensgebung Anlass geben.

Schon 1553 heißt es jedenfalls in der Jagdbeschreibung eines Tecklenburger Jägers, die Jagd sei unter anderem geführt worden „hinter Wambergen und des Buddelmeyer Hause nach dem Gaster Bach, rechts auf die Höltingsbank an der Refler Heide, (dann über den Goldbach) und hinter dem Golthövel (Goldhügel) her, da der Goltmeyer wonet“ (Hof Goldmeyer, später Hof Gastmann, jetzt „Landcafé zum Goldbach“). Von dort zog die Jagdgesellschaft das links der Düte liegende „Atter Feld“ hinauf bis Atter, dann über das Mühlenwehr bei Meyer zu Hetlage zurück über die Düte bis hin nach Gut Leye.

Dieser nahe am Unterlauf des Baches gelegene „Goldhügel“ dürfte im Lauf der Jahrhunderte vermutlich dem gesamten Bach nach und nach den heutigen Namen gegeben haben.

Diese Vermutung ergibt sich auch aus einer Akte vom Jahre 1835. Als die Osnabrücker Firma Weymann & Meese im Jahre 1834 bei der Osnabrücker Landdrostei den Antrag stellte, an der Düte in Hellern einen durch Wasserkraft getriebenen „Eisenhammer“ anlegen zu dürfen, erhob der Meyer zu Hetlage als Eigentümer einer unterhalb gelegenen Wassermühle Einwendungen, weil er Wassermangel in der Düte befürchtete. Die Beschwerde wurde 1835 zurückgewiesen, weil nachgewiesen werden konnte, „dass sämtliche am Goldbach und dessen Nebenläufen belegenen Mühlen“ selbst in trockenem Sommer noch hinreichend Wasser hätten, zumal „der Goldbach eine größere Wassermasse als die Düte selbst mit sich führe“.

Schon 1835 führte der Goldbach also im Unterlauf den heute gebräuchlichen Namen und zwar hinauf bis zu seinen Nebenbächen, bei denen es sich dann zumindest um die ersten zwei bachaufwärts gelegenen Nebenläufe, also den Osterberger Mühlenbach und den Leedener Mühlenbach, gehandelt haben muss.

1835 hieß der Goldbach in  Gaste und Hasbergen also schon „Goldbach“, während er in Hagen noch schlicht und einfach als „Mühlenbach“ bezeichnet wurde. Vermutlich ist also der Name „Goldbach“ im Laufe der Zeit den Bach hinaufgewandert und wurde erst ab etwas 1871 auch in Hagen gebräuchlich.

Es bleibt dann jedoch die Frage, woher der Hof Meyer zu Gellenbeck und die gleichnamige Bauerschaft ihre Bezeichnung ableiten.

Von Johannes Brand

Unter der Schlagzeile „Fabriktor oder Sonnenaufgang in Stahl“ berichtete die NOZ am 25. 11. 1994 über eine Diskussion im Friedhofsausschuss zur Neugestaltung des Friedhofszuganges in Gellenbeck. Tatsächlich stehen rund um den Gellenbecker Friedhof Änderungen in zweifacher Hinsicht an: Der für die wachsende Bevölkerung der Niedermark zu klein gewordene Friedhof muss erweitert werden. Und im Rahmen der Dorferneuerung in der Niedermark soll das Ortsbild auch rund um den Friedhof verbessert werden. Doch werfen wir zunächst den Blick zurück in seine fast achtzigjährige Geschichte.

Bei den ersten Planungen für einen Kirchenbau in Gellenbeck war es für die Menschen selbstverständlich, auch einen Friedhof anzulegen. Denn der gehörte nach ihrer Auffassung nun einmal zu einer Kirchengemeinde dazu. Der Architekt Albert Feldwisch-Drentrup hatte in seinem ersten Entwurf vom 16. 08. 1909 einen Friedhof an der Südseite der Kirche geplant und der Kirchenvorstand sofort einen notwendigen Grundstückstausch eingeleitet. – Nun ist es uralte christliche Tradition, die Toten in oder bei der Kirche „in geweihter Erde“ beizusetzen, so dass eine solche Planung nahe lag. Aber überall in Deutschland wurden im 19. Jahrhundert als Folge des Wachstums der Städte und Gemeinden die Kirchhöfe als Begräbnisstätten aufgegeben, da sie zu klein wurden oder zum Schutz des Grundwassers als Trinkwasserreservoir. So geschah es auch in Hagen im Jahre 1884.

Grundwasserprobleme waren es dann auch, die den Kirchenvorstand veranlassten, einen anderen Standort zu suchen. Ein geeignetes Gelände fand man etwa 600 m östlich der Kirche auf einer Anhöhe, die etwa 15 m höher als der Kirchplatz liegt und als eiszeitliche Aufschüttung aus lockerem und wasserdurchlässigem Boden besteht und damit den damaligen behördlichen Vorschriften entsprach. Wieder war ein Grundstückstausch notwendig: Der Besitzer Meyer zu Gellenbeck erhielt für die 3540 m² große Fläche im Verhältnis 2:1 1770 m² besseren Ackerboden südlich der Kirche. Das Grundstücksgeschäft kam schließlich am 23. 06. 1916 durch einen Beschluss des Kirchenvorstands zum Abschluss. Aber da hatte bereits die erste Beerdigung auf dem neuen Friedhof stattgefunden (08. 06. 1916)!

Aber erst allmählich gewann in den folgenden Jahren der Friedhof eine würdige Gestalt: „Die Parzellen waren uneben, und sie wurden durch freiwillige Hilfe planiert“, schreibt H. Weßels in seiner Chronik der Kirchengemeinde aus dem Jahre 1965. Im Herbst 1916 wurde der Friedhof zunächst mit einem Zaun aus Weidendraht umgeben und eine Hainbuchenhecke gepflanzt. Die Anhöhe, auf der der Friedhof angelegt wurde, trug im Volksmund den Flurnamen „Giämke Lauh“ (Gellenbecker Busch). Zumindest auf einem Teil des Friedhofs stand 1916 noch ein wenig Wald, den der Vorbesitzer im Winter 1916/17 abholzte. Deswegen kam es im Januar 1917 zu einer Kontroverse mit dem Kirchenvorstand, der der Meinung war, dass das Holz mitbeworben worden sei, da keine besondere Vereinbarung beim Grundstückstausch getroffen worden sei. – Ab 1918 wurde dann die Sandsteinmauer errichtet. Wie H. Weßels berichtet, baute der Maurermeister Friedrich Schönhoff den Torbogen zur Natruper Straße nach einer Vorlage, die er aus belgischer Kriegsgefangenschaft mitgebracht hatte. Ein Foto, das im Kirchenboten am 27. 11. 1938 erschien, zeigt darin ein mächtiges zweiflügeliges hölzernes Tor. –  Dem Protokollbuch des Kirchenvorstandes können wir entnehmen, dass erst am 9. 11. 1928 beschlossen wurde, „die Beschaffung eines Friedhofskreuzes in die Wege zu leiten“. Der Anstoß dazu dürfte von Pastor Görsmann gekommen sein, wie auch der Finanzierungsvorschlag: Den Mitgliedern der Jungfrauensodalität, deren Präses der Pastor war, wurde gleichzeitig die „Erlaubnis“ erteilt, „... dieser halb von Zeit zu Zeit eine Sammlung von Haus zu Haus zu veranstalten. Die erste Sammlung soll noch vor Weihnachten 1928 gehaltenwerden.“ Das Kreuz, das dann im Oktober 1929 von der Firma Wiehemeyer in Osnabrück geliefert wurde, kostete den nicht unerheblichen Betrag von 1400 RM. (Zum Vergleich: Der Jahresetat der Kirchengemeinde belief sich 1929 auf „nur“ 4436 RM.) Seinen Standort fand es an der südlichen Mauer des Friedhofs gegenüber dem Eingangstor.

Wie sehr der neue Friedhof sofort selbstverständlicher Bestandteil der neuen Kirchengemeinde wurde, zeigt eine Bemerkung von Pastor Görsmann in seinem „Neujahrsgruß an unsere lieben Soldaten“ vom Dezember 1917: „So hatten wir im Jahre 1916 23 Tote: 8 Kinder und 15 Erwachsene, und in diesem Jahr 22 Tote: 7 Kinder und 15 Erwachsene ... Von all diesen Verstorbenen sind 10 in Hagen beerdigt worden, die übrigen haben ihr Plätzchen auf unserem neuen Friedhof gefunden...“ Ab Juni 1916 wurde kaum noch jemand in Hagen beerdigt. Viele Familien legten sich schnell z. T. große und repräsentative Erbbegräbnisstätten auf ihrem neuen Friedhof zu. Zwar sagt die Friedhofsordnung von 1917 ausdrücklich, dass der Friedhof für die Katholiken der Niedermark vorgesehen sei, aber mit Genehmigung des Pastors durften auch andere Personen beerdigt werden.

Das Wachstum der Bevölkerung in der Niedermark erforderte 1952 und 1963 erste Vergrößerungen des Friedhofs. Als man 1910 die Gründung der Kirchengemeinde plante, wohnten 1663 Menschen in der Niedermark, 1933 waren es bereits 2318 und 1950 schon 3438 Personen. So wurde der Friedhof 1952 durch den Zukauf von 2400 m² um zwei Drittel nach Süden hin vergrößert. Zehn Jahre später wurden weitere 4700m² westlich und südlich des bisherigen Friedhofs in Erbpacht erworben, wodurch er noch einmal um fast 80 % erweitert wurde. Der Friedhof war nun dreimal so groß wie 1916.

Infolge des letzten Grunderwerbs wurde nun der Friedhof grundlegend und tiefgreifend verändert und umgestaltet nach den Plänen des Gartenarchitekten Hempelmann aus Lohne (Oldenburg), der bereits 1943 eine Neuordnung und -gestaltung des Friedhofs erarbeitet hatte. Kernstück der Neugestaltung war jetzt der Bau einer Friedhofkapelle im Westen des Friedhofs. Über die Notwendigkeit dieses Baus schreibt H. Weßels; „Durch den Zugang vieler neuer Häuser mit kleinen Wohnungen war in Sterbefällen die Aufbahrung der Leiche kaum möglich. Eine Leichenhalle war aus hygienischen Gründen zur Notwendigkeit geworden. Zudem sprach noch ein anderer Grund für die baldige Durchführung. Bislang wurden die Leichen vor der Kirche eingesegnet. Der Leichenzug zum Friedhof bildete ein Hindernis für den wachsenden Autoverkehr, gleichzeitig wuchs die Gefahr für die Teilnehmer.“ Konsequenterweise wurde nun auch ein Parkplatz angelegt. Nicht zuletzt auch aus Verkehrssicherheitsbedenken wurde das Tor zur Natruper Straße mit einem schmiedeeisernen Gitter verschlossen. Das bisherige Tor baute man in den neuen Zugang zwischen Parkplatz und Kapelle ein. Hempelmann gab nun der Friedhofsanlage eine ganz neue Hauptachse, indem das Friedhofskreuz an die Ostmauer gegenüber der Kapelle versetzt wurde. Da es auf katholischen Friedhöfen üblich ist, verstorbene Priester beim Kreuz beizusetzen, wurde auch die Urne mit der Asche des 1942 im KZ Dachau verstorbenen Pastors Gustav Görsmann dorthin umgebettet

Nachdem 1987 bereits etwa 8000 m² Grundfläche westlich des Friedhofs erworben worden waren, der heutige große Parkplatz, wurden in den 90-er Jahren des 20. Jahrhunderts weitere ca. 10 000 m² südlich des Friedhofs erworben, so dass der Friedhof nun für die nächsten Generationen über genügend Fläche verfügen dürfte. Erst ein Teil dieser Fläche ist bisher in Nutzung genommen worden. Dann wurde die alte kleine Friedhofskapelle abgerissen und an ihrer Stelle 1999 eine neue große nach den Plänen der Architekten Krämer und Susok aus Lingen gebaut. Besonders sind darin die Fenster vom Rottweiler Künstler Tobias Kammerer sehenswert. In diesem Zusammenhang wurde auch der gesamte Bereich um die Kapelle herum neu gestaltet. Dabei erhielt der Friedhof drei neu gestaltete Zugänge: Das alte Tor an der Natruper Straße wurde mit schmiedeeisernen Torflügeln wieder geöffnet, der seinerzeitige Haupteingang wurde in eine neue, der Kapelle angepasste Mauer eingelassen. Sehenswert ist dort das Bronzerelief „Ostermorgen“ von Bernhard Gewers. Vom neuen Parkplatz führt ein weiteres Tor zum Haupteingang der Kapelle. In dieses wurden Medaillons mit symbolischen Figuren zum Thema Tod und Auferstehung, ebenfalls von Bernhard Gewers, eingelassen.

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