Die Reformation und ihre Auswirkungen auf Hagen

VORTRAG VON RAINER ROTTMANN

Bericht der Neuen Osnabrücker Zeitung vom 07.04.2017

Rainer Rottmann zeigte auch jenes Messbuch, das während der Jahre auf dem Altar der Kirche fortwährend seinen Platz hatte. Daraus kann gefolgert werden, dass während dieser Zeit vorrangig Elemente der römisch-katholischen Kirche verwendet wurden. Foto: Thomas Plogmann

Hagen. „Es ist ein Thema, das alle seit 500 Jahren beschäftigt, gleichwohl aber bislang nicht aufgearbeitet ist“, machte Rainer Rottmann, langjähriger Vorsitzender des Hagener Heimatvereins, gleich zu Beginn seines Lichtbildervortrags über die Auswirkungen der Reformation in Hagen deutlich.

Gut 60 Zuhörer folgten im Bürgerhaus Natrup-Hagen gebannt seinen Ausführungen.

Früh war die Kunde von Luthers Kampf zum Beispiel gegen den Ablasshandel auch nach Hagen gedrungen. In den 30er Jahren des 16. Jahrhunderts kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Dorfbewohner protestierten gegen einen Ablassbrief, mit dessen Erlös der Kirchturm der Kirche renoviert werden sollte. Rottmann: „Gegen eine Zahlung eines Betrags sollten bestimmte zeitliche Sünden vergeben werden, wenn gleichzeitig fünf Vater unser und fünf Ave Maria gebetet wurden.“

Wahrer Glaube und Ketzerei

Es folgten erste Übertritte zu den „Lutheranern“ und der Bewegung der Wiedertäufer. Noch aber versuchte sich die kirchliche Obrigkeit, gegen diese bedrohlichen Anfänge zu wehren. Wiederholt wurden „Ketzer“ an den Pranger gestellt: In den Jahren 1530 und 1535 mussten zwei von ihnen 30 beziehungsweise 12 Golddukaten Strafe zahlen. Verunsicherung sowie die immer brennendere Frage nach dem „wahren“ Glauben konnten diese Maßnahmen allerdings nicht eindämmen.

Pfarrerverschleiß in Hagen

In Hagen konnte dies vor allem an den Seelsorgern der katholischen Kirchengemeinde beobachtet werden. In 35 Jahren – von 1525 bis 1560 – gab es zum Beispiel nicht weniger als sechs Pfarrer. „Sie folgten in schnellem Wechsel aufeinander“, führte Rottmann aus, „bereits nach wenigen Jahren wurden sie versetzt oder gaben auf.“ Die genauen Gründe für diesen „Pfarrerschwund“ konnten allerdings nicht geklärt werden.

Glaubenswandel

Eine mehr als trügerische Ruhe kehrte in der nächsten Zeit mit Pfarrer Hermann Kruse ein. Stolze 30 Jahre lebte und wirkte er in der Gemeinde. Dass er verheiratet war und mehrere Kinder hatte, mag als Indiz für die Auflösung beziehungsweise Infragestellung alter Normen und Gesetze gelten. Auch die Frage, ob er überhaupt Gottesdienste nach dem römischen Ritus hielt, bleibt ungeklärt. Wahrscheinlich mischten sich katholische und protestantische Elemente in den Messfeiern. Verbrieft ist lediglich, dass die Kommunion unter beiderlei Gestalten gereicht wurde.

Pfarrer Kruse und seine Söhne

Wie wenig Einfluss die kirchliche Obrigkeit auf das Verhalten seiner Seelsorger Mitte des 16. Jahrhunderts bis weit ins nächste Jahrhundert hinein hatte, macht auch die Tatsache deutlich, dass Pfarrer Kruse wie selbstverständlich zwei seiner Söhne nacheinander als Pfarrer der Hagener Gemeinde folgten. Auch sie waren verheiratet und hatten Kinder. Alte Schriften sprechen von schlimmen Zuständen in der Kirche selbst: Sie wirkte vernachlässigt und verschmutzt. Rottmann: „Das einzige Indiz dafür, dass sich die Kruses für katholisch hielten, war ein Messbuch auf dem Altar, das eindeutig den römisch-katholischen Messverlauf wiedergibt.“

Spaltungen und kein Pfarrer

Der Höhepunkt dieser unruhigen bis chaotischen Zeiten war erreicht, als es drei Jahre lang, von 1633 bis 1636, gar keinen Pfarrer in Hagen gab. Dass die Gemeinde nach dem Westfälischen Frieden als katholisch geführt wurde, schließt man aus der Tatsache, dass ab Mitte des 17. Jahrhunderts genauestens Buch geführt wurde über Taufen, Eheschließungen und Begräbnisse. „Insgesamt ist diese Beweisführung allerdings bruchstückhaft“, räumte Rottmann ein, „da immer mal wieder von einem lutherischen Glaubensbekenntnis die Rede ist.“ Unbestritten ist jedoch, dass es auch sehr leidvolle Jahrzehnte waren. Der tiefe Riss der Glaubensspaltung zog auch Familien in seinen Sog, wenn ein Teil sich zum katholischen Glauben bekannte, der andere jedoch protestantisch wurde.

Katholische Verhältnisse

Volkszählungen, die ab dem ausgehenden 17. Jahrhundert fast alle 100 Jahre durchgeführt wurden, vermitteln wieder eindeutige Verhältnisse: 65 Prozent bekannten sich zum Katholizismus. 1757 waren die Zahlen noch eindeutiger: Von 273 Hagener Familien waren 233 katholisch.