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aus Nachrichten aktuell Hagen a.T.W.
Kapitel 1: 4/2014, S. 11-12
Kapitel 2: 2/2015, S. 14-15
Kapitel 3: 4/2015, S. 24-25
Kapitel 4: 2/2016, S. 19-20
Kapitel 5: 5/2016, S. 9-10
Kapitel 6: 2/2017, S. 13-14
Kapitel 7: 4/2017, S. 11-13
Kapitel 8: 1/2018, S. 9-10
Kapitel 9: 3/2018, S. 10
Kapitel 10: 5/2018, S. 9-10
 
Der Erste Weltkrieg  im Spiegel der Hagener Schulchroniken

Johannes Brand

Am 1. August 1914 mündete die mit dem Attentat von Sarajewo als österreichisch-serbischer Konflikt begonnene „Julikrise“ in einen Krieg, der innerhalb weniger Tage große Teile Europa ergriff und bereits nach kurzer Zeit allgemein als „Weltkrieg“ bezeichnet wurde. Wenn auch die Kampfhandlungen weitestgehend außerhalb Deutschlands stattfanden, war doch die deutsche Bevölkerung von Anfang an in allen Lebensbereichen betroffen: Der Tod von Soldaten, Mangel an Nahrungsmitteln, Rohstoffen, Arbeitskräften betraf jedermann in der Heimat.

Davon berichten auch die Schulchroniken, die an den fünf Hagener Schulen geführt wurden. Die Lehrer hatten die Aufgabe, nicht nur das eigene Schulleben schuljahrsweise festzuhalten, sondern auch wichtige Ereignisse im Leben der Gemeinde zu dokumentieren. Dieser Aufgabe sind sie in ganz unterschiedlicher Weise nachgekommen. Im Folgenden soll nun versucht werden, die Auswirkungen des Krieges auf die Hagener Bevölkerung anhand der Schulchroniken nachzuzeichnen. Das ist nicht immer ganz einfach, da die Schulchroniken aus verschiedenen Gründen während des ersten Weltkriegs nicht immer streng nach Schuljahren geführt wurden.

 

 

  1. 1. Der Kriegsausbruch 1914

Ausdrücklich sollten in den Schulchroniken nicht „allgemein geschichtliche Ereignisse und bezügliche Betrachtungen, politische und religiöse Erörterungen“ aufgenommen werden und es wurde eine „rein sachliche Darstellung“ gefordert. Dennoch geraten die Darstellungen des Kriegsausbruchs 1914 doch recht unterschiedlich:

     Nach der Versetzung Kramers – der zweite Lehrer Heinrich Heine war als Freiwilliger Sanitätssoldat im Kriegseinsatz – setzte der Vertretungslehrer Diessel noch eins drauf: „Für Deutschland war der entscheidende Schritt gekommen. Trotz aller Sorge für die Erhaltung des Friedens mußte es den Krieg erklären … ‚Deutschland kämpft gegen eine Welt von Waffen.‘ Wir verzagen nicht, mit Gottes Hilfe geht es in den Kampf … Voll Begeisterung zogen die Vaterlandsverteidiger hinaus, um sich als tapfere Deutsch zu bewähren.“

     Doch gleich groß ist auch der Neid seiner Rivalen, besonders Englands. Schon seit Jahren sann deshalb die englische Diplomatie darauf, Mittel und Wege zu finden, Deutschlands Einfluß zu unterdrücken und gar zu zerstören. Da den Engländern im freien Wettbewerb der Kräfte solches nicht möglich war, griff man zu anderen Mitteln – Schlecht waren diese Mittel. Lüge und Verleumdung, Aufreizung fremder Völker, geheime Bündnisse zur Einkreisung Deutschlands, jedes Mittel war den Engländern recht, wenn es nur zum gewünschten Ziele führen konnte. Doch unsere Regierung hielt treue Wacht. Unermüdlich arbeitete sie an der Kräftigung der deutschen Wehrmacht und Kampfbereitschaft, um gerüstet dazustehen, wenn der schon lange profezeite Weltkrieg zum Ausbruch kommen sollte. Ehe man es erwartete, war er da. Der Fürstenmord zu Sarajewo brachte den Stein ins Rollen. Unsere feindlichen Nachbarn, besonders Rußland, zogen ungeheure Heeresmassen an den deutschen Grenzen zusammen; der Siegesmarsch nach Berlin sollte beginnen. Dem zuvorzukommen erklärte Deutschland an Rußland den Krieg, nachdem am 2. August 1914 die Mobilmachung der gesamten deutschen Heeresmacht zu Lande und zu Wasser befohlen war. Nicht lange ließ die Kriegserklärung Frankreichs und Englands auf sich warten. Doch frohgemut zog das deutsche Heer dem Kampfe für das Bestehen des Vaterlandes entgegen; das ganze deutsche Volk nahm innigsten Anteil an der Arbeit seiner Söhne. Überall regten sich die Hände der Zurückgebliebenen, um den hinziehenden Kriegern sowohl als den Zurückgebliebenen tatkräftig zu helfen.“ Nun, die andere Seite des Krieges wird Georg Klumpe noch zu spüren bekommen haben; der deutschen Niederlage 1918 widmet er später kein Wort.

Interessant aber ist, dass in keiner der Schulchroniken dem angeblichen Erzfeind Frankreich die Schuld am Krieg gegeben wird. Dagegen überrascht, wie ausführlich Klumpe in der Konkurrenz der nach Weltmacht strebenden Großmächte England und Deutschland die Ursache des Krieges sieht, wenn auch den Engländern pure Bosheit unterstellt wird und die deutsche Regierung als Inbegriff der Friedfertigkeit und Tugendhaftigkeit erscheint.

  1. Erste Folgen des Kriegsausbruchs in der Heimat

Lehrermangel

„Am 5. November 1914 wird Lehrer Escher zum Heeresdienst eingezogen. Und so greift auch der Weltkrieg direkt in das Hagener Schulleben ein.“ So lakonisch erwähnt Georg Klumpe in der Hagener Schulchronik zunächst den Kriegsausbruch. Bei acht Lehrerstellen an der Schule war der Unterrichtsausfall noch leicht aufzufangen. Aber bald wurde die Situation kritisch: „… ihm folgten am 1. November 1915 Lehrer Brankamp u. Lehrer Müller. Für die fehlenden Kräfte konnte kein Ersatz geschaffen werden … Gerne übernahmen die zurück gebliebenen Lehrpersonen die schwere Arbeit, die verwaisten Klassen mit zu versorgen. Doch mußte der Unterricht sehr gekürzt werden, … da 11 Klassen von 6 Lehrpersonen fortgeführt werden mußten.“

 

Während die beiden einklassigen Schulen Natrup-Hagen und Mentrup während des ganzen Krieges gar nicht von Einberufungen betroffen waren, war die Situation an der Schule Sudenfeld allerdings besonders kritisch: Der Zweite Lehrer Heinrich Heine hatte sich am 11. August 1914 freiwillig als Krankenpfleger an die Front beworben; zum 1. Oktober wurde der erste Lehrer Franz Kramer, der nun alleine alle Schüler zu unterrichten hatte, versetzt. Als Vertretung kam vorübergehend Lehrer Diessel, der aber gleich erkrankte, sodass zunächst Heinrich Krallmann aus Gellenbeck, kurzzeitig die Vertretung übernehmen musste. Als Heine bereits Ende Februar 1915 „wegen starker Nervenzerrüttung in die Heimat zurückkehrte“ wurde Diessel versetzt und Heine hatte bis zum Kriegsende die mehr als 100 Schulkinder der beiden Klassen alleine zu versorgen. Zum Kriegsende zog Heine dann auch Bilanz: „Durch die dadurch herabgeminderte Stundenzahl für die einzelnen Abteilungen ist natürlich ein Rückgang der Leistungen der Schüler selbstverständlich gewesen. Es werden 2-3 Jahre vergehen, bis diese Lücke wieder ausgefüllt ist.“

 

In Gellenbeck mit vier Lehrerstellen war die Situation trotz der Einberufung von Heinrich Krallmann (Februar 1915) noch erträglich.

 

Erste Gefallene

In den Chroniken von Sudenfeld und Natrup-Hagen wurden Listen aller Soldaten aus der jeweiligen Schulgemeinde angelegt und zumindest in Sudenfeld auch bis zum Ende geführt. Andere Schulen begnügten sich mit gelegentlichen Zahlen. Vier der im ersten Kriegsjahr Gefallenen werden besonders erwähnt: Der Offizierstellvertreter Alexander Meyer zu Mecklendorf († 26.09.14), der Reservist Joh. Grave († 13.09.14) und der Lehrer Heinrich Kriege († 22.10.14) aus Sudenfeld und Hermann Minnerup aus Mentrup, der seit dem 06.09.14 als vermisst galt († 16.02.15). Die Dokumentation von Johannes Ehrenbrink aus dem Jahre 1997 über die Gefallenen beider Weltkriege zählt im ersten Kriegsjahr insgesamt 35 gefallene Soldaten aus der Samtgemeinde Hagen. (Der oben erwähnte Johann Grave wird dort zur Gemeinde Mentrup gezählt.)

Arbeitskräftemangel

Für das Schuljahr 1914/15 nennen einige Schulchroniken, die bisher eingezogenen Soldaten aus der jeweiligen Schulgemeinde (Mentrup 20, Natrup-Hagen 19, Sudenfeld 38). Es fehlten also plötzlich zahlreiche Arbeitskräfte. Wie wenig die Regierung auf eine Kriegswirtschaft vorbereitet war, zeigen die ersten Maßnahmen zur Behebung des Arbeitskräftemangels: „Da es mitten in der Ernte war, erließ der Herr Landrat von Breitenbuch in Iburg im Iburger Kreisblatt vom 8. August einen Aufruf zur Hülfe für unsere Landwirtschaft im Kreise Iburg. Danach wird die Jugend vom 12. bis 16. Lebensjahr aufgefordert, sich den Landwirten zur Arbeitsleistung zur Verfügung zu stellen, gegen freie Beköstigung und Wohnung. Der Aufruf besagt weiter: ‚Wer zu Hause oder bei den Nachbarn dringende Arbeit findet, geht sofort dorthin und braucht sich nicht besonders zu melden.‘ Von diesem Aufruf wurde hinreichend Gebrauch gemacht. Viele Kinder wurden zu landwirtschaftlichen Arbeiten begehrt u. herangezogen. Der planmäßige Schulunterricht mußte sehr leiden.“ (Schulchronik Gellenbeck)

Eine zweite Maßnahme war dann die vorzeitige Entlassung von einzelnen Schülern des achten Jahrgangs zur Arbeit im Hüttenwerk und bei der Firma Stahmer in Georgsmarienhütte. Erstmals wird in diesem Zusammenhang auch von weiblichen Arbeitskräften berichtet, die im Hüttenwerk zu schweren Arbeiten herangezogen wurden.

Im Zusammenhang mit den militärischen Erfolgen an der Ostfront wurden Hunderttausende von russischen Soldaten gefangen genommen. Diese wurden zum großen Teil nach Deutschland verbracht, um dort die im Krieg befindlichen Arbeitskräfte zu ersetzten. Heuermann berichtet: „Zur Hilfeleistung bei den landwirtschaftlichen Arbeiten waren der Gemeinde Hagen 22 gefangene Russen überwiesen, man war mit ihnen durchaus zufrieden.“ Anerkennung klingt auch mit, wenn Wilhelm Wolf in der Gellenbecker Schulchronik im Zusammenhang mit der Einweihung der Gellenbecker Kirche erzählt: „Der Kirchplatz war in den Tagen vorher planiert und schön geschmückt … nach einem Entwurf des Mühlenbesitzers Höpke. Ausgeführt wurden die gärtnerischen Arbeiten von Höpkes gefangenem Russen Urban.“ Hier hat der Kriegsgefangene sogar einen Namen! Diese Anerkennung für die Arbeitsleistung der Russen ist noch weit entfernt von der menschenverachtenden und mörderischen Einstellung der Nazis im Zweiten Weltkrieg gegenüber russischen Kriegsgefangenen.

 

Soziales Engagement

Versorgungsprobleme stellten sich sehr schnell sowohl bei den Soldaten an der Front als auch in der Heimat ein. Durch ehrenamtliches Engagement versuchte man zunächst die ärgsten Schwierigkeiten zu lösen. So wurden in Hagen ein „Zweigverein des Roten Kreuzes“, ein „Kriegshilfsverein“ und ein „Unterstützungsverein zur Unterstützung notleidender Familien“ gegründet. Diese „sammelten und arbeiteten unermüdlich und fanden überall freudige Unterstützung. Auch die Schule, sowohl Lehrpersonen als Schüler, beteiligten sich eifrig an all diesen Bestrebungen durch Sammeln von Liebesgaben und Geld, durch Arbeiten für Krieger und Bedürftige. Reichlich flossen die Gaben im Werte von vielen Tausenden von Mark.“ (Schulchronik Hagen)

Mit Sammlung von Naturalien, an denen auch die Schulen beteiligt waren, wurden die Lazarette in Iburg und Georgsmarienhütte unterstützt (Schulchronik Natrup-Hagen). Geradezu fahrlässig sorgte das Heer offensichtlich für die Frontsoldaten angesichts eines wohl nicht erwarteten Winterkrieges, wenn wir lesen, dass an allen Schulen bei Einbruch des Winters Geld gesammelt wurde, für das dann Wolle gekauft wurde, von der die Mädchen warme Socken, Pulswärmer und Kopfschützer strickten. Stolz vermeldet die Gellenbecker Schulchronik, dass bis Januar 1915 186 Paar Pulswärmer und 127 Paar Socken versandt wurden. Eine ganz besonders spezielle Fürsorge für die Soldaten hatte sich schließlich der Hagener „Pfarrverein zur Versorgung der Soldaten mit guter Lektüre“ auf die Fahnen geschrieben.

  1. Ansichten über den Krieg 1914-1916

 

Jubel und erste Sorgen

Selbstverständlich waren Kriegsausbruch und Kriegsereignisse auch Unterrichtsgegenstand in den Schulen, wie die Chroniken übereinstimmend berichten: „Die Kriegsereignisse wurden fortlaufend besprochen, besonders wichtige Geschehnisse entsprechend gefeiert.“ (Mentrup) Die Chronik Sudenfeld ergänzt: Zur Feier der großen Siege erhielten die Kinder auch wohl schulfrei.“ In Natrup-Hagen weiß Niehoff von einem bemerkenswerten Ergebnis seiner erzieherischen Bemühungen angesichts des Krieges zu berichten: „Um nur etwas hervorzuheben: Es ist erstaunlich, wie die Kinder die Ermahnungen, mit ihrem Frühstücksbrot ehrerbietig umzugehen, beherzigen. Es ist vorbei mit der Unsitte, das Brot achtlos liegen- und auf den Boden fallen zu lassen.“

Von einer wohl zentralen Veranstaltung für die Oberklassen der Schulen berichtet die Schulchronik Sudenfeld. Mit dem damals ganz modernen Medium „Lichtbildapparat“ (Diaprojektor) wurden „die Kinder … in das Verständnis des Kriegs eingeführt durch Lichtbilder in Hagen“.Und natürlich wurde die Veranstaltung zu einer Feierstunde ausgeweitet mit patriotischen Liedern „wie ‚Es braust ein Ruf wie Donnerhall‘, ‚O Deutschland hoch in Ehren‘, ‚Stolz weht die Flagge schwarz-weiß-rot ‘“.

Vielleicht war es immer noch die Hoffnung auf ein baldiges siegreiches Ende des Krieges oder die Einsicht, dass der inzwischen feststellbare Stellungskrieg noch lange andauern könnte, die den Kaiser veranlasste für den 7.-9. Januar 1915 „besondere Buß- und Bittage zur Erlangung eines baldigen Friedens“ anzuordnen. Diese wurden natürlich von den Kirchen gerne aufgenommen, die vollen Gotteshäuser waren aber auch ein Zeichen dafür, dass die Siegeszuversicht einer Sorge um die Angehörigen an der Front zu weichen begann.

Auch der Geburtstag des Kaisers am 27. Januar, bislang immer für die Schulkinder nach einer schulischen Feierstunde schulfrei, bekam 1915 ein eigenes Gepräge angesichts der Sorgen wegen des Krieges: Es „war in diesem Jahre eine besondere kirchliche Feier von den Bischöfen angeordnet. In Hagen wurde am Morgen des 27. Januar ein feierliches Hochamt gehalten. Nach demselben wurde vor ausgesetztem Hochw. Gute das Tedeum gesungen u. für Kaiser und Krieger gebetet. Die Schulkinder nahmen am Gottesdienste teil …“ (Gellenbeck)

 

Scheinsiege und Siegesfeiern

Zum Winter 1914/15 war der Krieg an beiden überdehnten Fronten zum Stillstand gekommen und es begann der Stellungskrieg mit seinen ungeheuren Materialschlachten. Den Kriegsgegnern gelang immer nur ein begrenzter, auf Dauer nicht haltbarer Geländegewinn. Dennoch nutzte Lehrer Heinrich Heine in Sudenfeld seine Schulchronik, um (ausgewählte) Kriegsereignisse der Jahre 1915 und 1916 als eine deutsche militärische Erfolgsgeschichte darzustellen. Wie er haben die meisten Deutschen damals noch an einen Sieg der Mittelmächte geglaubt. Im Einzelnen berichtet Heine von den abgewehrten Durchbruchsversuchen der Alliierten an der Westfront, zum Beispiel von der sogenannten Lorettoschlacht, die im Internetlexikon Wikipedia als „eine der für den ersten Weltkrieg typischen ergebnislosen Schlachten“ beschrieben wird, also letztlich auch ergebnislos für die Mittelmächte. Von der Ostfront berichtet er über den Zusammenbruch der russischen Front und den Vorstößen der Mittelmächte, eine scheinbare Erfolgsgeschichte, die aber nicht verhindern konnte, dass der Krieg an der Ostfront noch mehr als zwei Jahre weiterging.

Das Thema „Luftkrieg“ meint in der Schulchronik noch nicht die vielen Luftkämpfe an den Fronten mit relativ leichten Flugzeugen – wir befinden uns ja noch in der Frühphase der Luftfahrt! – sondern über erste Bombardements auf London von Zeppelinen aus. Auch vom Seekrieg gibt es nur Erfolgsmeldungen, auch wenn überwiegend nur Einzelaktionen einzelner Kriegsschiffe genannt werden. Nur eine große Seeschlacht wird erwähnt: „Die größte Seeschlacht aller Zeiten fand am 31. Mai 1916 vor dem Skagerrak statt. Die deutsche Flotte stand unter dem Befehl des Admirals Scheer und des Vizeadmirals Hipper. Die englische Flotte wurde glänzend geschlagen.“ In der Beurteilung ist heute die Fachwelt allerdings anderer Meinung: „Die Briten hatten deutlich höhere Verluste an Menschenleben und Schiffen zu beklagen, obwohl sie stärkere Kräfte in die Schlacht führten. Der Erfolg der deutschen Seite bestand de facto jedoch nur darin, der Vernichtung entgangen zu sein. Darüber hinaus änderte die Schlacht nichts an der strategischen Ausgangslage, was es der Royal Navy ermöglichte, die Seeblockade bis zum Ende des Krieges aufrechtzuerhalten.“ (Wikipedia)

 

Aber noch wurden Siege gefeiert – zumindest in Gellenbeck berichtet die Schulchronik davon: „Am 23. Juni [1915] wurde anläßlich der Zurückeroberung der Stadt Lemberg eine patriotische Feier veranstaltet und darauf der Unterricht geschlossen.“ Und im Zusammenhang mit der Weihe und Installierung der Glocke der neuen Kirche in Gellenbeck heißt es: „Ein einstündiges ‚Siegesläuten‘ ließ sie am selbigen Abend [26.08.15] erschallen über die Erstürmung und Besetzung der russischen Festung. Möge bald der Tag erscheinen, daß durch ihren Mund hin der langersehnte Frieden verkündet werden könnte.“ Während also Heine scheinbare Kriegserfolge bejubelte, Wolf wenigstens den Frieden herbeisehnte, schrieb Paul Heuermann in seiner Mentruper Schulchronik viel nüchterner: „Der furchtbare Weltkrieg beherrschte wieder das ganze Leben und Denken.“

Und dann folgen neben dem Hinweis auf den gefallenen Friedrich Plogmann aus Mentrup ganz merkwürdige Prozentrechnungen Heuermanns: „Die beiden im Kriege bis jetzt Gefallenen machen noch keine 2/5 % der Bevölkerung aus; in vielen Gemeinden haben schon mehr denn 2 % ihr Leben für Kaiser und Reich zum Opfer bringen müssen. Am 1. Mai 1916 waren von den 540 Einwohnern unseres Schulbezirks 56 eingezogen, also reichlich 10 %.“

 

 

 

  1. Der Mangel im Alltag

 

Nach den Erfahrungen der Kriege des 19. Jahrhunderts konnte sich niemand im August 1914 einen jahrelangen Krieg vorstellen. Entsprechend war die Wirtschaft auch nur auf einen kurzen Feldzug eingestellt, der nach allgemeiner Meinung vor dem Winter zu Ende sein würde. So waren auch Regierung und Volkswirtschaft in keiner Weise auf eine Umorientierung der Wirtschaft eingestellt. Als sich der Übergang zum Stellungskrieg mit seinen Materialschlachten und langer Dauer abzeichnete, griffen auch Regierung und Militär immer stärker in die Wirtschaftspolitik ein, zumal die Seeblockade der britischen Marine Deutschland vom Nachschub wesentlicher Rohstoffe abschnitt. Von den zwei Hauptzielen der Kriegswirtschaft – die Sicherstellung des Nachschubs ungeheurer Mengen an militärischem Material für den industrialisierten Krieg und die Sicherstellung der Nahrungsmittelversorgung der deutschen Bevölkerung –  soll uns hier zunächst die zweite interessieren: Zwar war Deutschland vor dem Krieg weitestgehend in der Lage die Bevölkerung mit Nahrungsmitteln zu versorgen, aber der Nachschub an Nitraten für Kunstdünger und die bereits Ende 1914 durch Preissteigerungen feststellbare Verknappung führten bald zu Unruhen in der Bevölkerung und ersten Planungs- und Rationalisierungsmaßnahmen.

In der Mentruper Schulchronik wird immer wieder betont, dass es in der Gemeinde nicht wirklich Probleme mit der Nahrungsmittelversorgung gegeben habe, auch nicht im „Steckrübenwinter“ 1916/17. Im Folgenden stützen wir uns vor allem auf die ausführlichen Darstellungen von Wilhelm Wolf in der Gellenbecker Schulchronik im Schuljahr 1914/15. Dort sind die oft hilflosen ersten Versuche einer Bewirtschaftung der Rohstoffe und Nahrungsmittel am umfassendsten festgehalten.

Petroleummangel: das Ende der Fortbildungsschule

Zumindest in Sudenfeld (seit Winter 1895/96) und Gellenbeck (seit Winter 1897/98) gab es eine sogenannte „ländliche Fortbildungsschule“, ein zaghafter erster Versuch einer schulischen Berufsbildung, die sich vor allem an in der Landwirtschaft tätige männliche Jugendliche zwischen 14 und 20 Jahren richtete. In den Wintermonaten unterrichteten die Volksschullehrer vor allem in Deutsch („Geschäftsaufsätze“) und Rechnen („insb. Flächen- + Körperberechnungen“), informierten aber auch über politische Themen, zum Beispiel die Arbeiterschutzgesetze. Dieses freiwillige Angebot wurde von vielen Jugendlichen genutzt und fiel als Erstes dem Krieg zum Opfer, da wegen des Petroleummangels die Klassenräume abends nicht mehr beleuchtet werden konnten. Petroleumlampen waren damals noch die wichtigsten Leuchtkörper; die Stromversorgung in der Obermarkt steckte bei Kriegsbeginn noch in den Kinderschuhen, in der Niedermark begann das Stromzeitalter erst 1922.

Kriegsbrot

Brot und Kartoffeln waren die wichtigsten Grundnahrungsmittel in Deutschland und so richtete sich die Bewirtschaftung der Volksernährung vor allem auf diese beiden Produkte. Eine erste Brotverordnung gab es zum 15. Januar 1915, nach der nur noch sogenanntes „Kriegsbrot“ gebacken werden durfte, das mit dem Buchstaben „K“ und dem Datum versehen sein musste. Und da frisches Brot bekanntlich besonders appetitanregend ist, durfte es frühestens 24 Stunden nach dem Backen verkauft werden. Auch die Rezeptur des Brotes wurde geregelt: „Roggenbrot darf nur aus Roggenmehl u. Kartoffelmehl, Kartoffelflocken oder gequetschten Kartoffeln bestehen. Bei Kartoffelmehl u. Kartoffelflocken muß der Zusatz mindestens 10 %, bei gequetschten Kartoffeln mindestens 30 % betragen. Weizenmehl darf nicht im Roggenbrot enthalten sein. Weizenbrot: 70 T. Weizen u. 30 Teile anderes Mehl darf nur in 100 Gramm schweren Stücken gebacken werden. Kuchen besteht aus Weizen- Roggen- u. Kartoffelmehl und muß einen Zusatz von mindestens 10 % Zucker aufweisen. Es darf zum Kuchen nicht mehr als die Hälfte an Weizenmehl dazu verwendet werden.

 

Gleichzeitig wurde das Verfüttern von Getreide an Schweine verboten. Allerdings stellte man fest, dass man gar keinen Überblick über das Geschehen auf den Bauernhöfen hatte und so wurde am 1. Februar zum ersten Mal eine Bestandsaufnahme, Wolf nennt es Kornzählung, gemacht.

Lebensmittelrationierung

Bald aber merkte man, dass es mit solchen Vorschriften und Verboten allein nicht getan war, da die vorhandenen Lebensmittelmengen für den gewohnten Konsum nicht ausreichten. Man musste angesichts eines länger andauernden Krieges und zur Vermeidung von Hungerrevolten in der Heimat, die vorhandenen Lebensmittel rationiert zuteilen„da der Engländer plant, Deutschland durch Aushungerung der Bevölkerung zum Frieden zu zwingen.“  Dazu wurden Brotmarken zum 1. März 1915 eingeführt, die dann zum Einkauf einer begrenzten Menge Brot berechtigten, Offensichtlich war Hauptlehrer Wolf mit der Verteilung dieser Marken an die Gellenbecker Bevölkerung beauftragt, denn in seiner Chronik erläutert er lang und breit an verschiedenen Modellen, wie viele Marken einer Familie zuständen. Die Grundregel aber war: „Eine solche Brotkarte mit 12 Brotmarken für 4 Wochen berechnet erhielt jede Person eines Haushaltes … Auf jede Brotmarke ist in der dafür gültigen Woche zu erhalten: 1 Pfund Mehl oder 700 gr Kriegsbrot oder 900 gr Schwarzbrot oder soviel Zwieback wie aus einem Pfund Mehl gebacken werden können. (etwa 60 Zwiebäcke.)“

Geringere oder keine Zuteilungen erhielten die landwirtschaftlichen Haushalte, die sich ganz oder teilweise selbst mit Brotgetreide versorgen konnten. Aber für sie wurde die Führung eines „Mahlbuches“ verbindlich, in dem der Müller die Menge des gemahlenen Korns bescheinigen musste. Zulässig war pro Kopf das Mahlen einer Menge von 9 kg Brotkorn im Monat.

Interessant ist in diesem Zusammenhang eine kombinierte Bestandsaufnahme von Kartoffeln und Schweinen am 15. März 1915. „Dabei wurde den Besitzern aufgetragen, nicht Kartoffeln an das Vieh zu verfüttern. Damit dem Staate genügende Mengen an Kartoffeln verbleiben, wurde anheimgegeben, möglichst viel Borstenvieh abzuschlachten. Im Bundesratsbeschluß hieß es, falls bis Ende März nicht genügend Schweine abgeschlachtet seien, würden schärfere Maßnahmen getroffen werden. Die Schweinezählung ergab die Anzahl von 607 Stück für die Gemeinde Gellenbeck. In der Zählung vom 15. April belief sich die Zahl auf 534.“

 

Alkoholverkauf

Über eine weitere, recht merkwürdig anmutende Rationalisierungsmaßnahme aus dem ersten Kriegsjahr informiert uns ebenfalls Wilhelm Wolf: „Durch Verordnung des Generalkommandos des 10. Armeekorps wurde der Verkauf von Alkohol beschränkt. Danach dürfen Branntwein, Kognak und andere alkoholhaltigen Getränke außer Wein und Bier an Sonntagen in Gast- und Schenkwirtschaften gar nicht, an den Wochentagen von morgens 10 bis abends 7 Uhr ausgeschenkt werden. Genannte Getränke in Flaschen zu verkaufen, ist nicht gestattet, es sei denn daß der Arzt schriftliche Bescheinigungen gibt.“ Und angesichts der in Hagen auch damals bestehenden Probleme mit Alkoholmissbrauch fügte er hinzu: „Diese Verordnung wird von vielen Familien freudigst begrüßt und dabei der Wunsch geäußert, daß dieselbe auch für die Friedenszeit bestehen bleiben möge.“

  1. Die Finanzierung des Krieges

Kriegsanleihen

Die deutsche Regierung plante, die ungeheuren Kosten Krieges weitgehend durch Anleihen bei der eigenen Bevölkerung zu finanzieren. Diese Kredite sollten nach dem Krieg getilgt werden mit den nach einem Sieg zu erwartenden Reparationszahlungen der Gegner. Neun Kriegsanleihen wurden von September 1914 bis September 1918 im halbjährlichen Rhythmus aufgelegt. In großen Werbefeldzügen wurde bei der Bevölkerung, der „Heimatfront“, an den Patriotismus appelliert, die Ersparnisse dem Staat für die Finanzierung des Krieges zur Verfügung zu stellen. Der Erfolg blieb nicht aus. Fast 100 Milliarden Mark kamen zusammen und reichten hin, etwa 60% der Kriegskosten zu decken.

Von vornherein waren vor allem in den Dörfern auch die Lehrer in die Aktionen mit einbezogen und damit die Schulen Zeichnungsstellen. Um alle Geldreserven des Volkes zu aktivieren, wurden auch die Schüler angesprochen, mit ihren Ersparnissen Kriegsanleihen zu zeichnen. Von der IV. bis zur VIII. Kriegsanleihe haben deshalb diese auch einen Niederschlag in den Schulchroniken gefunden. Die folgende Tabelle gibt die (unvollständigen) Angaben der Chroniken über die Schülerbeiträge wieder:

Kriegsanleihe

Monat der Zeichnung

Hagen

Gellenbeck

Mentrup

Natrup-Hagen

Sudenfeld

IV.

03.16

4000

700

 

600

 

V.

09.16

2200

   

500

 

VI.

03.17

2400

500

500

400

1900

VII.

09.17

4300

600

 

400

 

VIII.

03.18

 

600

   

900

 

Diese Tabelle ergibt insofern ein schiefes Bild, als in den Chroniken, außer in Gellenbeck, das Gesamtergebnis der Zeichnungsstelle fehlt. Es ist anzunehmen, dass vielfach die Eltern ihren Kindern einen kleinen Betrag zur Verfügung stellten, den sie von ihrem eigenen Betrag abzogen. So erklären sich am leichtesten die im Vergleich hohen Beträge an der Schule Hagen und Sudenfeld. Vielleicht sind dort auch die Gesamtbeträge der Zeichnungsstelle angegeben. Jedenfalls verzeichnete Wilhelm Wolf stolz in der Gellenbecker Schulchronik: „Dem Hauptlehrer Wolf wurde am 22. Aug. 17. das Verdienstkreuz nebst Band durch die Post zugestellt. Die beigefügte Urkunde lautet: … ‚Sr. Majestät der Kaiser und König haben allergnädigst geruht, Ihnen in Anerkennung Ihrer besonderen Verdienste um die Werbetätigkeit für die 6. Kriegsanleihe das Verdienstkreuz für Kriegshilfe zu verleihen … ‘“

Gold

Durch die Aufgabe der Golddeckung des Papiergeldes kam es zu einem schnellen Verfall der deutschen Währung. Für den Import kriegswichtiger Rohstoffe war die Regierung nun darauf angewiesen, die Goldvorräte der Bevölkerung in die Hand zu bekommen. Einerseits wurde zu Spenden in der Aktion „Gold gab ich für Eisen“, angelehnt an eine Aktion aus den Befreiungskriegen, vor allem an das nationale Gewissen der Frauen appelliert, ihren Goldschmuck zu spenden. Andererseits gab es Großaktionen zum Umtausch von Gold, besonders auch Goldmünzen, in Papiergeld, das dann allerdings schnell an Wert verlor. Hierbei wurden auch die Schulen eingeschaltet. Von Goldsammlungen berichten die Volksschulen in Hagen, Mentrup und Sudenfeld, wo es für die Sammlung von 220 Mark Goldgeld im Jahre 1916 sogar einen Tag schulfrei gab. Für 1916 gibt Georg Klumpe den Gesamtwert der bei der Spar- und Darlehnskasse Hagen eingezahlten Beträge mit 30.000 Mark an. Und von der besonderen Vertrauensstellung der Lehrer bei solchen Aktionen berichtet auch die Chronik von Natrup-Hagen: „Am 6. Oktober 1917 wurden mir von einem Bewohner der Gemeinde Natrup-Hagen 170 M in Goldgeld übergeben. Der Betrag wurde bei der Reichsbanknebenstelle in Osnabrück gegen Papiergeld umgetauscht.“

  1. Die Ernährungskrise 1916/17

 

Die Landwirtschaft

Mit Ausbruch des Krieges litt die Landwirtschaft in Deutschland unter einem dreifachen Mangel: Es fehlte an Arbeitskräften, da viele Männer eingezogen waren; es fehlte an Pferden, da diese auch an der Front als Zugtiere gebraucht wurden; und es fehlte an Kunstdünger –  einerseits behinderte die britische Seeblockade den Nachschub von Salpeter aus Chile, den andererseits aber auch die Sprengstoffproduktion brauchte.

Paul Heuermann in Mentrup sah aber zunächst noch keine größeren Probleme für die Landwirtschaft: „Ein stark fühlbarer Mangel an landwirtschaftlichen Arbeitern trat hier nicht ein; die bäuerlichen Betriebe sind wenig zahlreich und nicht groß. Die Militärverwaltung hatte aus Osnabrück einige Artilleriegespanne gesandt, unbestellt blieb wohl kein Stück.“ Sorgen macht sich schon eher Heinrich Heine in Sudenfeld: „Der Ausfall der Getreideernte war im Jahre 1915 unter mittelmäßig, die Kartoffelernte fiel dagegen gut aus. Im Jahre 1916 haben wir eine mittelmäßige Getreideernte. Dagegen ist der Ausfall der Kartoffelernte nicht gut. Durch gerechte Verteilung wird es aber gelingen, auch damit auszukommen“.

„Steckrübenwinter“ 1916/17

Die Kartoffel hatte damals einen ganz anderen Stellenwert für die Volksernährung als heute. Neben Brot war sie das Grundnahrungsmittel. Wegen der Rationierung von Lebensmitteln war 1916 der sogar noch Kartoffelverbrauch auf das Zweieinhalbfache im Vergleich zur Vorkriegszeit gestiegen. Und im kollektiven Gedächtnis der deutschen Bevölkerung ist der bevorstehende Winter, der einer der längsten und härtesten werden sollte, als „Steckrübenwinter“ in Erinnerung geblieben. Was Heine als eine „nicht gute Ernte“ bezeichnete, war eine Erntekatastrophe: „Ein verregneter Herbst 1916 verursachte eine Kartoffelfäule, die die Ernte etwa auf die Hälfte des Vorjahres reduzierte. Die Steckrübe … wurde für breite Kreise der Bevölkerung wichtigstes Nahrungsmittel. Man ernährte sich von Steckrübensuppe, Steckrübenauflauf, Steckrübenkoteletts, Steckrübenpudding, Steckrübenmarmelade und Steckrübenbrot.“ (Wikipedia)

Aber Heuermann beurteilte für das ländliche Mentrup die Probleme als nicht so gravierend: „Zwar waren wir Landbewohner, und da speziell die Selbstversorger, noch weitaus am günstigsten daran. Aber das in den gesegneten Friedensjahren üppige Schöpfen aus dem Vollen, das in den beiden ersten Kriegsjahren nur etwas beschnitten war, wich doch einem sparsamen Sicheinschränken. Eine wirkliche Not blieb uns auch jetzt noch fern.“ Das mag auch eine Notiz aus Sudenfeld belegen, wo man noch sogar Kartoffeln abgeben konnte: „Am 24. Nov. 1916 fand eine Kartoffelsammlung durch Knaben der Oberstufe statt. Dieselbe ergab 16 ½ Ctr. Diese Kartoffeln wurden unentgeltlich an die arme Bevölkerung des Industriegebietes in Westfalen verteilt.“                                                          

Dann aber erinnerte Paul Heuermann sich daran, dass es nicht überall so gut ging: „In den dicht bevölkerten Gegenden litten die ärmeren Volkskreise wirklich Hunger. Die Vorräte des platten Landes konnten trotz aller häufig wiederkehrenden Erhebungen und Revisionen, zu denen außer der Polizei und dem Militär auch wir Lehrer herangezogen wurden, nicht vollständig erfaßt werden.“ Und die Folgen der Hungersnot in Deutschland waren dann doch auch in Hagen sichtbar: „Eine lästige Bettelei und ein die Preise auf eine phantastische Höhe treibender Schleich- und Kettenhandel waren die Folge.“ – In den anderen Schulchroniken hat die Hungersnot seltsamerweise keinen Niederschlag gefunden.

Die Ernte 1917

Aber auch für die nächste Ernte fürchtete man wegen des langen und strengen Winters, der sowohl das Wintergetreide schädigte als auch die Frühjahrsbestellung verzögerte: „Der außergewöhnlich strenge Winter behielt seine Herrschaft bis zum letzten April. Eine 20 cm hohe Schneedecke lag von hl. 3 Könige an 5 Wochen lang; sie richtete hier, da der Boden vorher nicht gefroren war, durch Auswintern des Roggens großen Schaden an.“ (Schulchronik Mentrup) Und die Gellenbecker Chronik berichtet: „Am 13. Januar fiel die erste größere Schneemasse u. in der Nacht setzte starker Frost ein. Der Schnee blieb liegen bis Ende April, nachdem an mehreren Tagen größere Massen hinzugekommen waren. … In der Nacht vom 3. Februar wurde auf dem Schulplatz nach dem Min.-Max.-Termometer eine Kälte von 26 ½ °C festgestellt. … Die Besorgnis des Landwirts war groß, denn er konnte durchaus keine landw. Arbeiten vornehmen; die Sorge um eine volle Mißernte oder eine sehr späte Ernte war groß.“ Aber auch mit einem freundlichen Frühjahrsbeginn Anfang Mai waren die Sorgen noch nicht zu Ende, da bald eine bis gegen Mitte Juni einsetzende Trockenheit einsetzte und so die Sommersaat auch nicht gedeihen ließ.

Zumindest in der Sudenfelder Chronik wird dann die Ernte mit einem leichten Aufatmen durchaus positiv gesehen: „Die Brotgetreideernte ist in Deutschland ganz gut ausgefallen. Völlig versagt hat dagegen in den meisten Gebieten Deutschlands die Haferernte. Als ein Glück für unsere Volksernährung ist es zu bezeichnen, daß die Kartoffelernte durchweg gute Erträge geliefert hat.“ Unklar bleibt hier, ob Heine mit guten Erträgen die Gesamtmenge oder den Ertrag pro Hektar meint. Denn bei einem Mangel an Saatkartoffeln im Frühjahr kann die bestellte Fläche nicht sehr groß gewesen sein. Paul Heuermann in Mentrup stellt jedenfalls in seiner Klage über die wucherischen Preissteigerungen fest: „… der Anbau der Frühkartoffeln war so lohnend, daß er in einem Jahr einen Ertrag lieferte, der häufig dem Werte des Grundstücks gleich kam.“

 

Rationierungen

„Zum 15. April wurden die Brotmengen herabgesetzt, so daß es für die Selbstversorger nur 6 kg Brotgetreide pro Kopf u. Monat u. für die Versorgungsberechtigten 200 Gramm Brot pro Kopf u. Tag gab. Dafür wurden die Fleischrationen verdoppelt, also pro Kopf u. Woche 1 Pfund.“ (Schulchronik Gellenbeck) Kopflosigkeit der Behörden im Versuch der Steuerung der Volksernährung zeigt sich auch hier: Bereits 1915 war angeordnet worden möglichst viele Schweine zu schlachten, um Viehfutter (Kartoffeln und Getreide) für die Ernährung der Menschen zu sparen. Zwar hatte Paul Heuermann in Mentrup noch im Frühjahr 1916 notiert: „Mangel an Fleisch trat nicht ein.“ Aber eine Erhöhung der Fleischrationen zum Ausgleich des Mangels an Kartoffeln und Brotgetreide konnte nicht funktionieren, denn „Der Viehbestand ist während des letzten Jahres gewaltig zusammengeschrumpft. Schweine sind nur noch sehr wenig vorhanden.“ (Schulchronik Sudenfeld)

 

  1. Die Preisentwicklung im Krieg

Rationierung beherrschte nun das Konsumverhalten der Menschen. Güter des täglichen Bedarfs waren weitgehend nur noch auf Zuteilungen zu erhalten. So listet Paul Heuermann im Frühjahr 1918 unter anderem auf: „… 50 g Kriegsseife und 250 g Seifenpulver im Monat; 700 g gemahlenen Zucker für 4 Wochen; 65 g Butter für die Woche; 250 g Fleisch für die Woche; 500 g Roggenbrot für den Tag; 500 g Kartoffeln für den Tag. Hinzu kam noch Marmelade und einige andere Lebensmittel, wie Graupen, Gries, Nudeln u.s.w.“  Aber trotz der Steuerung der Nachfrage durch Rationierung gab es während der Kriegszeit aufgrund des geringen Angebots an Waren und Gütern eine immer stärker galoppierende Inflation, die bekanntlich nach dem Krieg noch an Tempo gewann und in der Hyperinflation von 1923 endete.

Paul Heuermann notierte schon 1916 in der Mentruper Schulchronik: „Der Preis fast aller Gebrauchsgegenstände, besonders der Lebensmittel, stieg ganz gewaltig, er war für ärmere Volksklassen vielfach unerschwinglich. Mangel am Notwendigen trat hier nicht ein, wie er leider mancherorts sehr zu beklagen war. Für das Besohlen der Schuhe bezahlte ich 6 M, für das Pfund Butter 2 M (Höchstpreis für Molkereibutter 2,55 M, sie war wucherischer Weise im Ruhrgebiet auf 3,60 M getrieben worden.) … ein Schlachter aus Hagen verkaufte seinen bedeutenden Speckvorrat für 3 M das Pfd. an die Heeresverwaltung. Mangel an Fleisch trat nicht ein. Seife stieg von 20 Pf. auf 1,20 M, gebr[annter = gerösteter] Kaffee von 1,80 M auf 3,60 M.“ Und im Jahr 1917 ergänzte er: „Die Kaufkraft des Geldes sank gewaltig. Der Produzent hatte eine goldene Zeit, auch die Landwirtschaft. Ferkel stiegen zeitweilig auf 50 M und darüber, Kühe erster Klasse erzielten 1500 M und mehr, gute Pferde galten 4-5000 M; das Liter Milch kostete auf dem Lande 25 Pf.“

Auf eine für die vielen Selbstversorger und Kleinlandwirte in Hagen besonders besorgniserregende Entwicklung weist die Sudenfelder Chronik hin. Sämereien für die Frühjahrsbestellung im Garten kosteten inzwischen das Fünf- bis Achtfache.

Während des Krieges, wahrscheinlich 1918, legte Wilhelm Wolf in der Gellenbecker Schulchronik die hier wiedergegebene Tabelle zu vielen alltäglichen Preisen an. 1920 ergänzte er sie um einige Preise, die die bis dahin fortgesetzte Inflation zeigen.

Vergleichende Tabelle von Preisen, welche während des Krieges gefordert bzw. gezahlt wurden

Waren

Friedenszeit

Mark

Kriegszeit

Mark

Herbst 1920

Mark

1 Ztr. Roggen

8,00-9,00

13,50

79,00

1 Ztr. Weizen

9,00-10,00

15,00

85,00

1 Sack Mais (150 Pfund)

9,00-11,00

90,00

 

1 Sack Wicken (150 Pfund)

10,00-12,00

100,00

 

1 Brot

½

1,30

6,60

1 Pfund Butter

1,00-1,20

4,00-25,00

 

1 Ei

0,03-0,06

0,50-1,50

 

1 Pfund Schinken

0,85-1,10

5,00-25,00

 

1 Pfund Speck

0,60-0,70

5,00-15,00

18,00

1 Liter Speiseöl

1,20-1,60

12,00-32,00

 

1 Pfund Kalbfleisch

0,70

3,00-8,00

12,00

1 Pfund Salz

0,10

0,20

0,50

1 Pfund Zucker

0,30-0,40

0,52-5,00

 

1 Pfund Blau(Bick-)beeren

0,08-0,13

1,50-1,80

3,00

1 Pfund Erdbeeren

0,60

4,00

 

1 Pfund Kirschen

0,05-0,20

1,80-2,50

 

1 Ztr. Äpfel (Tafelobst)

4,00-5,00

80,00-100,00

 

1 Ztr. Kartoffeln

4,00-4,50

5,50-20,00

80,00 M Wucherpr.

1 Glas Bier

0,10

0,20

0,60

1 Liter Cognac

2,50

35,00-50,00

 

1 Flasche Wein

1,50-2,00

14,00-18,00

25,00-35,00

1 Liter Vollmilch

0,10-0,12

0,32-0,54

0,82-1,80

1 Rolle Nähgarn

0,22-0,25

8,00

 

1 m Stoff zum Herrenanzug

8,00-16,00

85,00-150,00

 

1 fertiger schwarzer Anzug

75,00-90,00

700,00-1000,00

bis 1600,00

1 m Baumwollstoff

0,60-1,00

16,00-20,00

 

1 Trauring

12,00-20,00

60,00-100,00

 

1 Paar Herrenschuhe

12,00-16,00

70,00-100,00

230,00-350,00

1 Lodenhut (Herren)

4,00-5,00

30,00-50,00

90,00-200,00

1 Velourhut

24,00

80,00-90,00

bis 600,00

1 Regenschirm

6,00-10,00

50,00-80,00

bis 160,00

1 Ztr. Steinkohlen

1,00-1,15

5,90

17,50

1Liter Petroleum

0,12

0,40-0,52

4,75

1 Stück Seife

0,30

16,00-20,00

 

1 Ztr. Heu

2,40

8,00-22,00

 

1 Graspfand zum Heuen (1000 qm)

7,00-11,00

80,00-140,00

 

1 Haufen Brennholz

7,00-16,00

30,00-80,00

100,00-250,00

1 Arbeitspferd

800

6000-11000

25000

1 Kuh

250-400

2000-4000

4000-9000

1 Ziege

12,00-20,00

200-300

 

1 Kaninchen

1,00

16,00-24,00

 

1 Schlachthuhn

2,50

15,00-20,00

 

1 Paket Streichhölzer

0,10

0,85

3,50

1 Zigarre

0,05-0,15

0,60-2,00

 

1 Pfund Tabak

0,40-2,00

18,00-24,00

 

1 Rolle Kautabak

0,10

1,50

2,00

1 Pfund Kaffeebohnen

1,80

40,00-50,00

 

1 Schweinchen (6Wochen)

10,00-20,00

120,00-210,00

 

1 Schreibheft

0,10

0,35

1,50

1 Bogen Aktenpapier

0,01-0,02

0,08-0,15

 

1 großes Kuvert

0,02

0,10-0,12

 

Stundenlöhne für Handwerker

0,50-0,60

1,30-2,00

4,50-6,00

Beamtenbesoldungen (Jahr)

3000,00

6000

18000

Valuta des deutschen Geldes

1,00

0,17-0,34

 

 

Bei verschiedenen Waren wurden Höchstpreise festgesetzt, die aber in den meisten Fällen bei weitem überschritten wurden; es entwickelte sich ein umfangreicher Schleichhandel, wodurch die Preise übermäßig in die Höhe getrieben wurden.“

 

 

 

  1. Sammelaktionen der Schulen

 

Reichswollwoche

Um den Rohstoffmangel zu steuern, wurde immer stärker zu reichsweiten Materialsammlungen aufgerufen. In diese Aktionen wurden auch ganz erheblich die Schulen eingebunden.  Im Januar 1915 bereits wurde eine „Reichswollwoche“ ausgerufen „und im ganzen deutschen Vaterlande angesetzt, um alte Woll- und Baumwollwaren zusammenzubringen. Aus diesen Wollwaren sollen Decken für die im Felde stehenden Soldaten hergestellt werden.“ –  Alle überflüssigen Wollsachen wurden gesammelt, in Iburg gereinigt und in Hagen zu Decken, Westen und Hosen verarbeitet und dann den Soldaten übermittelt.“

Altmetalle und Gummi

Die Abhängigkeit Deutschlands vom Rohstoffimport führte schnell dazu, dass wegen der Einfuhrblockade und des hohen Bedarfs der Armee aus Abfall Wertstoffe wurden. Vor allem Metall und Gummi für die Front waren gefragt. Dabei wurde auch die zwangsweise Abgabe von Metallwaren angeordnet: „Der Vorschrift gemäß war am 20. Sept. [1915] die Kupferabnahme in der Gemeinde Gellenbeck. Sämtliche kupfernen Gerätschaften, Kessel etc. mußten abgegeben werden. Es wurden 4 M pro kg Kupfer gezahlt. Die Gemeinde Gellenbeck lieferte für etwa 2000 M ab.“ (Schulchronik Gellenbeck) Von einer „Altmetall“ Sammlung weiß die auch Schule Mentrup zu berichten.

Zu ergänzen ist, dass 1917 Bronzeglocken und Orgelpfeifen wegen ihres Zinngehaltes abzuliefern waren. Von Hagen wird berichtet, dass eine der Glocken der Martinuskirche abgeholt wurde. „Es wurden bezahlt für ein Kilogramm 2,- Mark, dazu 1000 Mark Grundgebühr.“ (Hagener Geschichten S. 164) In Gellenbeck musste keine Glocke abgeliefert werden, da ja 1915 nur eine einzige überhaupt erworben werden konnte. Aber Teile der bescheidenen, 1915 gebraucht gekauften Orgel waren abzugeben: „Dagegen mußten die Orgelprospektpfeifen im Juni bei der Drahtseilfabrik Vornbäumer in Iburg abgeliefert werden, nachdem dieselben durch die Firma Orgelbauer Haupt Osnabr. abmontiert wurden. Eine Reklamation nebst Gutachten des Domorganisten Bäumer, Osnabr. und schriftl. Fürsprache des Bischfl. Generalvikariats war ergebnislos. Die Prospektpfeifen hatten ein Gewicht von 59 ½ kg. Der Preis soll 5 M pr. kg betragen.“ Pastor Görsmann kommentierte das in seinem „Neujahrsgruß an unsere lieben Soldaten“ von Ende 1917 so: „Der Ton der Orgel hat zwar gelitten, aber unser Herr Hauptlehrer weiß sie trotzdem zu meistern, so daß sie für den Gottesdienst vollauf genügt. Auch der Blitzableiter ist für Heereszwecke uns enteignet … worden. So hat auch die Kirche ihre Kriegsopfer gebracht.“

 

Die Motorisierung hatte bereits in großem Umfang auch die Kriegsführung erreicht und für die Fahrzeugbereifung wurde in großen Mengen Gummi benötigt, das damals nur aus dem tropischen Naturrohstoff Kautschuk herzustellen war. Und so gab es auch eine Abgabevorschrift: „Das Radfahren ist nur noch denen gestattet, die einen Berechtigungsschein vom Generalkommando erhalten. Alle anderen müssen ihre Radbereifung abliefern.“ (Sudenfeld) Die Sammlung oblag natürlich wieder den Schulen.

Ähren

Schon im Alten Testament lesen wir im Buch Rut davon, dass die Besitzlosen nach der Getreideernte die Felder nach übrig gebliebenen Ähren absuchten. Und für unser Land wird von solchem Ährensuchen auch noch aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erzählt. Für den Ersten Weltkrieg berichtet Georg Klumpe von einer solchen schulischen Sammelaktion, die im Sommer1916 und 1917 den gewaltigen Ertrag von 40 Zentnern (= 2000 kg) ergeben habe. Auch im „amtl. Schulblatt wird hingewiesen auf den großen Gewinn des Ährenlesens durch die Schulkinder. Da jedoch viele der ärmeren Leute aus Ährenlesen einen Teil ihres Lebensunterhaltes in der schweren Kriegszeit erzielen müssen,“ (Schulchronik Gellenbeck) wurden die Gellenbecker Schüler nicht zum Ährensammeln geschickt.

Beeren/Früchte/Blätter/Brennnesseln

Auch in der Natur suchten die Schüler nun alles zusammen, was irgendwie zu gebrauchen war und bisher vielleicht übersehen wurde: Aus Brennnesselstängeln wurden Fasern für Textilgewebe gewonnen; aus Brombeer- und Himbeerblättern wurde Tee für die Lazarette gemacht; auch die vielseitige Verwendbarkeit der Farnkräuter für medizinische Zwecke wurde genutzt; Beeren und Früchte wurden ebenfalls für die Lazarette gesucht. Vor allem das Bickbeerensammeln in den umliegenden Wäldern hatte in Hagen eine lange und ergiebige Tradition, auch als schulische Aktionen. So hatte noch im Sommer 1915 die Schule Sudenfeld Bickbeeren gesammelt und verkauft und von dem Geld 12 Bände für die Schulbibliothek und „Karten von den verschiedenen Kriegsschauplätzen“ gekauft. Und Gellenbeck berichtet von einer Menge von 300 Pfund, die im Sommer 1917 gesammelt wurden. Obstkerne und Bucheckern wurden gesammelt für die Produktion von Speiseöl. Hinzu kamen immer noch zu Weihnachten Sammlungen „milder gaben für Krieger und Lazarette“, wozu neben Bargeld und Obst auch Backzutaten gehörten, wovon im Frauenverein, der die Weihnachtspaketaktion organisierte, wohl Kuchen gebacken wurde.

Für den 16. und 17. August 1917 berichten die Chroniken in Mentrup und Gellenbeck von einer besonders reizvollen Aktion. Die Schüler der oberen Jahrgänge hatten an diesen Tagen die „nicht uninteressante Aufgabe, die Äpfel von den Chausseebäumen zu pflücken, zu schütteln und zu werfen …“ (Mentrup)  Die Schüler sollten so im Rahmen des „vaterländischen Hilfsdienstes“ alle Bäume „an der Landstraße von Hagen-Beckerode bis Natrup-Hagen (Gastwirtschaft Wilh. Witte) abernten u. nach der Sammelstelle B. Bensmann-Gellenbeck schaffen. Das Obst soll zu Marmelade für den Kreis verwandt werden. Durch unsere Schulkinder wurden 65 Zentner zusammengebracht.“ (Gellenbeck)

Laubheu

Vor allem im Jahr 1918 wurde an den Schulen eifrig Laub von Bäumen und Sträuchern gesammelt und getrocknet. Die Schule Gellenbeck verzeichnet stolz in ihrer Chronik: „Gemäß Anordnung der Behörde wurde nach den Sommerferien bis zum 15. September die Schulzeit vielfach zum Laubheusammeln benutzt. Am 5. November wurden 26,8 Zentner (in 20 Pfundsdüten) abgeliefert, nachdem schon am 6. Sept. 15.2 Ztr. abgegeben waren. Der Preis beträgt im ganzen pro Zentner 20,20 M. 42 Zentner oder 2,1 Tonnen sind wahrlich eine erstaunliche Leistung. Das von den Schülern gesammelte Laub musste sorgfältig getrocknet werden, um Schimmelbildung zu vermeiden. Vielen Schulen fehlte dafür der nötige Raum. Die Schule Gellenbeck verfügte über einen großen Dachboden, der dafür wohl genutzt wurde (zumindest wurden dort im Zweiten Weltkrieg die großen Mengen gesammelter Kräuter getrocknet). Das Laubheu wurde dann an die „Laubfutterstelle der Heeresverwaltung“ abgeliefert. Es wurde gemahlen und mit Melasse vermischt zu Futterkuchen gepresst. Diese bildeten nach mehreren schlechten Haferenten einen hochwertigen Futterersatz für die Frontpferde

 

 

 

 

  1. Zwischen Resignation und Hoffnung 1917/18

 

Von einer Kriegsbegeisterung ist in allen Schulchroniken nun nichts mehr zu spüren, vorsichtig drückt es Paul Heuermann in Mentrup so aus: „Die Stimmung des Volkes war im 4. Kriegsjahre natürlich nicht mehr so schwungvoll wie 1914 …“ Auch Gründe dafür lassen sich in den Chroniken leicht finden:

Den Familien fehlten die Väter, Söhne und Brüder, die seit Jahren an der Front standen (in Mentrup allein 63 Männer im Jahr 1917). Die Zahl der Gefallenen stieg, Trauer zog in jede Verwandtschaft und Nachbarschaft ein (allein in Gellenbeck gab es bis Ende 1917 39 Gefallene). Die Versorgung mit Nahrungsmittel nahm dramatische Formen an, auch wenn in der Samtgemeinde Hagen noch niemand Hunger leiden musste. Aber auch hier galt: „Die Arbeitsleistung und der Kräftezustand gingen darum stark zurück.“ (Schulchronik Mentrup) Es herrschte Mangel an allen Gütern bei einer gewaltigen Inflation der Preise.

Ein kleiner Hoffnungsschimmer, der Krieg könne doch noch bald und sogar siegreich zu Ende gehen, flammte im März 1918 auf. Russland hatte kapituliert und am 3. März wurde der Friedensvertrag von Brest-Litowsk unterzeichnet. „Aus Anlaß des Friedensschlusses mit Rußland war auf Anordnung am Dienstag, den 6. März schulfrei.“ (Schulchronik Gellenbeck). Als dann die deutschen Frühjahrsoffensiven, die letzten Versuche der Mittelmächte im Westen doch noch zum Erfolg zu kommen, zeitweilig von Erfolg begleitet waren, schrieb Wilhelm Wolf in die Gellenbecker Chronik: „Am 26. März war ebenfalls auf Anordnung Sr. Majestät in der ganzen Monarchie siegesfrei aus Anlaß der geglückten Offensive gegen die Engländer, die etwa 90000 Gefangene brachte. Nach der hl. Messe versammelten sich sämtliche Schulkinder auf dem Schulplatz. Nach einer Ansprache wurden einige Gedichte und Lieder vorgetragen.“

 

Regierung und Behörden suchten täglich und wohl auch unsystematisch nach neuen Wegen um, der Probleme in Wirtschaft und Versorgung Herr zu werden. „Eine Hochflut von Verfügungen füllte die Kreisblätter; Landräte und Vorsteher waren geplagte Leute, die nur mit Hilfskräften die ungeheuer gestiegenen Mehrarbeiten zu leisten imstande waren.“ (Schulchronik Mentrup) Dabei wurden bei den vielen ziemlich unkoordinierten Maßnahmen immer stärker auch die Lehrer einbezogen, worunter dann der Unterricht zu leiden hatte. Paul Heuermann in Mentrup listete für das Schuljahr 1917/18 einmal auf: „Der Unterricht fiel an manchen Tagen aus, da meine Mitwirkung zu nachstehenden Kriegsmaßnahmen vom Landratsamte angeordnet wurde:

  1. 5. Dez. Volkszählung,
  2. 1. Juni, 1. Sept., 1. Dez., 1. März Viehzählung,

2., 3., 4. Mai u. 8., 9., 10., 12. Nov. Kartoffelnachzählung Gel[lenbeck],

20.-27. März Vorrätenachschau in Hagen,

13., 15., 16. Juni Anbauflächenaufnahme in Mentrup …“.

Hauptlehrer Wolf in Gellenbeck hat dann aber noch einmal Gelegenheit, zu großer patriotischer Form aufzulaufen, kam der Krieg nun doch noch nach Gellenbeck: „Im August ging bei Dörenkämper gegen Abend ein Papierballon nieder, er hatte einen Durchmesser von 3 m und trug einen Firmenstempel mit nachstehender [von Wolf sorgfältige abgezeichneter] Inschrift:

A.W.GAMAGE LT.D.

HOLBORN
Werks-Depot

PHOENIX_PLACE

Mount-Pleasant, W.C.

Drawing Nr …

Date …

Wahrscheinlich hat dieser von der Westfront kommende Ballon Flugschriften fallen lassen.“  Zwar trug der Ballon wohl kein Propagandamaterial der amerikanischen Truppen mehr bei sich, aber Wolf wurde aktiv: „Der Ballon wurde mit den notwendigen Bemerkungen vom Hauptlehrer Wolf an das Stellvertretende Generalkommando X. Armeekorps, Abteilung „Abwehr“ gesandt.“ Enttäuschend war dann allerdings die Reaktion: „Eine Antwort von dort ist nicht eingetroffen.“

 

 

  1. Ende und Neubeginn

 

Das Kriegsende

Nach dem Kriegseintritt der USA 1917 war die Lage an der Westfront immer hoffnungsloser geworden. Nach einigen Erfolgen der Mittelmächte im Frühjahr 1918 wurden die gewonnenen Gebiete im Sommer wieder verloren. Eine Niederlage war abzusehen. Das Kaiserreich Österreich-Ungarn löste sich im Herbst auf. Deutsche Marinesoldaten verweigerten einen sinnlosen Einsatz und lösten die Revolution und mit dem Waffenstillstand das Kriegsende aus, wovon dann die Schulchroniken wieder berichten. Interessant ist, wie die verschiedenen Schreiber der Chronik mit der Niederlage umgehen.

Demobilisierung

Im Waffenstillstandsvertrag, der am 11. November 1918 im Wald von Compiègne vereinbart wurde, war eine sofortige Räumung der besetzten Gebiete und die Rückführung der deutschen Truppen in die rechtsrheinischen Gebiete vorgesehen. Das erforderte, da der deutschen Armee durch die weiteren Bedingungen eine Weiterführung des Krieges unmöglich gemacht war, die Truppenverbände auch weitgehend aufzulösen. Sie wurden für eine kurze Übergangszeit auch in Schulen untergebracht, davon berichten auch die Chroniken aus Sudenfeld und Natrup-Hagen. Wie Lehrer Niehoff berichtet, „demobilisierten hier am Platze [in Natrup-Hagen] im Lauf des Monats Dezember Landwehr Inf. Regt. Nr. 68, 65, 25, ein Landsturm Battl. und ein Divisionsstab.“ Sicher war es die Bahnhofsnähe, die Natrup-Hagen zu einem Demobilisierungsstandort machte, denn auch „vom 1. Dezember 18 bis Anfang Januar 19 wurde unsere Schule vom Militär als Massenquartier in Anspruch genommen. Die letzten Mannschaften … verließen unseren Ort Ende September 1919. Das Auflösungskommando wurde nach Bramsche verlegt.“

Einen besonderen Aspekt der Demobilisierung erlebte dann Sudenfeld im Dezember 1918, als dort auf dem Schulhof 150 Militärpferde versteigert wurden. „… dabei wurden gute Pferde zu 400-600 M verkauft, während solche jetzt 3000-5000 M kosten.“ Angesichts der Vorkriegspreise von etwa 800 Mark und bei fortgeschrittener Inflation geradezu ein Schnäppchen.

Normalisierung des Schullebens

Nach und nach kamen auch die zum Kriegsdienst eingezogenen Lehrer zurück. Während der Hagener Lehrer Heinrich Brankamp 1917 gefallen war, kehrten seine Kollegen Josef Escher (1919) und Gustav Müller (nach Gefangenschaft 1920) an ihre Schule zurück. Auch Heinrich Krallmann in Gellenbeck war schon bald wieder im Schuldienst. Bisher verwaiste oder neu zu errichtende Schulstellen konnten besetzt werden. Das war besonders wichtig an der zweiklassigen Schule Sudenfeld, wo während des ganzen Krieges ein Lehrer die ganze Unterrichtslast allein zu tragen gehabt hatte. Lehrer Ferdinand Wahmhoff wurde nun in die zweite Lehrerstelle eingewiesen.

Wahmhoff war ein typischer Vertreter der Kriegsgeneration. Nach seinem Examen 1913 hatte er den ganzen Krieg als Soldat erlebt und war hochdekoriert heimgekehrt. Und in Sudenfeld übernahm Wahmhoff gleich ein sicher als adäquat empfundenes Ehrenamt. Man fürchtete unsichere Zeiten und rüstete sich: „Zum Schutze der Einwohner gegen Diebstähle und Überfälle wurde auch in unserer Gemeinde eine Bürgerwehr ins Leben gerufen. Dieselbe hat zirka 60 Mitglieder. Führer der Wehr ist Lehrer Wahmhoff. Zwölf Infanteriegewehre Modell 98 stehen der Bürgerwehr zur Verfügung. Bis jetzt ist in der Gemeinde Sudenfeld noch kein Diebstahl zu verzeichnen.“

 

Wahlen 1919

Der Aufbruch in eine neue Zeit, die politisch nicht mehr kaiserlich-autoritär, sondern demokratisch-selbstverantwortlich sein sollte, wird markiert durch die Wahlen zu den verfassunggebenden Parlamenten. Am 19. Januar 1919 wurde die deutsche Nationalversammlung gewählt und eine Woche später die preußische Landesversammlung. Für die Schüler erfreuliche Ereignisse, gab es doch jeweils am Tag vorher, einem Samstag, schulfrei.

 

Georg Klumpe teilt uns für seinen Schulbezirk Hagen/Altenhagen die Wahlergebnisse mit: Von 969 Wahlberechtigten hatten am 19. Januar mindestens 900 gewählt, Klumpe erwähnt nur die Stimmenzahl von drei Parteien. Auf dieser Basis sieht das Ergebnis so aus:

 

Hagen/Altenhagen

 

zum Vergleich Deutschland

Zentrum

551       61,2 %

19,7%

Deutsch-Hannoversche Partei (DHP)

  46         5,1 %

  0,2 %

Sozialdemokraten (SPD)

303       33,7 %

37,9 %

Schlusswort

Der nachdenkliche Paul Heuermann in Mentrup allerdings sieht überhaupt nicht frohgemut in die Zukunft angesichts der neuen deutschen Machtlosigkeit nach dem Krieg und der ungewissen politischen Zukunft: „Alles in allem eine tieftraurige Zeit für jeden denkenden Menschen, namentlich im Hinblick auf die Zukunft, die von haßerfüllten Feinden bestimmt wird. Möge Gott gnädig auf uns herabsehen, damit unser armes geliebtes Vaterland nicht durch den Unverstand seiner Kinder und die Bosheit der Gegner ganz zugrunde gerichtet wird.“